Hallo Filosof!
Du machst ja ein großes Fass auf, mit deinen Gedanken zur organisierten Religion! Eines verstehe ich daran nicht. Zum einen scheinst du ja davon generell nichts zu halten. Auf der anderen Seite möchtest du den Menschen, die davon viel halten, Vorschriften machen, was sie tun und lassen sollten. Nun ja, das musst du ja selbst wissen. Ganz ehrlich, ich habe den Versuch unternommen, mich von dem organisierten Christentum abzuwenden. Das hat auch eine Weile lang gehalten. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, als würde ich aus einem gedanklichen Gefängnis ausbrechen. Das führte dann zu absoluter Narrenfreiheit. Ich bin der Ansicht, dass sich der Mensch nach Liebe und Freude sehnt und Angst vor der eigenen Vergänglichkeit hat. Du kannst dir natürlich ein System zusammenbasteln, in dem du irgendwelche Lösungen dafür präsentieren kannst. Aber die Willkürlichkeit und Subjektivität einer solchen Weltanschauung hat mich nicht überzeugt. Dann blieb noch ein Nihilismus im Sinne Nietzsches: "Nimm dein Schicksal selbst in die Hand. Erschaffe Unsterblichkeit mit den Mitteln, die dir zur Verfügung stehen." Das geht schon. Wenn du aber kein Übermensch bist, dann hat das so seine Tücken. Auch das war für mich eher eine Sackgasse. Letztendlich wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ich dem Wahrheitsanspruch der christlichen Botschaft wirklich etwas entgegensetzen konnte. Daran ist mein Unglaube gescheitert. Und was das organisierte Christentum angeht: Wenn man die Orthodoxie kennenlernt, das, was sich hinter der Fassade verbirgt, wie du sie beschrieben hast, dann findet man demütige Männer und Frauen, die Kritik üben an Dekadenz und Materialismus. Heilige wie Seraphim von Sarow oder Vater Seraphim Rose. Wundertäter wie Johannes von Kronstadt und Johannes von Shanghai. Schätzungsweise 12 Millionen orthodoxe Russen fielen im letzten Jahrhundert den Bolschewisten zum Opfer. Vielleicht solltest du deine Kritik eher an die christlichen Kirchen des Westens richten, die Christenverfolgung nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen. Ich kann nur empfehlen, einmal hinter die Fassade zu blicken.
Gruß
RE: Die Macht der Tradition – Warum das Luthertum nicht meine geistliche Heimat werden konnte