Vor einigen Tagen wurde ein Literaturpreis
der deutschsprachigen Literatur,
in einer Stadt im Süden vergeben.
Auf den ersten Blick eine nicht außergewöhnliche
Veranstaltung.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Preise für Literatur.
Es werden nationale Preise,
internationale Auszeichnungen,
Würdigungen für besondere Sparten, usw.
ausgelobt.
Das Goethe-Institut schätzte die Anzahl der
Literaturpreise auf über 1300.
Jährlich kommen neue Prämierungen hinzu
Warum ist dieser eine Literaturauszeichnung so besonders?
Dieser Literaturpreis gilt als eine der wichtigsten
Auszeichnungen, welche Autoren erlangen können
- theoretisch zumindest.
Für den Hauptpreis wird ein Preisgeld von
25 000,- Euro vergeben.
Daneben werden noch 4 weitere Auszeichnungen
ausgelobt.
Der mehrtägige Wettbewerb wird
medial inszeniert,
auf den Fernsehkanälen übertragen,
ausführlich beworben,
allerorten diskutiert, …
Von der Presse hieß es:
Der diesjährige Preis sei
„der heißeste Preis aller Zeiten – teilweise
hatte es am Austragungsort 38 Grad Celsius“.
Bei der Übertragung sieht man die Juroren,
wie sie sich exzessiv mit den Fächern die Luft
zufächeln.
Philologen,
Literaturwissenschaftler,
Germanisten,
Vulkanologen,
Komparatisten,
Literaturkritiker,
Epigonen der wohlfeilen Literatur,
sind voll des Lobes über diese Auszeichnung.
Alle Welt schaut auf die Stadt im Süden,
die sich während der Austragungstage
zum literarischen Zentrum entwickelt.
Wenn diese Leute das sagen,
so muss es wohl stimmen, oder?
Den Namen dieses Literaturpreises verrate ich
euch jedoch nicht.
Den Ort der Austragung dieses Turnieres
verrate ich euch ebenfalls nicht.
Wenn ich dies tun würde,
erführe mein Steemit-Blog eine Kernschmelze
der besonderen Art.
Ich müsste mir über Personenschutz Gedanken machen
und
ein eigenes Sicherheitskonzept ausarbeiten.
Ich könnte meine nächste Bewerbung für
den Literaturpreis vergessen.
Nach diesem Artikel werde ich wahrscheinlich
nicht mehr für diesen ehrwürdigen Preis vorgeschlagen
werden.
Jetzt liegt es an euch,
ob ihr wirklich weiterlesen möchtet.
Für alle mit schwachen Nerven,
empfehle ich meinen Artikel über das
Gänseblümchen:
https://steemit.com/deutsch/@chruuselbeeri/spontanvegetation
Ihr habt euch entschieden weiterzulesen ?
Wohlan !
Die Brüder Grimm schrieben ein äußerst interessantes
Märchen.
Die Geschichte,
„Von einem der auszog, das Gruseln zu lernen“,
handelt von einem Vater und seinen zwei Söhnen.
Der ältere Sohn war klug und gescheit.
Leider fürchtete er sich sehr oft.
Hingegen der jüngere Bruder hatte Schwierigkeiten
mit dem Begreifen und Lernen.
Seine Stärke war es, dass er sich vor
nichts und niemanden fürchtete.
Weil der jüngere Sohn im Dorf keine
Perspektive hatte, zog er weg.
Er wollte das Fürchten lernen.
Jetzt stellt sich die Frage,
warum der Sohn gerade aus
diesem Grund von zu Hause wegzieht.
Warum muss man sich unbedingt gruseln?
Reicht es nicht,
sich an schönen Blumen zu erfreuen,
einen wunderbaren Sonnenuntergang zu genießen,
ein leckeres Müsli zu essen,
den Stein der Weisen zu finden,
ein nettes Gespräch zu führen,
die Weltformel zu entdecken,
ein Gänseblümchen zu bestaunen, … ?
Es ist wahrscheinlich
die persönliche Herausforderung,
das Entdecken von neuen Dingen,
ein sich beweisen wollen,
ein sich selbst hinterfragen,
ob man die Aufgaben meistern kann.
Viele gehen mit der Frage umher:
„Wenn ich nur wüsste, was Gruseln wäre !“
Bei der Literaturveranstaltung werdet ihr diese Frage
beantwortet bekommen.
Die Teilnehmer
Jedes Jahr ziehen die Autoren,
welche von den Jurymitgliedern vorgeschlagen werden,
zu dem Austragungsort.
14 mutige Autorinnen und Autoren stellen sich
dem wortgewaltigen Urteil der Juroren.
Die Autoren haben etwa 25 Minuten Zeit,
einen Ausschnitt aus eines ihrer Werke
vorzulesen.
Bei dem Lesepreis entscheidet die
der Vortrag,
die Performance,
die persönliche Darstellung,
der ausgewählte Text,
des Teilnehmers.
Diese 25 Minuten bedeuten entweder
überbordende Glorie oder
gnadenloser Untergang.
Steigt ein Autor in die höheren Sphären
des Literaturhimmels oder
wird sein Text auseinandergenommen ?
Über jedem Schriftsteller hängt bildlich
gesprochen, das Damoklesschwert.
Die Dichterseele ist bloß gestellt.
Der Zuschauerkamera entgeht nichts.
Jede Mimik und Gestik der Autoren
wird per Liveübertragung aufgezeichnet.
Der Zuschauer,
als stiller Teilhaber,
unbeteiligter Schaulustige,
verfolgen den Gladiatorenkampf
aus sicherer Entfernung.
Die Juroren
Auf jede Lesung folgt eine Diskussion
der Preisrichter.
Danach melden sich die 7 Literaturkritiker
zu Wort.
Sie fällen ein Urteil über die in 25 Minuten
vorgetragenen Werkausschnitte.
Die Delinquenten sitzen vor ihren Richtern.
Ihr vorgetragener Textausschnitt wird einer
Obduktion unterzogen.
Jede Zeile des vorgelesenen Textes wird seziert.
Die Sprechweise,
die Aussprache,
die Satzmelodie,
die Betonung,
die spezifische Tonhöhenkontur,
des jeweiligen Autors wird ausführlich analysiert.
Die Scharfrichter geben eine
Einschätzung,
Beurteilung,
Ansicht,
Charakterisierung,
Meinung, …
zu den vorgetragenen Texten und zu dem Autor.
Die Autoren haben nach ihrer Präsentation
keine Gelegenheit mehr, zu den
Juryentscheidungen Stellung zu beziehen.
Eine Jurorin bezeichnete einen Text eines Autors
als gnadenlos als Kitsch.
Einem Schriftsteller auf den Kopf zuzusagen,
dass sein Wert Kitsch ist,
bedeutet etwas Endgültiges.
Der Autor ist verurteilt und
der Makel hängt an ihm.
Ein anderer Literaturkritiker lässt vom Richterstuhl
verlauten:
Die handelnden Personen in dem Stück seien nur
„hohle Figuren“.
Andere Einschätzungen wie
„das ist klischiert“,
„alles nur klischeehaft“,
„der Text ist emblematisch“, …
fallen wie ein Gewitter auf den Teilnehmer ein.
Damit ist der Autor natürlich bedient.
Ich weiß nicht, ob der Dichter danach
zu seinem Psychotherapeuten gehen kann,
um dieses negative Erlebnis aufzuarbeiten.
Auch kommt es vor,
dass die Juroren sich gegenseitig ihre
Position streitig machen.
Ein Wortgefecht entsteht und
wird langwierig ausdiskutiert.
Zuweilen erscheint es einem, dass sie
auch physisch klare Verhältnisse schaffen wollen.
Dazu hat wohl Oscar Wilde ein Lächeln übrig:
„Wenn die Kritiker sich streiten,
so beweist dies,
dass der Künstler im Einklang mit sich ist.“
Da stellt sich die generelle Frage an die
Literaturkritiker:
Warum müssen überall
Verwerfungen,
Stolperfallen,
Schnittstellen,
gesehen werden ?
Friedrich Schiller umschrieb die Form des
Kritisierens folgendermaßen:
„Es liebt die Welt,
das Strahlende zu schwärzen
und das Erhabene in den Staub zu ziehen.“
Es stellt sich einem natürlich die mahnende
Sinnfrage:
Warum werden Literaturkritiker nicht kritisiert ?
Bei den
Verlagen,
Berichterstattungen,
Universitäten,
Medienvertretern,
gibt es fast keine Kritik der Literaturkritik.
Literaturkritiker werden oft nicht hinterfragt.
Wolfgang Goethe umschreibt manche Personen:
Aus einer großen Gesellschaft heraus,
ging einst ein stiller Gelehrter nach Haus.
Man fragte: „Wie seid ihr zufrieden gewesen?“
„Wären´s Bücher“, sagte er, „ich würd sie nicht lesen.“
Warum begibt man sich an einen
Ort des Gruselns ?
Bei dem Märchen waren die Orte der Furcht
ein dunkler Kirchturm,
eine Gerichtsstätte unter Bäumen und ein
verwunschenes Schloss.
Bei der Literaturveranstaltung
war auf der einen Seite
eine schöne Stadt,
ein wunderbarer See und
der Veranstaltungsort inmitten eines blühenden Parks.
Auf der schauerlich anmutenden Seite
gab es die medial,
aufs Genaueste ausgeleuchtete,
inszenierte,
Gerichtsstätte des Austragungssaales.
Schon in der Eröffnungsrede wurden klare
Verhältnisse geschaffen.
Der Redner verglich die literarische Bühne
mit der Veranstaltung des Wrestlings.
Der Begriff Kayfabe erläuterte der Redner.
Dem Zuschauer wird vermittelt,
dass alles echt ist.
Nichts soll als gespielt herüberkommen.
Wie bei dem Wrestling gibt es klare Regeln für
die Literaturarena.
Die Protagonisten, also die Autoren,
sollen sich an den Vorgaben halten.
Kann Literatur nicht auch in einer anderen Form
gewürdigt werden?
Warum werden Autoren einem solchen
Tribunal ausgesetzt?
Einer der Mitbegründer dieses Literaturpreises
fasste die Veranstaltung als
„literarische Modenschau“
zusammen.
Geht es am Ende darum,
ein literarischer Superstar zu sein?
Das persönliche Gruselempfinden ist bei jeder
Person unterschiedlich.
Die einen fürchten sich vor Spinnen.
Andere haben Angst vor öffentlichen Auftritten.
Manchen Personen gruselt es,
vor einem großen Publikum zu sprechen.
Tippt Siegmund Freud einem auf die Schulter
und erinnert einen an die Schulzeit,
als man den Aufsatz in den Sand gesetzt hat?
Wichtig ist, sich den persönlichen Ängsten
zu stellen.
Entscheidend ist, in welchem Rahmen dies
geschieht.
Was motiviert die Autorinnen und Autoren,
sich diesem Wettlesen zu stellen?
Eine Autorin sagte zu ihrer Motivation:
„Der Preis bedeutet uns allen viel,
darum sind wir auch hier.“
Manche Teilnehmer wollen mit ihrem Auftritt
entdeckt werden.
Andere wollen vielleicht provozieren oder
zum Nachdenken anregen.
Einige treibt das Preisgeld an.
Etliche wollen das
Wohlwollen, Verständnis, Mitgefühl,
des Publikums.
Ein Lesewettbewerb fordert die gesamte Person
des Schriftstellers.
Die Dichter stellen sich die bange Frage,
wie sie sich am besten inszenieren können.
Und das ist das Problem.
Autoren haben ihre persönliche Stärke im Schreiben.
Wenn die Literaten sich zudem noch gut
präsentieren können,
die Kunst der Selbstdarstellung pflegen,
attraktiv aussehen,
eine hohe Sozialkompetenz haben,
ein gutes Netzwerk haben,
ausgefeilte Diplomatie beherrschen,
haben sie erhebliche Pluspunkte in der Arena.
Aber nicht alle Dichter haben alle diese Qualitäten.
Die Schriftstellerin Daphne du Maurier beschrieb
diese Widersprüchlichkeit treffend:
„Schriftsteller sollten gelesen werden,
aber nicht gesehen oder gehört werden.“
Ein Autor mit
gestopften Wollsocken,
einer braunen Cordhose,
Hosenträgern,
ausgereiften persönlichen Macken,
hätte bestimmt keine Chance bei diesem Wettbewerb.
Ein Autor des Jahres 2018 formulierte es treffend:
„Wer sich ins Literaturgeschäft begibt,
muss einstecken können.“
Bruce Lee hätte darauf geantwortet:
„Wenn du kritisiert wirst,
dann musst du irgendetwas richtig machen.
Denn man greift nur denjenigen an,
der den Ball hat.“
Wie in der Geschichte stellen sich entscheidende
Fragen.
Wie besteht der Glücksucher die gruseligen Aufgaben ?
Gehen die Autoren nach den Gruselattacken unter ?
In dem Märchen sind die,
welche die herausfordernden Aufgaben stellen,
der Küster,
ein Wandersmann und
ein König.
Haben diese Entscheider bedacht,
was mit dem jungen Sohn passiert,
wenn er scheitern würde ?
Bei dem Wettbewerb gibt es Gewinner und Verlierer.
Wie entwickeln sich die Autoren,
die keinen Preis erhalten ?
Der jüngere Bruder hat alle Aufgaben des Gruselns
bestanden.
Zum Schluss lernt er ebenfalls, was gruseln ist.
Werden die Autoren,
welche glücklicherweise einen der Preise
erhalten haben am Ende sagen:
„Ach, was gruselt es mir, was gruselt mir.
Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist ?“
Ein Text muss an zuerst dem Schreiber
gefallen.
Wenn er sich nur von den
Erwartungen anderer leiten lässt,
kommt seine Literatur nicht
authentisch herüber.
Der Autor verdreht sich bildlich gesprochen.
Anton Tschechow drückt seine Vorstellung zu schreiben
wie folgt aus:
„Für Kritiker zu schreiben lohnt sich nicht,
wie es sich nicht lohnt,
denjenigen Blumen riechen zu lassen,
der einen Schnupfen hat.“
Gibt es Alternativen ?
Unter den über 1300 Literaturwettbewerben
gibt es sehr gute andere Möglichkeiten,
sich als Autor zu präsentieren.
Ein schönes Beispiel für eine würdige
Preisvergabe ist zum Beispiel das
Stadtschreiber – Stipendium der Stadt Otterndorf
In dem idyllischen Nordseebad können
Schriftsteller, welche die Förderung erhalten haben,
ein Gartenhaus am Süderwall beziehen.
Sie erhalten eine kostenfreie Unterkunft und
einen Geldbetrag vom Otterndorfer Kulturausschuss.
Die Dichter wohnen zentral in der Altstadt
und beteiligen sich an Veranstaltungen und
Schulveranstaltungen.
Eine andere ermutigende Anerkennung für Autoren
ist der
Deidesheimer Turmschreiber
Die Schriftsteller schreiben in einem historischen Turm
in Deidesheim an der Weinstraße.
Sie erhalten reichlich Wein aus der Region,
Unterkunft,
viel Anerkennung und
die Achtung aller Pfälzer Bürger.
Viele Dichter bleiben auch nach ihrer Tätigkeit
als Turmschreiber Deidesheim treu verbunden.
Ich wünsche euch viel Spaß beim
fröhlichen Verfassen von Texten und feiner Lyrik.
Dieser Text kann homöopathische Dosen von
Humor enthalten.
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt eure
Deutschlehrer oder Literaturkritiker.