Das ist sie, der Quell meines schlechten Gewissen und der Grund, warum ich nicht konzentriert arbeiten kann.
Sie sieht so klein und zerbrechlich aus, und das ist sie auch. Ich glaube, sie erlebt heute ihren ersten Tag ohne Mutter und Geschwister, ohne Muttermilch, dafür viele mehr oder weniger sanfte Tritte und Ablehnung. Dafür ein sicher starkes Gefühl des Verlorenseins, wenn sie nicht spätestens übermorgen ein neues Zuhause findet.
Sie ist sogar noch schmutziger als unsere kleinen Monster, die inzwischen so aktiv sind, dass man sie stundenweise aus dem Haus sperren muss.
Plötzlich war sie da, als wir unsere Monster zum Mittagessen ins Haus einluden, nachdem sie draußen getobt hatten. Die anderen haben sie angefaucht und angeknurrt. Trotzdem wollte sie mit ins Haus. Zuerst dachte ich sogar, sie sei eine von uns.
Als ich meinen Irrtum bemerkte, habe ich sie wieder vor das Haus gesetzt, bzw. zu ein paar Kindern gegeben, in der Hoffnung, dass sie besser wissen, wo sie hingehört.
Aber sie kam wieder, diesmal laut mauzend. Und wer dieses Kätzchengeschrei kennt, das nach der Mutter ruft, der weiß, dass das die perfekte Melodie für ein schlechtes Gewissen ist.
Am späten Nachmittag bin ich noch einmal zum Markt gegangen und habe sie auf dem Weg dorthin ca. 100m entfernt abgesetzt und war froh, denn als ich zurückkam, habe ich weder das Maunzen noch das Kätzchen selbst gesehen oder gehört. Alles in Ordnung, sie hat etwas gefunden, Problem gelöst.
Zu früh gefreut.
Wir sind dann beide nochmal ins Städtchen zum Einkaufen und als wir vom Spaziergang zurückkamen, hörten wir sie vor einer anderen verschlossenen Tür. Sie hat dann den Weg zu unserem Haus gefunden und irgendwann habe ich das Geschrei nicht mehr ausgehalten und habe ihr hinter dem Haus, im Trockenen, etwas Futter und einen Schlafplatz gemacht. Aber das war nicht das, was sie wollte.
Ein paar Stunden hatte sie die Katzentür entdeckt, und im Haus wurde sie von den anderen mit Befremden oder auch gelangweiltem Interesse beobachtet und bei Lust angefaucht.
Sie ließ sich nicht beirren und folgte mir auf Schritt und Tritt. Zuerst führte ich sie zur Futterstelle, dann zum Wasser. Das Konzept des Trinkens kannte sie offensichtlich noch nicht, aber sie lernte schnell.
und warum ist sie schuld an meinem schlechten Gewissen?
Letztendlich müssen alle jungen Katzen irgendwie und irgendwann aus dem Haus. Wir können mit drei Katzen leben, aber auf keinen Fall mit 9 oder 10. Ich hatte das schon einmal, es geht einfach nicht, Man lebt dann hygienemäßig in einem Stall, nicht in einem Haus.
Das irgendwann ist ziemlich klar, in 2 Wochen. In zwei Wochen werden die drei Altkatzen sterilisiert, wenn der Tierarzt dann Zeit und Lust hat... und in der Stadt ist.
Eigentlich praktiziert er in Manila und ist nur Samstag und Sonntag hier, einen anderen Tierarzt gibt es erst in der Provinzhauptstadt, zwei Stunden mit Jeepney, und Tricycle entfernt, also unerreichbar.
Die Preise sind für mich wirklich ok, für alle drei Katzen will er 5400 Pesos, ca. 95Euro. Für die einheimische Bevölkerung ist sowas allerdings unerschwinglich, für viele ist das ein Monatslohn oder sogar mehr als einer.
Das bringt mich zu der Überlegung, ob es wirklich klug ist, so viel Geld für "Katzen" auszugeben, wenn die Kastration einer Katze so viel kostet, wie die Wäscherin gegenüber im Monat verdient? Und das bei vielleicht 10 Katzen? Sicher nicht und schon habe ich den nächsten Grund gefunden, warum die jungen Katzen weg müssen. Aber das schlechte Gewissen bleibt.
Und wie mache ich das? Einfach ertränken, wie es mein Opa gemacht hat? Das habe ich einmal als Jugendlicher selbst gemacht und ich kann mich immer noch zu gut daran erinnern. Also eher nicht.
Schöne Bilder auf Facebook posten und darauf hoffen, dass sie jemand will? Das werden wir sicher tun und hoffen werden wir auch, aber bei dieser Katzenschwemme ist das eher unwahrscheinlich.
Es bleibt nur eine Lösung übrig, weit wegbringen und hoffen, dass sie überleben. Zumindest haben sie dann eine Chance. Ich werde sie auf die andere Seite des Flusses bringen, mit einer Tüte voll Trockenfutter für den die ersten zwei Tage. Da in der Nähe ist das Camp der Bauarbeiter, die den Damm bauen, vielleicht vergrößert das ihre Chancen.
Mittlerweile haben sich die "schon länger hierlebenden Kätzchen" etwas zurückgenommen und dulden den Eindringling sogar auf ihrem Lieblingssplatz, der Fußmatte an der Treppe.
Und ich werde jetzt versuchen zu arbeiten und mein schlechtes Gewissen verdrängen. Mal sehen, ob das funktioniert.