Was ist Männlichkeit? Was zeichnet einen wahren Mann aus? Diese beiden Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Seit jeher wurde über potentielle Antworten heftig gestritten und so vielfältig die möglichen Lösungen für dieses Rätsel auch aussehen mögen, so vielfältig sind auch die individuellen Lebensentwürfe von Vertretern des (manchmal gar nicht einmal so) starken Geschlechts. Das 20. Jahrhundert hat es mit seinen zahlreichen Veränderungen und Umwerfungen – Wahlrecht für Frauen, Emanzipation, Feminismus und Gleichberechtigung – notwendig gemacht, erneut darüber nachzudenken, was Männlichkeit im noch recht jungen 21. Jahrhundert sein könnte. Der Autor dieses Artikels möchte eine Antwort versuchen – freilich nicht ohne vorher zu unmissverständlich deutlich zu machen, was Männlichkeit aus seiner Sicht NICHT ist und weshalb die islamistische Terrororganisation ISIS eine falsche, abgrundtief abscheuliche und barbarische Form von Männlichkeit predigt.
Die Bilder, die der Islamische Staat in die Welt aussendet, brennen sich mittlerweile tief in das kollektive Gedächtnis des Westens ein. Es sind Bilder des Blutvergießens, des Abschlachtens, der puren Grauens: Unschuldige werden in Käfige gesperrt und ertränkt, „Ungläubigen“ wird mit der Machete der Kopf abgehackt, einfache Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Keine Frage: ISIS bedient sich auf propagandistisch geschickter Weise einer Ästhetik des Splatters, wie man sie in modernen Horrorfilmen wie Evil Dead oder Hostel antreffen kann: Da spritzen Blutfontänen wie Springbrunnen, da fließt der rote Lebenssaft in rauen Mengen, da rollen Köpfe wie Fußbälle und werden menschliche Körper zerfetzt wie im Granatenhagel. Mit solchen Bildern sind heutige Jugendliche bestens vertraut, sie kennen sie aus extremen Horrorfilmen oder „True Gore“-Webseiten wie rotten.com. Splatter konfrontiert den einzelnen Menschen mit seinem Körper und führt ihm das Organische seines biologischen Aufbaus vor Augen. Da solche Bilderwelten auch immer den Reiz des Verbotenen ausstrahlen, wirken sie auf männliche muslimische Jugendliche besonders attraktiv. ISIS bietet demjenigen Teil der heranwachsenden Männern, der sich mit Existenzangst, Furcht vor sozialem Abstieg und Perspektivlosigkeit konfrontiert sieht, die zynische Gelegenheit, sich einem metzelfilmmäßigen Psychokiller gleich mal so richtig „austoben“ zu können und dabei neue völlig neue Sichtweisen entwickeln zu können.
Es wäre zu kurz gegriffen, der modernen Filmindustrie die Schuld für die verabscheuungswürdigen Taten der dschihadistischen Bestien zu geben. Um Schuldzuweisungen soll es hier auch gar nicht gehen. Fakt ist aber, dass die diabolische Ikonographie des martialischen Machetenschwingens, Kopfabschlagens und Blutvergießens eine gewisse Faszination auf potentielle Nachwuchsglaubenskrieger ausüben. Die trügerische Versprechung, im Falle des eigenen Todes auf dem Schlachtfeld ins Paradies einziehen zu können, wo man auch schon sofort von tausend bezaubernden Jungfrauen erwartet würde, tut sicherlich ihr Übriges, um den Anwärter auf den Posten des zukünftigen verblendeten Hasspredigers restlos von der (aus Sicht der ISIS-Gefolgsleute freilich bestehenden) „Notwendigkeit“ des Kampfes gegen die westlichen „Ungläubigen“ zu überzeugen.
Das ist die Version von Männlichkeit, von der ISIS meint, dass nur sie die einzig richtige sein könne: Hier auf Erden darf der „wahre Gläubige“ gegenüber den „Heiden“ ruhig einer hemmungslosen Grausamkeits-Gaudi frönen, deren Erbarmungslosigkeit keinerlei ethisch-moralische Grenzen kennt, während sich der vermeintlich „wahre Moslem“ im himmlischen Schlaraffenland ausgiebig mit Heerscharen von Schönheiten vergnügen und dort seine Casanova-Qualitäten unter Beweis stellen kann.
Es ist eine zutiefst abscheuliche Vorstellung von Männlichkeit, die uns ISIS hier auftischen will. Soviel muss klar sein.
Was kann der Westen nun tun, um diesem teuflischen (und durch und durch falschen) Bild von Männlichkeit eine positive Alternative entgegenzusetzen? Welche Vorstellung von Männlichkeit sollte das Abendland entwickeln und es den jungen männlichen Muslimen als Vorschlag unterbreiten?
Tatsache ist: Der Mann des 21. Jahrhunderts muss tapfer, heroisch, mutig und stark sein. Auch er darf radikal sein. Seine Radikalität drückt sich aber nicht im barbarischen Abschlachten unschuldiger Menschen aus. Seine Radikalität ist vielmehr eine positive Radikalität: Sie besagt, dass er, der Mann von heute, sich und sein Leben in völliger Freiheit entfalten und sich dabei nicht von irgendwelchen Hürden oder der überflüssigen Meinung von Miesmachern und Spöttern niedermachen lassen darf. Der Mann der Gegenwart kennt keine Grenzen, keine Hindernisse und keine Barrieren, die ihn dabei aufhalten, sich ein schönes und tolles Leben zu erschaffen. Er lebt mit sich und seiner Umwelt in völligem Einklang. Harmonie ist sein Leitprinzip. Er akzeptiert und respektiert seine Mitmenschen so, wie sie sind. Er behandelt jede Frau wie eine Königin (das heißt natürlich: nicht jede Frau. Nur die Frau, die sich auch wie eine Dame verhält, kann von der Männerwelt verlangen, auch wie eine behandelt zu werden. Wer sich wie ein Miststück verhält und andere wie Dreck behandelt, hat es auch selbst nicht verdient, von Männern gut behandelt zu werden). Er ist der charismatische Typ, dem nie jemand etwas übel nehmen könnte, ähnlich wie George Clooney oder Richard Gere. Sein Respekt und seine Hochachtung umfassen nicht nur die Menschen, die seinen Lebensweg kreuzen: Auch gegenüber der Natur mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt empfindet er tiefe Demut. Er weiß, dass er ein ganzheitliches Wesen ist, der ein zufriedeneres Leben führen wird, wenn er sich mit anderen zusammentut und seine Existenz nicht auf Hass und Vernichtung, sondern auf Liebe und Kooperation gründet. Er lässt sich von nichts und niemandem von seiner Selbstverwirklichung abbringen. Das Wort „aufgeben“ hat er aus seinem Wortschatz gestrichen. Selbst, wenn es mal nicht so läuft, wie er es will und er zu Boden geht, kennt er nur eines: weitermachen! Doch bei allem, was er tut, lässt er sich von dem ausgeprägtesten aller seiner Wesenszüge leiten: den der Friedfertigkeit!
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass nicht nur unsere westlichen Gesellschaften, sondern auf Lange Sicht gesehen die gesamte Menschheit von dieser Version von Männlichkeit profitieren wird. Der moderne Mann muss zwar ein Krieger sein, aber dieses Wort darf hier, so wie ich es verstehen möchte, nicht militärisch, sondern spirituell verstanden werden. Nur wer mit sich im Reinen ist, kann letztlich auch mit seinen Mitmenschen in Frieden zusammenleben. Die wunderbare und schöpferische Kraft, Dinge zu erschaffen und zu erhalten, ist tausendmal schöner und kraftvoller als der Wille zur Vernichtung. Viel zu häufig versteht man auch im Westen unter „Männlichkeit“ etwas Bösartiges, Gewalttätiges und Machomäßiges. Dass im Begriff der Männlichkeit jedoch eine tief empfundene Harmonie, Glückseligkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Gestaltungskraft stecken wird dabei von unserer Gesellschaft nur allzu gerne ignoriert. Doch dabei muss es nicht, nein, dabei darf es nicht bleiben!
Arbeiten wir also alle gemeinsam daran, dass wir dem wundervollen Begriff der Männlichkeit wieder zu neuem Glanz und neuem Stolz verhelfen! Vorbei mit den eiskalten Zerstückelungszeremonien der fanatisierten Islamisten! Zeigen wir ISIS, was wahre Männlichkeit bedeutet! Packen wir’s an!
Dies ist ein Kommentar von unserer Seite: http://derwaechter.net/wahre-maenner-sind-keine-barbaren-das-falsche-bild-von-maennlichkeit-das-isis-der-jugend-vermittelt-und-warum-wir-einen-kraftvollen-gegenentwurf-von-maennlichkeit-entwickeln-muessen