tl/dr
- Die Welt wird komplexer und schneller
- Neue Technologien führen zu neuen Krankheitsbildern; Imm mehr leiden an einem Erreichbarkeitswahn und der Informationsflut; Neues Krankheitsbild 'Attention defizit trait' (ADT) mit Ähnlichkeiten zu ADS/ADHS; Heißhunger und schlechte Ernährung durch schlechte Informationen
- Homo oeconomicus & homo sociologicus
- Evolution - natürliche Auslese und sexuelle Selektion
- Red-Queen-Hypothese
- Alice im Wunderland - Neugier und Wissensdrang
- Informationsverhalten mit einer Dichotomie zwischen Informationssucht und Isolation; Investition und Aufbau in Informationen oder in das Sozialleben
- Strategien des Informations-Asketen
Einleitung
In dem ersten Themenkomplex dieser Serie soll es um Informationen gehen. Ich möchte hier nun nicht mit Statistken und Studien um mich werfen, aber es sollte klar sein, dass die äußeren Reize stark zugenommen haben und uns überfluten. Die Globalisierung und Vernetzung macht unsere Welt komplexer und die gleichzeitige Digitalisierung beschleunigt mit der Kommunikation unsere gesamte Welt. Ich werde weiterhin auch wieder versuchen, einige eher untypische Verknüpfungen herzustellen. Es kann also sein, dass einige Dinge noch nicht sehr ausgereift wirken.
Wir sind rund um die Uhr online, jederzeit erreichbar und auf zahlreichen sozialen Plattform angemeldet. Statt der kleinen Geräte, die uns wie ein Sekretär die Arbeit abnehmen und unsere Tagesstruktur optimieren sollten, sind in Wirklichkeit wir oftmals die Diener oder Sklaven der Geräte. Sie drängen sich uns auf und befehlen uns, wann wir welche Aufmerksamkeit auf welche Informatin richten müssen. Hier ist eine Auswahl von neuen Uhren, weil du dir letztens auf Amazon eine Uhr angesehen hast.
- Schau hier, drei neue E-Mails auf den Account und eine neue Mail auf jenen Account. Und hier der Nachrichtenstream, hier sind 30 ungelesene Newsartikel seit der letzten Stunde. Du wurdest auf Facebook zu einer Veranstaltung eingeladen und deine Freunde haben Fotos vom letzten Wochenende hochgeladen. Hier sind Personen auf LinkedIn, die du kennen könntest. Und in den Whatsapp-Gruppen sind auch schon wieder dutzende neue Nachrichten eingegangen. Und auf Steemit musst du noch auf zwei Kommentare antworten und dein letzter Post war auch schon wieder vier Tage her. Von deinen Lieblingserien gibt es auch schon wieder eine neue Staffel auf Netflix…
Wir kommen nicht mehr hinterher und statt uns den Alltag zu erleichtern, setzen uns die vielen Informationen zu, sie erzeugen Stress in uns, lenken uns durchgängig ab, so dass wir nicht mehr produktiv arbeiten können und haben so einen starken Einfluss auf unser Verhalten.
Kurzgesagt: Sie halten ihre Versprechen nicht ein. Sie machen viele nicht glücklich, sondern krank.
Attention defizit trait (Aufmerksamkeitsdefizitmerkmal)
Der Psychologe Edward Hallowell erkannte in den Auswirkungen eine neu aufkommende Krankheit (ADT), welche eine gewisse Ähnlichkeit mit ADS und ADHS hat. Der Unterschied liegt darin, dass es nicht vererbt wird, sondern wie ein Virus von außen einfällt. Es entsteht durch den Erreichbarkeitswahn und den ständigen Ablenkungen und führt u.a. zu (vgl. Hallowell 2015):
- Zertreutheit, Ungeduldigkeit, Unruhe, Reizbarkeit, Aggessivität, Frustration, Panik, Impulsiventscheidungen,
- Taskhopping und Prokrastination; die Vermeidung kognitiv schwierigen Arbeiten und Gespräche und der Tendenz, das aktive Denken vollständig zu vermeiden
- fehlende Fähigkeit, etwas zu genießen
Informationsflut führt zu Heißhunger und Übergewicht
Wie weit der Einfluss von Informationen auf uns sein kann, zeigten Laran und Salerno. In ihrer Studie könnten sie nachweisen, dass Nachrichten unsere Stimmung und unsere Umweltbewertung verändern und schlechte Nachrichten so unterbewusst zu einer Bewertung führen, dass unsere Ressourcen knapper und die Welt rauh und gefährlich ist. Dies verändert unsere Ernährungsweise, in dem wir eher zu kolorienhaltigen und ungesünderen Lebensmitteln greifen (vgl. Laran/Salerno 2013).
Was treibt den Menschen an?
Ähnlich, wie bei der Evolution geht es um das Überleben und der Herausbildung von Vorteilen gegenüber der Konkurrenz. Nur während es bei der Evolution ein scheinbar automatisch ablaufender Selektionsprozess ist, kann der Mensch diesen Prozess für sich selbst bewusst beeinflussen.
homo oeconomicus & homo sociologicus
Wie im ersten Teil beschrieben, gehe ich in dieser Serie von einem ethischen Egoismus der Menschen aus, der sie antreibt, ihre eigenen Nutzen zu maximieren (homo oeconomicus mit Einschränkungen). Weiterhin hat der Egoismus (offensichtlich) auch seine Grenzen, denn der Mensch ist auch gleichzeitig ein soziales Wesen (homo sociologicus) und an gewisse Rollenerwartungen, Normen und Konventionen gebunden.
Evolution - natürliche Auslese und sexuelle Selektion
Den Egoismus möchte ich hier weiterhin mit der Evolution in Beziehung setzen, allerdings konkret weniger mit der natürlichen Auslese (Darwins 1859), sondern mit der sexuellen Selektion (Darwin 1871). Während die natürliche Auslese ganze Arten behandelt, die sich gegen andere Arten durchsetzen, beschreibt die sexuelle Selektion die Auswahl der einzelnen Individuen innerhalb einer Art. Es sind verschiedenen Beobachtungsebenen,die beobachtbare Phänomene und Verhaltensweisen erklären, die sonst keinen Sinn ergeben. Aktionen können auf der kollektiven Ebene altruistisch wirken und gleichzeitig auf der individuellen Ebene egoistisch sein.
Red-Queen-Hypothese
Weil es wunderbar zum Umgang mit Informationen passt und ich auch Alice im Wunderland mag, werde ich weiterhin zu Leigh Van Valens Red-Queen-Hypothese (1973) Bezug nehmen, die beschreibt, dass das Risiko des Aussterbens von der Existenzdauer und damit den durchlaufenden evolutionären Prozesse unabhängig ist. Durch die stetigen Veränderungen der Umwelt und der anderen Arten, muss sich die eigene Art ebenfalls ständig anpassen. Obwohl viel in die Anpassung und Weiterentwicklung investiert wurde, hat sich praktisch nichts verändert. Der Wettlauf als die ständige Anpassung ist notwendig, hat aber keinen weiteren Nutzen für die Zukunft, weil der Status quo - die Relation zu anderen Arten - erhalten bleibt.
Alice will Berge besteigen, um die ihr unbekannte Welt überblicken und verstehen zu können
Der Mensch als sich-selbst-bewusstes Wesen kann sich, entgehen einer natürlichen Entwicklung, (gedanklich) von der Gegenwart lösen und die Vergangenheit reflektieren und in die Zukunft vorausdenken. Die hierzu nötige Ressource stellen aus der Umwelt gewonnene Informationen dar.
Ein wesentlicher Aspekt des Daseins ist der nutzenstiftende Umgang mit Informationen, der die Menschen als Ganzes auszeichnet und sie evolutionär bevorteilen soll, aber auch das einzelne Individuum gegenüber anderen. Die Neugier und der Drang nach Wissen sind elementar für uns und treiben uns an, trotz großer Anstrengungen und Hindernisse, immer weiter zu gehen und den nächsten Berg zu erklimmen.
"'Ich würde den Garten weit besser sehen,' sage sich Alice, 'wenn ich oben auf diesen Hügel gelangen könnte'“ (Carroll/Karau 2008: 87).
Ein wichtiger Punkt ist nun, dass materielle Ressourcen immer begrenzt sind, immaterielle Ressourcen wie Informationen allerdings praktisch unendlich sind. Die einzige Begrenzung stellt die uns zur Verfügung stehende Zeit dar - weswegen wir niemals alle Berge erklimmen werden.
Das Spiel mit den Informationen - ein Bauernfänger?
Im Sinne der evolutionären Vorteile und der konkreten sozialen Situation steht das Individuum somit vor der Aufgabe, mit der zur Verfügung stehenden Zeit, sich Informationen zu erarbeiten. Um Vorteile in der Selektion zu erhalten, steigen sie in das Spiel ein und müssen schneller und mehr Informationen aufnehmen als andere.
"Oh, was für ein Spaß! Wie ich wünschte, daß ich dazugehörte! Ich würde mir nichts daraus machen, eine Bauernfigur zu sein, wenn ich nur mitmachen könnte – obwohl ich natürlich am liebsten eine Königin wäre“ (Carroll/Karau 2008: 91).
Wenn man also über den Umgang mit Informationen redet, geht es zentral um das individuelle Zeitmanagement und die Fähigkeit der effektiven Wissensaneignung, also der Medienkompetenz. Dies zu meistern stellt uns vor eine große Herausforderung, aber dieses immanente Glücksversprechen, das Spiel gewinnen zu können und uns von den anderen Bauern zu erheben, die Konkurrenz hinter sich zu lassen, wertvoll und überlegen zu sein, ist sehr attraktiv.
"Das läßt sich leicht machen. Du kannst der Weiße Königinbauer sein, wenn du magst, […] und du fängst im Zweiten Feld an; wenn du ins Achte gelangst, wirst du eine Königin sein" (Carroll/Karau 2008: 91)
Strategien der Exteme
Die beiden denkbaren Extreme im Umgang mit Informationen wären somit:
Die pure Sucht nach Wissen und das stetige Verlangen, alle Informationen zu erhalten, alles mitzubekommen, nichts zu übersehen und nichts zu verpassen.
Die totale Isolation von sämtlichen Reizen, aus denen wir Informationen gewinnen könnten, die absolute Unterdrückung der Neugier und des Drangs, die Welt zu erkunden und zu erfahren.
Beides klingt nicht sehr sinnvoll und auch nicht praktikabel. Diese Dichotomie zwischen alles und nichts im Umgang mit Informationen, die meist in den Medien oder der Medienkritik herangezogen wird, hilft nicht weiter, denn sie vernachlässigt die soziale Dimension und bezieht sich nur auf das Individuum.
Spielen oder Sprechen
"Das Seltsamste daran war, daß die Bäume und die anderen Dinge um sie herum sich überhaupt nicht von der Stelle rührten; so schnell sie auch liefen, sie schienen niemals an irgendetwas vorbeizukommen. „Kommt denn alles mit uns mit?“ dachte die arme verwirrte Alice. Und die Königin schien ihre Gedanken zu erraten, denn sie schrie: „Schneller! Versuche nicht zu sprechen!“ (Carroll/Karau 2008: 92. Hervorheb. von mir)
Solange wir nur dieses eine Spiel spielen, leidet also das soziale Leben, denn in dem sozialen Spiel müssen wir die Informationen anwenden und auch geben können. Sobald wir vergessen, dass wir aus dem Spiel aussteigen können und auch müssen, werden wir schnell zum Sklaven des Spiels. Wir leben dann das eigene Leben nicht mehr nach den eigenen Regeln, sondern nach den nicht hinterfragbaren Regeln des Spiels (bzw. des Systems), was dazu führt, dass wir nicht mehr vorankommen. Als Gefangene des Spiels bleiben wir immer ein Teil des Spiels, egal wie sehr wir uns auch anstrengen.
"Alice sah sich höchst überrascht um. 'Nanu, ich glaube gar, daß wir die ganze Zeit unter diesem Baum geblieben sind. Alles ist ja so, wie es war!' 'Natürlich,' sagte die Königin. 'Was hast du denn gedacht?' 'Na, in unserem Land,' sagte Alice, noch ein bißchen außer Atem, 'kommt man im allgemeinen irgendwoanders hin – wenn man lange Zeit sehr schnell rennt, so wie wir es gemacht haben.' 'Ein langsames Land!' sagte die Königin. 'Nun, hier muß man nämlich so schnell rennen, wie man kann, um auf der Stelle zu bleiben. Wenn man irgendwo anders hin will, muß man mindestens doppelt so schnell rennen!'"(Carroll/Karau 2008: 92. Hervorheb. von mir).
Nur vollständig ablehnen können wir das Spiel auch nicht, solange die anderen spielen. Denn, um hier den Kreis zur Red-Queen-Hypothese zu schließen, sind wir im gewissen Maße dazu gezwungen, uns ständig neues Wissen anzueignen. Nur sind hier nicht nur ökologische Kräfte am Werk, an die wir uns anpassen müssen, sondern soziale Kräfte und ökonomische Zwänge, die uns zur Anpassung zwingen.
Wechselspiel
Unsere Lebensumstände und unser soziales Umfeld sind demnach u.a. das Ergebnis unseres Umgangs mit Informationen und die Spannung zwischen den beiden Dichotomien. Das bedeutet, wenn wir die Spannung in dem Informationsspiel in das eine oder andere extrem verändern, hat das einen Einfluss auf unser soziales Netz. Und wenn wir unser soziales Netzwerk halten oder verändern wollen, müssen wir auch unseren Umgang mit Informationen verändern.
Die Bearbeitung der beiden Dichotomien ist weiterhin auch an den verschiedenen Bedürfnissen zu erkennen. Wie bspw. bei der Bedürfnispyramide nach Maslow, in der die Bedürfnisse in einer Hierarchie stehen. Davon abgeleitet, bedeutet es, dass man die soziale Dimension nicht vernachlässigen darf.
Strategien des Informations-Asketen
Was bedeutet das nun mit Blick auf die Askese. Der Geisteszustand in der Informationsflut und Erreichbarkeitswahn stellt einen rauschähnlichen ekstatischen Zustand dar, der uns allerdings nicht voranbringt, sondern ausbremst und in die Passivität verdammt.
Die Askese als einen bewussten, zurückhaltenden und disziplinierten Umgang mit Informationen soll uns dagegen in einen anderen ekstatischen Zustand führen, der von überraschender Produktivität durch eine neugewonnene Konzentration und Zielstrebigkeit geprägt ist.
Es handelt sich um zwei sich kreuzende Dichotomien und das Ziel muss daher sein:
- So viel Zeit in die Wissensaneignung 'investieren', wie nötig für ein erfolgreiches Handeln im sozialen Rahmen (entsprechend unserer Ziele).
- So wenig Zeit wie möglich mit den unaufhörbaren Strömen an Informationen verschwenden, die keinen Einfluss auf unser eigenes Leben bzw. unser soziales Dasein haben.
Die Informationsaktiviten können soweit eingeschränkt werden, dass uns möglichst nur Informationen erreichen, die für uns wirklich relevant sind und das auch nur zu bestimmten Zeiten.
Dazu kann hier natürlich keine Schritt-für-Schritt-Anleitung erstellt werden, weil das eigene Verhalten immer in einen Kontext eingebunden und von der Umwelt mit abhängt. Allerdings können so einige Faustregeln aufgestellt werden, mit denen eigene Strategien erstellt werden können. In den weiten des Internets werden sich mit Sicherheit noch mehr finden lassen.
Informationsbeschaffung von Push- zu Pull-Verfahren wechseln. Nicht andere Personen und erst recht keine Technologien entscheiden, wann wir ihnen Aufmerksamkeit schenken sollen. Wir entscheiden selbst, wann wir nach neuen E-Mails und Nachrichten schauen. Die Informationen sollen uns nicht aufgedrückt (Push) werden, sondern wir ziehen die Informationen dann, wenn es uns passt (Pull).
Wir müssen nicht jederzeit erreichbar sein. Wenn wir jederzeit erreichbar sind, heißt das, dass wir jederzeit unterbrochen werden können. Soweit wir möglich, sollten Zeiträume der Produktivität und Zeiträume der Kommunikation getrennt werden. Ablenkungsfreie Räume und Zeiträume sollten durchgesetzt werden.
Konzentration auf wenige soziale Netzwerke. Niemand braucht gleichzeitig ein Dutzend verschiedene soziale Netzwerke, auf denen man sich am Ende doch mit den denselben Personen vernetzt - zumindest muss man nicht Regelmäßig alle pflegen.
Wenige, aber dafür qualitativ hochwertige Informationsquellen. Statt jeden Tag Stunden auf mehreren Nachrichtenseiten und Blogs unterwegs zu sein, sollte man sich auf die wesentlichen Beschränken, die Informationen liefern, die für uns von hoher Bedeutung sind. Statt einer Stunde auf 9gag, Buzzfeed, Facebook und Twitter, lieber eine Stunde intensiv ein Fachartikel oder Buch lesen oder auch Gepräche suchen. Eine Woche oder einen Monat komplett auf Nachrichten zu verzichten, schadet nicht. Die wirklich wichtige Dinge bekommt man über das soziale Umfeld trotzdem mit.
Auch mal einen Gang zurückschalten, Auszeiten nehmen und genießen, nicht an die Regeln halten und sündigen.
Literatur
Carroll, Lewis; Karau, Jörg 2008: Alices Abenteuer im Wunderland - Hinter dem Spiegel und was Alice dort fand. Deutsche Übersetzung von Jörg Karau. URL: https://www.joergkarau-texte.de/PDF/Alices%20Abenteuer%20im%20Wunderland.pdf.
Darwin 1859: Die Entstehung der Arten.
Darwin 1871: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl.
Hallowell, Ned (2015): Driven to Distraction at Work. How to Focus and Be More Productive. Boston: Harvard Business Review Press.
Hallowell, Edward M. (2008): Overloaded circuits. Why smart people underperform. In: Harvard business review, 01/2005. Boston, Mass.: Harvard Business School Press. URL: https://hbr.org/2005/01/overloaded-circuits-why-smart-people-underperform.
Laran, Juliano; Salerno, Anthony (2013): Life-History Strategy, Food Choice, and Caloric Consumption. Psychological Science, 24(2). URL: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0956797612450033.
van Valen, Leigh (1973): A new evolutionary law. In: Evolutionary Theory. Band 1.