Schon mal vom "Konstruktivismus" gehört? Mit meinen Worten: eine mentale -oft unbewusste - Entschlossenheit, sich die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geistig zu (re)konstruieren. Also wie man sein persönliches Erleben interpretiert. Ich behaupte, wie die Konstruktivisten auch, dass wir alle das - mehr oder weniger - tun.
Wikipedia:
"Der Konstruktivismus in lernpsychologischer Hinsicht postuliert, dass menschliches Erleben und Lernen Konstruktionsprozessen unterworfen ist, die durch sinnesphysiologische, neuronale, kognitive und soziale Prozesse beeinflusst werden. Seine Kernthese besagt, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen. Was jemand unter bestimmten Bedingungen lernt, hängt somit stark, jedoch nicht ausschließlich, von dem Lernenden selbst und seinen Erfahrungen ab."
https://de.wikipedia.org/wiki/Konstruktivismus_%28Lernpsychologie%29
Ein paar Beispiele:
Um den letzten Toskana-Urlaub vor den Freunden als "wundervoll" hinzustellen, fantasiert man ein kleines Erlebnis hinein, das niemals genauso stattgefunden hat. Indem man dieses Erlebnis stets aufs Neue wiederholt, glaubt man selbst daran, dass es sich genauso zugetragen hat. Wenn alsbald die Erinnerung daran, dass man ein klein wenig geflunkert hat, entschwindet, ist dieses Erlebnis irgendwann die "Wahrheit".
Um die Schläge, die man als Kind bezogen hat, zu integrieren, sagt man: "Das hat mir nicht geschadet." Und findet damit eine Erklärung für die Gegenwart, in der man beispielsweise nicht bemitleidet werden will. Oder etwa analysiert.
Ich habe einige schöne Konstruktionen, die noch den Zipfel der Erinnerung tragen, dass ich mir da was überlegt habe! Ich beschloss, fortan mit diesen Regie-Fassungen zu leben, bis sie gänzlich zu meiner Wahrheit werden sollen. Es hätten auch genauso gut andere "Wahrheiten" sein können. Man kann sich quasi selbst austricksen.
Salopp gesagt "schön reden".
Will sagen: In der Systemik benutzt man den konstruktivistischen Ansatz zum "Re-Framen" - schlimme Ereignisse in der Kindheit oder im späteren Leben können auf diese Weise positiv re-integriert werden. Aus einem vormals traumatischen Erleben und der daraus resultierenden Bewertung zieht man etwas heraus, was positiv konnotiert werden kann - im Nachhinein.
Das dient der Verarbeitung und dem Abbau von üblen Glaubenssätzen. Das mindert nicht in etwa - wie man jetzt fälschlicherweise denken könnte - die Tragik des Vergangenen. Aber es hilft, diese Tragik nicht weiter die Gegenwart dominieren zu lassen.
Beispiele für üble Glaubenssätze:
- Männer/Frauen sind scheiße
- Ich bin dumm
- Die Welt ist schlecht
- Der Mensch ist des Menschen Wolf
und so weiter.
Das war ein kleiner Ausflug in die Systemik. Hilft mir oft bei meiner Arbeit.
Photo by Aaron Burden on Unsplash