„Was muss ich tun, damit Sie mich mitnehmen?“,
will der junge Mann wissen, mit dem sich Morpheus einen Monat vor dem Stattfinden des Freudenfeuers in Hamburg getroffen hatte. Sie sitzen vor einem unscheinbaren kleinen Café mit Elbblick und trinken einen Latte Irgendwas. Der Mann ist freischaffender Reporter bei der Tageszeitung „Hamburg Heute“ und sitzt nur deshalb mit Morpheus hier, weil dieser sich zuvor dabei hatte erwischen lassen, wie er sich in einer unbelebten Altonaer Seitenstraße auf gänzlich unmögliche Weise durch einen Gullideckel nahe eines stillgelegten Friedhofes materialisierte, um vermeintlich unbeobachtet und auf schnellstem Weg vom Paradies in die Welt zu gelangen. Dabei hatte er Christopher aufgeschreckt, der hinter einem Busch auf einer Bank im angrenzenden Park saß und sich vor Überraschung an seinem Jever verschluckte.
Zufällige Begegnungen üben einen großen Reiz auf Morpheus aus. Ohne sich mit langen Erklärungen aufzuhalten, hatte er deshalb gesagt: „Ja, vollkommen unmöglich, was Sie gerade gesehen haben und ja, ich bin kein Mensch." Er streckte Christopher die Hand entgegnen. "Morpheus. Ich komme geradewegs aus dem Paradies.“ Damit verbeugte er sich vor seinem Entdecker. Unter seinem gesenkten Haupt grinste er breit. Er genoss das Überraschungsmoment, die Fassungslosigkeit auf den Gesichtern der Menschen, wenn Sie ihn anglotzten. In seinen Kreisen gehörte ein wenig mehr dazu, überhaupt jemanden in Erstaunen zu versetzen.
„Wie ist nun Ihr Name?“ hatte Morpheus den Verdutzten gefragt, der sich aber recht schnell wieder fing und antwortete: „Christopher. Entschuldigung..., aber ich glaub‘s einfach nicht. Wieso haben Sie einen verkohlten Flügel?“ „Das, mein Lieber, ist eine Geschichte, die ich Ihnen vielleicht irgendwann verraten werde“, lachte Morpheus, „aber nicht jetzt. Sie werden mir wohl nicht versprechen, dass Sie niemandem von mir erzählen. Und dass Sie mir nicht hinterher spionieren werden, wenn ich Ihnen jetzt einfach den Rücken zudrehe und mich um die Sache kümmere, derentwegen ich hergekommen bin?“ „Muss ich denn?“, wollte Christopher A. Wiese wissen, darüber nachdenkend, ob er diese Begegnung in seiner Zeitung verwerten können würde. „Sie müssen gar nichts“, plauderte Morpheus, „ich könnte auch eine dieser typischen Yedi-Handbewegungen machen, die Sie dazu brächte, sich an rein gar nichts mehr zu erinnern.“
Christopher hatte überlegt, ob Morpheus wohl wirklich so eine Gabe besitzen könnte und kam zu dem Schluss: er hatte sie. Zumindest, wenn man sich darauf einließ, dass er soeben Zeuge eines unmöglichen Vorgangs geworden war. „Echt?“ fragte er,
„und das klappt, genau wie bei Obi Wan Kenobi?“
„Und wie!“, entgegnete Morpheus vergnügt, dem modernen Zeitalter sehr dankbar dafür, das es ihm erleichterte, sich kurz zu fassen und nicht erst lange darüber zu referieren, was mit einem menschlichen Gehirn alles passieren müsse, um es Erlebtes vergessen zu lassen.
Heutzutage waren alle so furchtbar gebildet.
„Also gut, ich sage Ihnen jetzt was. Sie warten bei sich zu Hause auf mich. Ich erledige dann noch eine Kleinigkeit und komme danach zu Ihnen. Und nun her mit Ihrer Brieftasche.“ „Was, wieso?“ wollte Christopher wissen, gab sie Morpheus jedoch. Dieser nahm sich seinen Personalausweis heraus, schaute auf die Rückseite und fragte: „Stimmt die Meldeadresse noch?“. „Äh, ja. Aber wenn Sie das alles können, ich meine fliegen und diese Vergessenskiste und so weiter, wissen Sie dann nicht auch ganz automatisch, wo ich wohne?“ „Könnte ich rausfinden, indem ich Ihre Gedanken lese. Aber wozu die Anstrengung, wenn Sie es mir genauso gut erzählen können? Ich hätte sie auch ganz normal fragen können“, grinste Morpheus und gab Christopher seine Brieftasche zurück. „Woher weiß ich, dass Sie mich nicht verarschen und mich umsonst warten lassen?“, wollte Christopher wissen und Morpheus sagte: „Wissen Sie nicht. Aber ich werde da sein.“ Damit zwinkerte er Christopher zu und ging seines Weges, während dieser hinter ihm herschaute und mehrmals mit dem Kopf schüttelte. Aufgewühlt ging er zur nächsten freien Tankstelle, kaufte sich eine Packung Luckys und machte sich dann auf den Heimweg.
Morpheus klopfte sich seine Kleider zurecht, versteckte seine Flügel unter seiner grauen Jacke, nicht, ohne sich dieses Mal genauer umgesehen zu haben, bog in die nächste Straße ein und klingelte an seinem Bestimmungsort. Einige Sekunden später ging der Türsummer und nach ein paar Stufen hinauf schritt er durch die angelehnte Tür. „Komm herein, ich bin hinten!“, rief eine Stimme. Nur zehn Minuten später war Morpheus schon wieder auf der Straße und beschloss, sich noch ein wenig auf dem Kiez abzulenken, bevor er Christopher den versprochenen Besuch abstatten würde.
Er schlenderte in der Boutique Bizarre umher,
bewunderte das originelle Outfit der Verkäufer in der unteren Etage der Dessous-Abteilung, fragte auf der anderen Seite, was die kleinen gefährlich aussehenden Metallspitzen für einen Sinn hatten, die in einem Schaukasten lagen und kicherte, als er die Antwort hörte.
Dann kaufte er an einem rund um die Uhr geöffneten Kiosk ein Sixpack und die aktuelle Ausgabe von ‚Hamburg Heute‘. Er fand an mehreren Stellen den Namen seiner jüngsten Bekanntschaft Christopher A. Wiese. Darunter einen Artikel in Vermischtes über Ronald L. Mallett, einen Professor für Theoretische Physik aus New York und einer Rezension zu seinem Buch "Time Traveler - A Scientist‘s Personal Mission to make Time Travel a Reality". Malletts Theorie: auch mit Hilfe von zirkulierendem Licht in der Zeit reisen zu können. Christophers Ansicht: interessant, aber Schwachsinn.
Bei Rosie’s war noch nichts los um die Uhrzeit und so kam Morpheus, kaum zwei Stunden später, bei Christopher an. Er gönnte sich das Vergnügen, an der Rückseite des Hauses an dessen Schlafzimmerfenster im vierten Stock zu klopfen und eindrucksvoll mit den Flügeln zu schlagen, um seiner Ankunft den nötigen Effekt zu verleihen. Christopher kam erst nach mehrmaligem Klopfen auf die Idee, ins Schlafzimmer zu gehen, um nachzusehen, woher der Lärm kam.
Aufgeregt öffnete er das Fenster und sagte: „Mann, Sie haben ja Nerven. Was, wenn Sie noch jemand sieht?“ „Vergessenstrick, schon vergessen?“, Morpheus wedelte andeutungsweise mit der Hand und stieg dann über den Sims hinein. Die beiden hatten sich daraufhin einige Stunden unterhalten, mehrere Biere gekippt und sich für den kommenden Mittwoch in der Amphore verabredet.
Wo sie nun sitzen und der Latte kalt wird.
„Sie müssen mutig sein, damit ich Sie mitnehme“ antwortet Morpheus auf Christophers Ansinnen nach einer möglichen Teilnahme am Freudenfeuer.
„Bin ich, bin ich“, behauptet Christopher eifrig.
„Ich werde Sie in eine, sagen wir, Fledermaus verwandeln müssen, damit ich Sie ungesehen hineinbringen kann“, eröffnet Morpheus seinen Plan.
„Fledermaus?“, ruft Christopher, nun doch ziemlich entsetzt.
„Jep“, nickt Morpheus. „Es ist leider nur eine begrenzte Anzahl Menschen zugelassen und die ist bereits erreicht. Aber wenn Sie nicht wollen …“.
„Nein, ich meine ja, ich möchte schon, aber können wir nicht ein anderes Tier wählen, zum Beispiel einen Tiger oder Adler oder so etwas?“
Morpheus schüttelt verneinend den Kopf. „Es handelt sich dabei auch nicht um eine typische Fledermaus, Sie werden in einen Klamauk verwandelt, das sind fledermausähnliche Wesen mit Armen und Beinen und Flügeln. Sie werden auch sprechen können. Andererseits müssen Sie sich darauf einstellen, dass Sie anderen Gefühlszuständen ausgesetzt sein werden, als in Ihrer Menschengestalt." Er überlegt kurz und redet dann weiter:"Die Klamauks sind ziemlich archaische Wesen. Hatte nie Probleme mit ihnen. Sie existieren schon lange bei uns, haben sich im Laufe der Evolution kaum verändert, gelten als gefräßig, aufbrausend und sind in der Regel daran interessiert, sich zu vermehren und Partys zu feiern."
„Klingt irgendwie doch ganz vernünftig“, murmelt Christopher, nur halb überzeugt.
„Keine Angst“, beschwichtigt Morpheus ihn. „Sie werden Ihren Spaß haben, glauben Sie mir.“
„Also gut. Was muss ich sonst noch beachten? Und wie kann ich meine Erlebnisse dokumentieren? Normalerweise nehme ich was zum Mitschneiden mit. Hier“, er holt sein Mobiltelefon hervor.
„Tut mir Leid, das wird nicht gehen. Mit dem Ding würden Sie nicht als Klamauk durchgehen. Sie müssen aufhören, wie ein Mensch zu denken“, rät Morpheus. „Ich weiß, das ist nicht leicht, zumal Sie überhaupt keine Transformationserfahrung haben. Außerdem wird Ihnen ohnehin kein Schwein glauben, sagte ich das schon? Warum also darüber schreiben?“
„Aber warum soll ich dann überhaupt mit?“, will Christopher wissen. Morpheus staunt über so viel Dummheit.
„Abenteuer, Spaß, Nervenkitzel?“ schlägt er vor.
„Aber haben Sie schon mal einen Pistolenschuss überlebt, nur, um hinterher mit niemandem darüber reden zu können?“, will Christopher dennoch wissen.
„Nein.“, sagt Morpheus. „Ich verbiete Ihnen ja nicht, über Ihre Erlebnisse zu sprechen.“
„Aber wenn es nicht in der Zeitung steht, ist es so, als wäre es gar nicht geschehen!“, beharrt Christopher.
„Schluss damit! Es wird ja geradezu philosophisch mit Ihnen. Noch ist gar nichts passiert und wenn Sie weiter so penetrant sind, dann überlege ich es mir wieder anders. Also?“
Resigniert nickt Christopher schließlich. Dann fasst er sich ein Herz und fragt: „Wann geht’s los?“
„Heute Abend in zwei Wochen“, antwortet Morpheus. „Ich hole Sie ab. Das einzige, was Sie mitnehmen sollten, sind Kopfschmerztabletten.“
Damit erhebt sich Morpheus, verabschiedet sich mit einem „bis dann!“ und geht. Christopher sitzt noch eine Weile an seinem Platz und schaut auf den Hamburger Hafen. Kopfschmerztabletten?
Christopher hatte es nach der ersten Begegnung mit Morpheus gerade mal zwei Tage lang ausgehalten, dann seine Freundin Clarissa angerufen und sie um ein Treffen im Goldenen Anker gebeten. Die Kneipe war in der Regel wenig besucht, die Musik nicht so laut und die Getränke günstig.
Als Clarissa hereinkam, saß Christopher bereits rauchend auf einem Barhocker.
Trotz Rauchverbot standen überall Aschenbecher herum. Nach einer kurzen Begrüßung und Küsschen auf die Wange bestellten sie sich Gin Tonic und Christopher begann, kaum, dass sie sich gesetzt hatte, mit seinem Bericht über das Treffen mit Morpheus.
Clarissa hatte sich alles angehört, ohne ihn zu unterbrechen. Als er fertig war, sagte sie: „Stark!“ und: „Das glaubt dir doch kein Schwein.“ Christopher hatte damit gerechnet, Morpheus Worte noch im Ohr, und zückte sein Handy, um ihr stolz einen erstklassigen Mitschnitt seines Gespräches mit ihm vorzuspielen. Nachdem die Aufnahme beendet war, schaute er sie beifallsheischend an. „Na und?“, wollte Clarissa wissen, „Was beweist das? Sowas kann man sich alle Nase lang irgendwo im Netz runterladen.“ „Hallo? Erkennst du etwa meine Stimme nicht?“, wollte Christopher entnervt wissen, aber Clarissa zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Nein. Tue ich nicht. Was gibt’s sonst Neues?“
Christopher musste sich zusammenreißen, um nicht allzu frustriert zu sein. „Reicht das etwa nicht?“. Während Clarissa den Barmann heranwinkte, um sich noch einen zweiten Gin Tonic zu bestellen, fächelte sie sich mit einem Bierdeckel Luft zu und sagte:
„Ich hab vielleicht einen Scheißtag hinter mir.
In der Agentur ist mal wieder die Panik ausgebrochen, wir pitchen für einen Autokunden und müssen uns irgend so eine schwachsinnige Kampagne für die neue Mercedes E-Klasse ausdenken. Spot, Online-Gewinnspiel und so weiter. Ich meine, die Karre an sich ist echt nett, mit allem möglichen technischen Gedöns. Eingebaute Infrarotnachtsichtscheinwerfer, Toter-Winkel-Warn-Sensor, automatische Abstandsregelung zum Vordermann und im Handschuhfach ein Überlebensbeutel für den Fall, dass man einen Unfall hat und das Auto brennt, oder was weiß ich. Mit so einem Schlag-Dings kann man die Autoscheibe einschlagen und ein Messer zum Gurt durchschneiden ist auch dabei. Krass, oder?“
Sie sah Christopher an, um seine Reaktion zu testen. Der hatte aber nur dagesessen und sich gefragt, wie er Clarissa dazu bringen konnte, ihm zu glauben. „Ich bin so fertig mit der Welt. Der ganze Stress bringt mich noch um“, nörgelte Clarissa weiter und fragte dann: „Und, wann ist dein nächster Urlaub geplant?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, sprach sie weiter: „Ich überlege ja, ob ich nicht mal ein Sabbatjahr machen soll. Vielleicht in Mittelamerika. Bin total ausgebrannt. Immer nur kreativ sein, sich Ideen aus den Fingern zu saugen, ist echt anstrengend und irgendwann fällt einem nichts mehr ein. Christopher, es ist alles schon mal da gewesen! Egal, was ich sehe oder anfasse, zu allem fällt mir ein bekloppter Werbeslogan ein. „Volumen das du siehst, Pflege, die du spürst, ich bin der Picknicker.“ Hörst du? Das ist krank! Ich muss einfach mal weg. Am liebsten würde ich meine Wohnung kündigen, meine Sachen auf einen großen Scheiterhaufen werfen und ihnen beim Verbrennen zugucken. Jeden Tag schwarz tragen. Es ist so anstrengend, immer mit der Mode zu gehen und jeden verdammten Morgen vorm Kleiderschrank zu stehen, ohne zu wissen, was man anziehen soll. Ich möchte keine Versicherungen mehr abschließen und keine Altersvorsorge betreiben. Ich will, dass meine Haare unter den Achseln wieder wachsen, mir nicht mehr die Beine rasieren und keinen neuen Haarschnitt brauchen. Überhaupt, die drei Stunden beim Friseur! Ich meine, es wäre doch auch mal schön, sich allem Materiellen zu entledigen. Meinst du nicht, dass das ungemein befreiend wäre?“
Nach diesem Monolog hatte Clarissa tief geseufzt.
Christopher hatte ihr dann doch zugehört und eigentlich war es ja so, dass Clarissa ein Besuch im Paradies absolut nicht schaden würde. Er sah sie sehr ernst an und sagte: „Dann komm doch mit. Morpheus hätte bestimmt nichts dagegen.“ Clarissa nahm daraufhin ihr Glas, kippte den Rest hinunter und sagte knapp: „Danke, dass du so gut zugehört hast. Aber ich gehe jetzt!“
Sie stand auf und war im Begriff, die Tür zu öffnen, als Christopher sie am Ärmel ihrer John Galliano Jacke zog. „Clarissa, ich meine es wirklich ernst! Warum sollte ich dir einen solchen Bären aufbinden? Ich weiß ja selbst, wie bescheuert alles klingt. Aber ich möchte, dass du dabei bist. Auch deshalb, weil du eine Auszeit so bitter nötig hast. Bitte, Clarissa, auch wenn du mir nicht glaubst, gib dir einen Ruck und komm nächsten Dienstag zu mir in die Wohnung.“ Clarissa schaute ihn noch immer skeptisch an. Dann sagte sie: „In Ordnung. Ich überleg’s mir. Tschüss, ich ruf dich an!“ Schon wieder wurde Christopher stehen gelassen. Anscheinend war er ein Mensch, mit dem man das machen konnte.
Drei Zigaretten später hatte auch er sich auf den Heimweg gemacht. Er glaubte eigentlich selbst nicht, was ihm passierte und konnte es Clarissa nicht verübeln, dass sie meinte, er würde spinnen. Eigentlich total weltfremd, sich von einem daher gelaufenen Kerl einreden zu lassen, er könne einen in ein was weiß ich verwandeln, um dann gemeinsam ins Paradies zu fliegen. Welches Paradies überhaupt? Trotzdem war Christopher Heim gegangen, um das Kommende, egal, was es sei, zu erwarten.
Fortsetzung folgt
Pictures:
- View on Hamburg/Germany - in the background you see the harbor
- Boutique Bizarr: Sex-Shop on the famous Hamburger Reeperbahn - you can go there any time and hold your breath
Hier findet ihr:
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
Viel Freude beim Lesen!