Gerade erlebe ich einen unglaublich spannenden Prozess, den ich mit euch teilen möchte. Ich glaube, dass mein Begreifen auch für viele von euch interessant sein könnte.
Ich wurde in eine Familie hineingeboren, die in jeder Hinsicht im Mangel lebte. An jeder Ecke war ein Mangel von Liebe, Selbstbewusstsein, Gesundheit und Geld. Im Laufe meiner Kindheit ging der Geldmangel auf dem Konto meiner Eltern zwar weg, wir lebten finanziell einige Jahre im Überfluss, aber niemand von uns fühlt ihn.
Der gravierendste und schmerzhafteste Mangel war der an Liebe, Gesehenwerden und der damit verbundenen Anerkennung. Doch auch der ehemals finanzielle Mangel schwang immer noch seine Keule durch mein Leben und ich saugte die Glaubenssätze meiner Eltern in mich auf, wie ein ausgetrockneter Schwamm.
Je älter ich wurde, umso mehr begann ich, ihre Muster zu hinterfragen und aufzuarbeiten. Doch immer wieder schickt mir das Leben so wunderbare Lektionen über mich selber, wie gerade jetzt.
Das Schicksal schenkte mir eine Herzensfamilie, die mich mit offenen Armen aufnahm, mir ihr Herz öffnete und mich jetzt teilhaben lässt an ihrem Leben.
Hier erlebe ich zum Ersten mal Familie, auf eine Art, die sehr heilsam für mich ist. So oft werde ich mit meinen Glaubenssätzen konfrontiert, die mir so, gar nicht bewusst sind. In meinem Leben war Familie immer eine Bedrohung für meine Seele, meistens limitierend, Energie kostend, einengend und manchmal sogar so, dass sie mein Selbstvertrauen in tausend Stücke brach.
Ein Beispiel:
Ich stand in der Küche mit einer riesigen Vanille-Eisbox und füllte mir 2 Kugeln in meinen Becher. Die Tochter der Familie kam dazu und fragte, ob ich ihr auch welches mache und ich gab dem Kind ebenfalls 2 Kugeln. Sie meinte entgeistert: Nur zwei Kugeln, Rachel, ich will vier Kugeln!
Ein breites Grinsen huschte dabei über ihr Gesicht.
Was passierte mit mir?
Um Himmelswillen, vier Kugeln? Ne das kannst du nicht machen, das ist viel zuviel. Dann ist das Eis alle und vielleicht will sonst noch jemand und außerdem, vier Kugeln ... Ich dachte sofort an mein eigenes Übergewicht und hörte meine Eltern, Rachel, schmier dir nicht so viel Nutella aufs Brot, sonst wirst du fett (damals war ich noch schlank), Rachel, nicht mehr als 2 Eiskugeln, diese maßlose Völlerei ist eine Sünde und widerlich, Rachel, glaubst du, dass Essen wächst auf den Bäumen? Und und und ...
Irritiert von meinen Gedanken, nutze ich den Moment, in dem der Vater die Szene betrat und sagte: Du, frag den Papa.
Kind: Papaaaaa, die Rachel hat mir NUR zwei Kugeln Eis reingemacht, darf ich vier haben?
Und was sagte der Papi? Klar Schätzen, du kannst auch fünf haben, ich geh gerne los und hole noch eine Packung Eis, wenn nix mehr da ist. Weißt du Rachel, die Kleine kann das gebrauchen. Habt Spaß beim Essen Kinder.
Ich stand da und spürte diesen Schmerz und zeitgleich dieses Glück in mir. Ich fühlte, wie dieses Muster anfing zu bröckeln und dieser Mangelzustand meiner Kindheit herausbrach. Das Gefühl, nie genug zu bekommen und zeitgleich die Panik, kein Mass zu haben und nicht gesund für mich sorgen zu können.
Solche Situationen erlebe ich sehr häufig, wenn ich hier bin. Immer wieder und wieder werde ich mit meinem Mangel konfrontiert und mit dem Gefühl tief in mir, keine Gesunde Beziehung zu mir selber haben zu könne, weil ich dazu irgendwie nicht fähig bin.
Diese Beobachtungen sind so unglaublich bereichernd denn mit jeder neuen Erkenntnis, werden diese Muster in meiner Seele gelockert und schlussendlich aufgelöst.
Hier sagt man mir jeden Tag, dass ich wertvoll bin, weil ich da bin, dass meine Anwesenheit ein Geschenk ist. Jeden Tag hör ich, Rachel ich hab dich lieb, werd liebevoll und innig umarmt. Ich muss keine Angst haben zuviel zu Essen, zu wenig zu tun, nicht genug zu haben oder nicht genug zu sein, nicht genug geben zu können. Es ist genug da und ich bin genug. Witzigerweise habe ich immer wieder lust, mich zu bewegen, die Zeit mit den Kindern zu nutzen um Trampolin zu hüpfen oder Pennyboard zu fahren.
Und es ist so heilsam.
Ich weiß, nicht jeder hat die Möglichkeit, seine Kindheit so aufzuarbeiten und seiner Seele so viel Raum zu geben aber wenn ihr Menschen findet, die euch dabei helfen, dann geniest einfach und nehmt es an.
Natürlich weiß ich, dass ich 32 Jahre alt bin, und trotzdem kann ich hier meinem inneren Kind Raum geben. Der kleine, unendlich traurige, verletzte Junge in mir, erfährt gerade all die Liebe und Heilung, die er braucht. Ich sauge alles in mich auf, als wär ich immer noch der ausgetrocknete Schwamm von früher.
Mir scheint, als wär 32 das beste Alter, um alles umzukrempeln, immerhin hab ich noch ⅔ meiner Lebenszeit vor mir. Ich mein, wenn nicht jetzt, wann dann?
Wie geht es euch?
Seid ihr auch noch voller Glaubenssätzen die euer Denken, Handeln und Fühlen leiten, arbeitet ihr daran sie aufzulösen oder denkt ihr, so ein Humbug, was redet asperger-kids da bloß wieder für ein Schmarrn?