tl;dr
- Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut - Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit
- Wertschöpfung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl in sozialen Beziehungen
- Bedeutung der Balance zwischen Aufmerksamkeit ausgeben und einnehmen und der Zweck des schlechten Gewissens
- Durch asketische Verhaltensweisen Abstand gewinnen, Bilanzieren und das Verhalten reflektieren und verändern
- Extreme Strategien sind problematisch und verhindern eine Balance
- Faustregeln: Auf das Gewissen hören, Vorschuss an Vertrauen und Wertschätzung gegenüber Anderen, wohlwollend interpretieren und aufgeschlossen kommunizieren
- Ökonomie der Aufmerksamkeit und Steemit
Einleitung
In meinem letzten Beitrag in der Serie behandelte ich den Umgang mit Informationen. Daran anschließen möchte ich nun mit der Aufmerksamkeit und das aus drei Gründen: Die Aufmerksamkeit war schon ein Punkt, der schon im letzten Artikel mit aufgegriffen wurde, denn unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt und Störungen in den kognitiven Prozessen der Aufmerksamkeit führen zu Komplikationen im Denken und Verhalten. Weiterhin zeigte ich eine Spannung zwischen einer Informationsdimension und einer sozialen Dimension, ohne weiter auf das Soziale einzugehen. Und letztlich erschienen in der vergangenen Woche einige Artikel, die das Thema mehr oder weniger explizit im Bezug zu Steemit aufgriffen und versuchten einige Probleme auf der Plattform aufzuzeigen und bestimmte Handlungsweisen zu hinterfragen.
Wer von den Beiträgen nichts mitbekommen hat, möchte ich an der Stelle einige beispielhaft verweisen, die ich auf die schnelle wiederfand und wichtige Dinge ansprachen:
: Ein von vielen wenig beachteter Aspekt beim Voten bzw. Kuratieren auf Steemit
: Das Spiel mit dem Kaufen und Verkaufen von Votes
: Einzigartiger Content auf Steemit! Gibt es diesen überhaupt noch?
: steMVP März 2018
Die Aufmerksamkeit ist auch wieder ein riesiges Thema, dass zahlreiche Perspektiven und Zugänge bietet. Statt nun aber alles nur halbherzig anzureißen, werde ich mich heute auf einen informationstheoretischen Zugang beziehen und auch nur auf eine einzige Quelle - auch wenn es so etwas weniger wissenschaftlich wird.
(Das Thema Aufmerksamkeit wurde im De-STEM-Bereich scheinbar noch nicht wirklich behandelt, obwohl es hier auf Steemit zentral wäre. Vielleicht könnte man daraus auch ein Wochenthema machen um den verschiedenen psychologischen, neurologischen, philosophischen, pädagogischen etc. Ansätzen gerecht zu werden)
Aufmerksamkeit als knappes Gut
Die Aufmerksamkeit auf etwas bedeutet bereits schon immer eine Selektion von etwas. Es finden immer (intuitiv und meist unbewusst) ent-scheidungen als selektive Trennungen statt zwischen den Dingen, denen wir Aufmerksamkeit schenken wollen oder auch nicht. Jeder Klick und jede gelesene Zeile war eine Entscheidung, ob wir uns zuwenden oder abwenden.
Unsere Aufmerksamkeit ist durch die Zeit begrenzt und wird so wertvoll, weil sie so als ein knappes Gut betrachtet werden kann. Georg Franck erfasste dies als Ausgangspunkt in seinem Buch Ökonomie der Aufmerksamkeit, denn wir wollen die Aufmerksamkeit nicht nur anderen schenken und damit ausgeben, sondern sie auch einnehmen - wir wünschen uns die Aufmerksamkeit von anderen Menschen.
"Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblaßt der Reichtum neben der Prominenz" (Franck 2007: 10).
Wertschöpfung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl
Die Aufmerksamkeit wird so zu einer Währung und wir handeln wertschöpfend oder versuchen es zumindest. Was wir mit dieser Wertschöpfung produzieren, ist unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstachtung. Die Schwierigkeit liegt darin, in den Zuwendungen die richtige Balance zwischen den Einnahmen und Ausgaben zu finden.
"Im Tausch der Aufmerksamkeit ist es gerade kein Zeichen idealtypischer Rationalität, wenn sich die Partner im idealtypischen Sinne egoistisch verhalten. [...] Menschen, die ihren eigenen Vorteil zu eng sehen, sind im Umgang mit anderen arme Schlucker" (Franck 2007: 208).
Askese
Im asketischen Sinne ist es daher notwendig, zunächst etwas Abstand zu gewinnen und eine Bilanz zu ziehen, ob wir uns durch das eigene soziale Verhalten - in der Währung der Aufmerksamkeit - bereichern oder verausgaben, weil das Verhältnis nicht stimmt.
Georg Franck zeigt als Instrument auf die schlagende Urteilskraft des Gewissens, mit der sich das eigene Verhalten erfahren und bewerten lässt (vgl. Franck 2007: 209).
Indem wir anderen Raum geben oder diesen selbst einnehmen, kann das zu einer Unausgeglichenheit führen, wodurch ein schlechtes Gewissen entsteht. Es macht sich bemerkbar, sobald wir mehr Zuwendung und Raum erhalten, als wir für angemessen oder nötig erachten und auf der anderen Seite zeigt sich ein schlechtes Gewissen, wenn wir anderen nicht so viel Aufmerksamkeit schenken und Raum geben, wie sie verdient hätten. Dahingehend sind wir verunsichert und enttäuscht, wenn wir weniger Zuwendung erhalten als erwartet und wenn andere weniger Zuwendung haben wollen, als wir ihnen geben möchten.
"Die Logik, nach der das Gewissen urteilt, ist die der Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von empfangener Wertschätzung. Wo diese Abhängigkeit besteht, wird es inkonsequent, der anderen Gefühle nicht zu achten. [...] Das Gewissen bedarf keiner äußeren Gebote, um aktiv zu werden. Es ist ein natürliches Organ der Selbstachtung." (Franck 2007: 209).
Askese in der Aufmerksamkeit
In einem asketischen Umgang mit dem Anderen geht also einerseits um eine Gewissensbildung und andererseits um die emotionale Unabhängigkeit vom Anderen, indem wir bewusst und selektiv mit der Aufmerksamkeit umgehen.
Dazu müssen wir den eigenen und fremden Bedarf an Zuneigung erfassen, wir müssen Verantwortung für die eigenen und fremden Gefühle, die aus der Interaktion entstehen, übernehmen und wir müssen diese akzeptieren (vgl. Franck 2007: 222f).
Strategien der Exteme
Die Extreme im Umgang mit der Aufmerksamkeit wären auf der Seite der Einnahmen:
- Die Sucht nach Beachtung und Aufmerksamkeit durch andere, die völlige Abhängigkeit des eigenen Selbstwertgefühls vom Anderen und die Suche nach Wegen, möglichst größe Räume im Bewusstsein des Anderen einzunehmen.
- Die Ablehnung und Ver-achtung jeglicher Be-achtung, eine Unnahbarkeit und Erreichbarkeit in der Beziehung und eine völlige Unabhängigkeit der eigenen Gefühle vom sozialen Umwelt.
Auf der Ausgabenseite wären die Extreme:
- Ignoranz und fehlende Akzeptanz des anderen Daseins, dessen Gefühle und Bedürfnisse an Aufmerksamkeit.
- Eine Selbstvergessenheit, vergleichbar mit dem Helfersyndrom, so dass das eigene Seelenwohl keinen Platz findet.
Wie wichtig es hier ist, die Balance zu finden, zeigt sich darin, dass die Extremstrategien auf der Einnahmeseite zu einer Nichtexistenz eines Selbstwertgefühls führen und die Extremstrategien auf der Ausgabeseite zu einer absoluten Achtlosigkeit und Bedeutungslosigkeit.
Faustregeln zur Optimierung
Abschließend bleibt zu sagen, wie man sich dem Optimum annähern kann:
Zuerst ist es elementar, auf das Gewissen hören. Auch wenn das schlechte Gewissen immer erst auftaucht, wenn es zu spät ist, müssen wir damit die Verantwortung für die Beziehung auf uns nehmen und den angerichteten Schaden wieder beseitigen. Auch wer unabsichtlich die Brücken einreißt, muss versuchen, sie wieder aufzubauen.
Weiterhin sollte man nicht darauf warten, bis Aufmerksamkeit gegeben wird, sondern von sich aus in die Beziehung investieren, indem man einen Vorschuss an Vertrauen und Wertschätzung gibt. Nach Georg Franck sollten im Umgang mit der Aufmerksamkeit die eigene Großzügigkeit dominieren. Es liegt an uns selbst, einen kleinen Kredit an Aufmerksamkeit in die Beziehung vorzuschießen (vgl. Franck 2007: 226).
Und schließlich sollten wir nicht nur großzügig, sondern auch großherzig kommunizieren. Wir sollten wohlwollend interpretieren und aufgeschlossen kommunizieren und die Ursachen von Unverständnis zuerst bei uns selbst suchen (vgl. Franck 2007: 227).
Was das für Steemit bedeutet
Auf Steemit zeigt sich hier ein Zielkonflikt. Die Informationsdimensionen, die durch den Austausch von wertvollen Wissen geprägt ist, und die soziale Dimension, die durch den Austausch von wertvoller Aufmerksamkeit geprägt ist, hängen mit dem Geldverdienen zusammen.
Das Produzieren und Kuratieren von Beiträgen sind ein Geschenk an die Community, es zeichnet die in sich geschlossene Community überhaupt erst aus, und erhöhen im Sinne Georg Francks die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl der Beteiligten. Vereinfacht gesagt zeigen die Autorrewards den finanziellen Wert des gegebenen Wissens und den Wert der gesamten empfangenen Aufmerksamkeit und die Curationrewards zeigen den finanziellen Wert der gegebenen Aufmerksamkeit inklusive der dafür investierten Zeit im Verhältnis zum Zeitpunkt der Aufmerksamkeit und der gesamten Aufmerksamkeit der Community.
Das große Problem hierbei ist, dass die finanzielle Dimension (dieses ansonsten guten Systems) extrem verzerrt und die Zielgröße und die Rewards in erster Linie nicht mehr vom gegebenen/erhaltenen Wissen oder die erhaltene/gegebene Aufmerksamkeit und damit der Bedeutung für die Community als Ganzes abhängen, sondern zentral von der Größe der Wallets von Einzelnen.
Ohne jetzt egoistische Verhaltensweisen aufzählen zu wollen, ist die Frage, wie man in den Sub-Communities damit umgeht und wie man es schaffen kann, das Gewicht wieder stärker auf das Wissen und die soziale Interaktion zu verschieben. Liegt die Verantwortung bei den kleinen Fischen, die sich dem System anpassen und mitspielen oder bei den großen, die mit ihrem Wallel der Verhalten der Kleinen durch ihre Aufmerksamkeit lenken können. Wie können die Wale qualitative Beiträge und qualitative soziale Interaktionen in Sub-Communities fördern? Woher bekommt die deutschsprachige Community mehr Wale und wie können diese dazu begeistert werden, ihre "Aufmerksamkeit", d.h. ihre SteemPower, in eine Sub-Community wie De-Stem oder Deutsch zu investieren?
Da es überhaupt Communities gibt, ist zumindest ein gutes Zeichen, denn dort finden soziale Aktivitäten statt. Vielleicht sollten wir die einzelnen Beiträge nicht als etwas isoliertes betrachten, sondern in einem Kontext aus anderen Beiträgen und Akteuren. Wäre es so nicht auch besser, die Beträge zu verknüpfen bzw. auf andere Beiträge zu verweisen oder gemeinsame Projekte zu starten, die zahlreiche Beiträge bündeln und durch die Vernetzung auch mehr Kommentare fördern? Gute Beispiele dafür waren doch schon die 20-Fakten-über-mich oder das Wochenthema Angst.
Wäre es im De-STEM-Bereich vielleicht auch interessant, wenn mehrere Leute über das selbe Thema schreiben - aber aus ihren eigenen Fachgebiet heraus? So erhalten wir einen ganzheitlicheren Einblick in ein Thema; es entstehen mehr interdisziplinäre Diskussionen in den Kommentaren; vielleicht können sich die einzelnen Disziplinen so auch gegenseitig inspirieren etc.
Literatur
Franck, Georg (2007): Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. Ungekürzte Ausg., Lizenzausg. München: Dt. Taschenbuch-Verl.