Nur zwei Dinge auf dieser Welt sind ganz sicher: Der Tod und die Steuer – sagte angeblich Benjamin Franklin. Aber wer nicht zu früh stirbt, geht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch in Rente, mindestens in Europa.
Massenproduktion von Rentenangst
Darum ist es nicht sehr verwunderlich das die meisten Menschen über etwa 40, manche früher, manche später, sehr gerne wissen möchten wie es ihnen in dem Alter gehen wird. (Die ganz jungen, die nicht, die fühlen sich noch meistens für immer jung, sogar unsterblich, oder auch unverwundbar.) So füllen die Artikel und Blogeinträge über Renten sehr oft die Toplisten der Webseiten und werden massenweise über dieses Thema produziert.
FUD und Fake
Und damit jemand aus dieser Unmenge herausragen kann, benutzt man auch unschöne Praktiken, wie Übertreibungen, Lügen, Ängstigungen. Halbwahrheiten sind sogar oft schlimmer als Lügen. Blickfang, aber möglichst schon im Titel. (Sonst bekommt die Webseite nicht genügend Klicks, und aus dem Geld wird nichts.)
Ohne FUD*, ohne Fake News, ohne Nebel, sind die Renten in Deutschland, überhaupt im Wohlfahrtsland Europa, in Gefahr? Wird wirklich alles wieder schlimmer, obwohl das Leben in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg im Großen und Ganzen immer besser wurde?
Unter 800 Euro pro Monat
Altersarmut ist jetzt noch gering in Deutschland: nur 3 Prozent. Genauer, die Altersgruppe der Über-65-Jährigen ist „noch unterdurchschnittlich von Armut betroffen“. „So groß ist der Anteil derjenigen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind“**. Andere Daten sind nicht so beruhigend: Fast jede zweite Rente liegt unter 800 Euro. Zum Glück leben viele Rentner in Familien, und mit dem Einkommen von Haushaltsmitgliedern zusammen betrachtet ist die Lage viel besser.
Das Gras des Nachbarn
Die Deutschen beschweren sich dauernd weil die Renten nicht einmal 50 Prozent der Gehälter erreichen. Im Durchschnitt war das in der EU 70,9 Prozent, in der OECD 63,2 Prozent. (Daten leider aus 2015, aber ich vermute die Veränderungen seitdem sind nicht wesentlich.***) Die Holländer kriegen 95,7 Prozent ihrer Löhne als Rente, die Österreicher 91,6.
Ein neuer Skandal in der Skandalpresse ist über die neuen Bundeshaushaltspläne ausgebrochen. Die Staatskasse wird 98 Milliarden Euro in 2019 und mehr als 100 Milliarden in 2020 in die Rentenkasse überweisen müssen, damit die Bilanz stimmt.
Zuschüsse seit 1998
Also eine Lüge ist es nicht, es steht klar im Haushaltsplan, und es geht schon viele Jahre so, seit 1998. Sogar in Wikipedia gibt es Daten, in 2006 gab es Zuschüsse von 55 Milliarden, in 2015, schon 62,4 Milliarden.
Bundeszuschuss
Versicherungsfremde Leistungen der Rentenversicherung (zum Beispiel Kriegsfolgelasten, beitragsfreie Zeiten, arbeitsmarktbedingte Leistungen, Fremdrentenleistungen und so weiter) werden durch einen Bundeszuschuss finanziert.
Der reguläre Bundeszuschuss wurde seit 1.4.98 um einen zusätzlichen Bundeszuschuss ergänzt: Damit kann in jedem Jahr der Beitragssatz um ein Prozent niedriger festgesetzt werden, als er ohne diesen zusätzlichen Zuschuss möglich wäre.
Aufwendungen der Rentenversicherung für einigungsbedingte Leistungen erstattet der Bund. Er zahlt seit 1.6.1999 auch die Beiträge für Kindererziehungszeiten.
Name des Kindes unwichtig
Meiner Meinung nach ist es grundsätzlich egal, ob Beitragssatz der Rentenversicherung niedrig festgelegt wird (wie im Koalitionsvertrag), und ein Teil der Leistungen durch Steuergelder finanziert wird, oder Beiträge angehoben und Steuern gesenkt werden. Für die Unternehmen sind die Aufwände die selben, die Arbeitskosten gleich. Die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft wird nicht dadurch beeinflußt, wie wir die Ausgaben nennen.
Die Macht der (Rentner)Masse
Das Problem bleibt mit uns: in Deutschland und in vielen anderen Staaten werden so wenig Kinder geboren, daß die arbeitsfähige Bevölkerung nicht einmal mit der Einwanderung aufrechterhalten werden kann.
Aber ich glaube, die heutigen und zukünftigen Pensionisten sollten sich auch keine Sorgen machen. Die Tatsache daß sie sehr zahlreich sind, bedeutet auch daß sie die wichtigste Wählergruppe bilden. Keine Partei, keine Regierung kann an der Macht bleiben, ohne ihre Interessen nachdrücklich zu vertreten.
Roboter, Blockchain?
Renten sind eine zentrale Frage der Politik. Stimmt was mit der Kasse nicht, werden sich die Politiker ganz sicher etwas einfallen lassen. Wenn die Spielregeln schlechte Zeiten mit sich bringen würden, dann werden diese Regeln sicherlich verändert.
Der Staat wird anderswo sparen. Weitere Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Einwanderung, vielleicht auch Blockchain werden hoffentlich noch auch die Produktivität steigern damit genügend für alles reicht.
Keine Enttäuschungen mehr
Die Politiker wissen anscheinend daß sie die Massen nicht hungern lassen dürfen. Dafür waren die Siege von den Brexit-Befürwortern und Trump-Anhängern vielleicht ganz nützlich. Noch mehr enttäuschte Leute würde bedeuten, mehr Extremisten in der Macht. (Siehe Zitat.) Was auch katastrophal enden kann.
„Wenn wir keine Trumps in Deutschland haben wollen, müssen wir etwas tun: Stabile Renten sind dazu ein Beitrag“, sagte der Finanzminister in Anspielung auf den populistischen US-Präsidenten, der von der Politik enttäuschte Protestwähler hinter sich bringen konnte. Abendblatt
*FUD: Fear, Uncertainty and Doubt: Furcht, Ungewissheit und Zweifel, eine Werbe-, Propaganda- oder Kommunikationsstrategie.
*Fake News: falsche oder gefälschte, vorgetäuschte, manipulativ verbreitete Nachrichten.
**Quelle: Der Spiegel, DPA, “Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland”.
***Quelle: OECD, “Pensions at a Glance 2015”
(Dieser Artikel stellt im großen Teil meine persönliche Meinung dar.)
(Foto: Pixabay)