Die Dinge, die gerade jetzt geschehen, müssen als ein System gesehen werden, in dem Ereignisse eintreten, um dieses System zu regulieren. Systeme können nie "fixiert" werden, sondern sind immer im Wandel begriffen, es gibt kein Ende eines Ereignisses, nur vorübergehend aufgenommene Eingriffe in die Art und Weise, wie Menschen miteinander interagieren.
Dieses hat Dr. Russel Ackhoff in einer Rede gesagt, die hier veröffentlicht ist.
Seit etwa neun Jahren beschäftige ich mich mit Systemen. Die systemische Denkweise ist noch immer eine Nische, die zwar durch sehr interessante Persönlichkeiten aus der Geschichte der Philosophie, Soziologie, Anthropologie, Physik, Biologie, Psychologie und so weiter thematisiert wurde, doch sie hat im Vergleich zum etablierten Wissenschaftsverständnis nicht denselben Rang.
Ackhoff sagt, dass "Wissenschaft und Geisteswissenschaft der Kopf und der Schwanz der Wirklichkeit sind, und was er damit meint, ist, dass diese beiden Begriffe komplementär, also gleichzeitig zu denken sind, um eine einigermaßen holistische Weltanschauung auszudrücken. Man könne beide zwar getrennt anschauen, jedoch nicht wirklich trennen."
Science, I believe, consists of the search for similarities among things that are apparently different, the humanities consists of the search for differences among things that are apparently similar. Science and the humanities are the head and tail of reality - viewable separately, but not separable. It is for this reason that I have come to refer to the study of systems as part of the "scianities".
"Ein 'Problem' ist für die Wirklichkeit, was ein 'Atom' für einen Tisch ist."
Was könnte Ackhoff damit meinen? Er spricht über unsere "Erfahrung".
Die Erfahrung heißt "Tisch" und nicht "Atome".
Als ich ein Kind war und zum ersten Mal davon hörte, dass jede Materie aus Atomen besteht, war ich irritiert. Es sagte mir rein gar nichts, dass diese Atome einen Tisch ausmachen.
Man hat den Tisch durch das Konzept der Reduktion erklärt, aber das heißt zunächst mal gar nichts. Ich hätte nun statt eines Möbels auch eine "Biene" nehmen können oder ein "Virus".
Die Wirklichkeit existiert nach Ackhoff mittels "eines Durcheinanders von Problemen, die miteinander interagieren."
"Ein Problem ist abstrahiert von der Wirklichkeit durch Analyse. Es ist von der Realität isoliert."
Diese Isolation ist für uns so selbstverständlich, dass wir das Analysieren zur zweiten Natur haben werden lassen und wer "analytisch denken" kann, der versteht darunter ein Lob. Nun ist die Analyse aber nur eine Methode die Welt anzuschauen, aber nicht die Methode schlechthin. Um zu verstehen, dass Analyse nichts Ultimatives ist, ist ein Beispiel nötig.
"Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage" (Heinz von Förster)
Ackhoff erzählt von einer alten 83jährigen Dame, die ein angesehenes Mitglied ihrer Gemeinschaft ist. Als sie eines Tages von einem Arzt-Besuch nach Hause kommt und die vielen Treppen zu ihrer Wohnung nach oben steigt, erleidet sie einen Herzanfall und verstirbt daraufhin.
Die Personen (die Hörer der Aussage), die die alte Dame kennen, bilden einen bunten Haufen und entstammen den verschiedensten Berufen.
So sagt dann auch der Architekt: "Das wäre vielleicht nicht geschehen, hätte man in das alte Haus einen Fahrstuhl eingebaut". Und ein Mediziner sagt:"Es gibt nicht genügend Ärzte in der Gegend, sie hätte vielleicht einen in der Nähe gebraucht", während der Ökonom sagt, dass das alles nicht stimme und sie lediglich ein besseres Einkommen benötigt haben würde, um sich eine angemessene medizinische Versorgung leisten zu können.
Die Sozialarbeiterin schüttelt den Kopf: "Ihr wisst doch überhaupt nichts über diese Frau. Sie hat einen erwachsenen Sohn, mit dem sich sich leider überworfen hat. Dieser hat eine Universitätsausbildung genossen, hat eine beeindruckende Karriere gemacht und lebt nun mit Frau und Kind in einem stattlichen Haus. Hätte er seine Mutter zu sich genommen, so würde sie heute vermutlich noch leben."
Was wird durch das Beispiel deutlich?
Zunächst einmal sagt es mehr über die Sprecher aus, als über die Situation. Man erfährt im Prinzip sehr viel über die einzelnen Personen und wie sie den Tod der alten Dame betrachten (was sie "gehört" haben).
Handelt es sich außerdem überhaupt um ein "Problem"?
Aus systemischer Sicht handelt es sich nicht um ein Problem, welches nach einer Lösung sucht. Die Frau ist 83 Jahre alt geworden und gestorben. Man kann es als natürlich auftretendes Phänomen sehen, denn Menschen sterben. Warum nach einer Lösung suchen für etwas, dass nicht notwendigerweise ein Problem ist, das ist eine berechtigte Frage, nicht?
Die unterschiedliche Sicht der Beteiligten spiegelt die Disziplinen, in denen sie ausgebildet wurden.
Noch einmal Ackhoff - sinngemäß:
Interdisziplinarität ist Nonsens. Es ist wie ein zerbrochenes Ei, du kannst das Eigelb und das Eiweiß nicht wieder in seine Ursprungsform bringen, es bleibt zerbrochen. So ist das Ganze nicht in seine Teile zu zerlegen und kann nicht die Eigenschaften eines Ganzen durch seine Teile vermitteln. Die Teile bleiben Teile, können aber nicht über ihre Eigenschaften das Ganze ausdrücken.
Und was ist damit gemeint, "die Wissenschaften bestehen aus der Suche nach Ähnlichkeiten zwischen Dingen, die offensichtlich unterschiedlich sind, die Geisteswissenschaften bestehen aus der Suche nach Unterschieden zwischen Dingen, die offensichtlich ähnlich sind."?
Ich habe dazu eine Antwort in diesem Blog-Beitrag an jemanden formuliert, die den ersten Teil des Satzes - die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen offensichtlich unterschiedlichen Dingen - veranschaulichen soll:
Wenn du zum Arzt gehst, willst du als statistische Wahrscheinlichkeit behandelt werden oder als jemand mit einer einzigartigen Physiognomie und Mentalität? Das statistische Mittel ist eine Orientierung, ich sehe sie als sekundär an, der einzelne Fall ist besonders, das sehe ich als primär an.
Was geschähe, wenn ich ein Arzt wäre, der es in der Behandlung für dich umgekehrt machen würde? Liefe ich nicht Gefahr, die Symptome und die daraus ableitenden Diagnosen aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeiten vorschnell anzunehmen und zu testen? In modernen Gesellschaften wie unseren gibt es eine klare Tendenz zur Über-Medikation und zum Aktionismus durch vorhandene Diagnostiken und Geräte. Was man als Gerät und Diagnostik-Methode hat, wird dann eben auch benutzt.
So gesehen steigt die Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden und eine Behandlung einzuleiten...
Der Chirurg will operieren
Der Genetiker will sequenzieren
Der Virologe will impfen
Der Physiker spalten
Der Chemiker mischen
Der Psychologe will therapieren
Psychologisch gesehen, wollen Menschen in ihrem Beruf etwas Sinnvolles tun, eben Probleme lösen. Die Aufteilung in Disziplinen - die unaufhörlich weiter wachsen - aber sind zu sehr auf Probleme fokussiert. Jede Lösung bringt neue Probleme.
Das Neue ist schwieriger als das Alte.
Disziplinen werden von der Wissenschaft benutzt, um verschiedene Teile der Realität, die wir erleben, darzustellen. Die Wissenschaftsbetriebe scheinen davon auszugehen, dass die Realität in der gleichen Weise strukturiert und organisiert ist wie die Universitäten durch ihre Fakultäten. Dies ist ein Irrtum. Disziplinen stellen nicht verschiedene Teile der Realität dar, sondern verschiedene Aspekte der Realität. Unterschiedliche Standpunkte. Das "Ganze" kann nur "verstanden" werden, wenn man es aus allen Perspektiven gleichzeitig betrachtet.
Dieses geht nicht durch Analyse und ein Analytiker würde dann auch sagen, dass eine allseitige wissenschaftlich nachweisbare Perspektive nicht möglich ist. Das ist richtig, denn eine holistische Anschauung auf ein Problem geht nicht analytisch vor, sondern eher synthetisch.
Das Produkt der Analyse ist, wie die Dinge funktionieren, niemals, warum sie so funktionieren, wie sie funktionieren.
- Erklärungen liegen immer außerhalb des Systems, niemals innerhalb des Systems
- Die Analyse führt Sie in das System und seine Funktionsweise ein und liefert Wissen, aber kein Verständnis
- Synthese - eine andere Denkweise, die Erklärungen für das Verhalten des Systems liefert
- Die Synthese besteht aus drei Schritten, genau das Gegenteil der Analyse
- Wovon ist dies ein Teil? Identifizieren Sie das enthaltende Ganze, von dem dies ein Teil ist.
- Versuchen Sie, das Verhalten des enthaltenden Ganzen zu erklären.
- Unterscheiden Sie das Verständnis des enthaltenden Ganzen, indem Sie die Rolle oder Funktion dessen, was ich versuche, in diesem Ganzen zu erklären, identifizieren.
Wie löst man ein Problem auf? Dass es nicht mehr existiert?
Wieder Ackhoff:
Dissolution involves Design
Solution involves Research
Mir fällt dazu immer das Beispiel "Auto" ein. Autos werden von vielen Menschen als problematisch betrachtet. Warum? Weil Autos die Umwelt verschmutzen, nicht nur durch Abgase, sondern auch durch Abrieb der Reifen, Produktion, Verschrottung und vor allem durch die Straßen, die sie befahren. Das Straßennetz hat wohl wie kaum ein anderes das Antlitz der Erde verändert. "Autos und Straßen" gehören zusammen, man kann ein Auto nicht als Einzelnes betrachten.
Wenn man nun aber den Satz von Ackhoff hierauf anwenden wollen würde und jeder wäre sich einig, dass Autos ein Problem sind: Würde man das Auflösen dieses Problems durch ein neues Design des Autos selbst erreichen?
Sind Elektro-Autos die Lösung? Schaffen sie nicht neue Probleme?
Ist "Design" im Ackhoff'schen Sinne nicht etwas Anderes?
Ich würde sagen, "Ja". Da mir aber das Auto-Problem gerade zu groß ist, um mir ein Design menschlichen Zusammenlebens ohne Auto vorzustellen, nehme ich ein anderes Problem.
Auch das habe ich von Ackhoff geklaut. Er hat sich bereits vor über dreißig Jahren über das Gesundheitssystem negativ geäußert. Er sagte:
Das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten ist kein Gesundheitssystem; es ist ein Krankheits- und "Nicht-Können"-System.
Das sind nicht zwei Aspekte ein und derselben Sache, sondern zwei verschiedene Dinge. Da die Einnahmen des gegenwärtigen Systems aus der Pflege der Kranken stammen, wäre das Schlimmste, was ihm passieren kann, eine allumfassende Gesundheitsfürsorge. Die Umwandlung des gegenwärtigen Systems in ein Gesundheitssystem würde eine grundlegende Neugestaltung erfordern.
Im Prinzip, wenn man es mit der Gesundheit ernst meinte, so würde man sich ständig am Rande der Arbeitslosigkeit bewegen,
denn gesunde Menschen brauchen keine Krankenhäuser oder Ärzte.
Ich persönlich neige dazu, das Gesundheits-System ohnehin als eine Art "Not-Versorgung" zu begreifen und denke, dass ich nicht wie selbstverständlich regelmäßig zum Arzt gehen brauche, und dieser Arzt eben auch nur in meinem Notfall einspringt und möglicherweise nicht hauptberuflich als solcher tätig ist bzw. sein Auskommen durch einen Lebensstil findet, wo er dazu noch Bücher schreibt oder Fahrräder oder Computer repariert oder Gärtner ist.
Im Prinzip entspricht das uns Menschen und unserem Wollen sehr viel mehr, denn tatsächlich macht eine 40+ Stundenwoche die meisten Menschen unglücklich. Dieses wäre ein vollkommen neues Design und würde aus "Arbeitswenigkeit" kein Problem, sondern eine Chance machen.
Eine Ackhoff'sche Lösung wäre beispielsweise, dass Ärzte alle Medikamente und Präparate, die sie ihren Patienten verschreiben, fortan selbst bezahlen müssten. Was würde dieses beispielsweise verändern?
Unternehmer wollen nicht primär Profit, sondern ein angenehmes Leben
Ackhoff's Sicht, dass Unternehmen im Grunde genommen nicht wegen des Profits existieren, sondern um den Inhabern eine eigene exzellente Lebensqualität zu sichern, pflichte ich bei. Universitäten gibt es nicht wegen der Studenten, sondern um den dort Arbeitenden ein möglichst angenehmes Leben zu bieten. Es macht viel mehr Spaß, zu lehren, als zu lernen, denn eigentlich bildet sich nur der Lehrer weiter und nicht der Student. Das ist in Schulen genauso.
Wenn man so zu denken beginnt, fallen einem zahlreiche andere Beispiele aus allen möglichen Bereichen ein, nicht?
Übrigens hätten wir einen geisteswissenschaftlichen Unterschied gefunden, nach dem Menschen, die zwar in ähnlichen Verhältnissen unter ähnlichen kulturellen und sozialen Bedingungen aufgewachsen sind, einen unterschiedlichen Freiheitsbegriff entwickeln. Während ein Bruder findet, dass man im Leben generell abwarten und eine eher nihilistische Einstellung vertreten solle, findet der andere, dass man etwas tun müsse und eher eine anarchistische Sicht die Bessere sei.
Ein Geisteswissenschaftler sucht beispielsweise nach der Ausnahme zur Regel, nach dem Unterschied, der die Ähnlichkeit der Teile im System voneinander differenziert. Ein Systemiker fragt: "Was war anders als sonst? Wie haben Sie dieses spezielle Problem vollkommen gelöst?" Die systemische Anschauung integriert diese Unterschiede als positiv ins Ganze und sieht sie als balancierend, nicht als störend.
"Wissenschaft produziert kein Verstehen, sie produziert Wissen";
so lautet die Überschrift dieses Artikels. In der Hierarchie Ackhoff's gibt es
- Daten
- Informationen
- Wissen
- Verstehen
- Weisheit
Eine Erläuterung zu den Begriffen findet sich in dem Video über dieser Überschrift.
Transformation von Erfahrungsdaten
Zu Wort kommen soll außerdem eine weibliche Pionierin der systemischen Weltanschauung, die deutsch-stämmige Amerikanerin Susanne Langer. Zitat Wikipedia:
Für Langer ist der menschliche Verstand "ständig in einem Prozess der symbolischen Transformation der zu ihm gelangenden Erfahrungsdaten", wodurch er "zu einer wahren Quelle mehr oder weniger spontaner Ideen" wird.
Susanne Langers Unterscheidung zwischen diskursiven und Präsentationssymbolen ist eines ihrer bekannteren Konzepte. Die diskursive Symbolisierung ordnet Elemente (nicht notwendigerweise Worte) mit stabilen und im Zusammenhang unveränderlichen Bedeutungen in eine neue Bedeutung ein. Die Präsentationssymbolisierung arbeitet unabhängig von Elementen mit festen und stabilen Bedeutungen.
Die Präsentation kann nicht verstanden werden, indem man nach und nach ein Verständnis ihrer Teile isoliert aufbaut. Sie muss als Ganzes verstanden werden. So kann z. B. ein Element, das in einem Gemälde verwendet wird, dazu verwendet werden, in einem anderen eine völlig andere Bedeutung zu artikulieren. Dasselbe Prinzip gilt für eine Note in einer musikalischen Bearbeitung - solche Elemente haben unabhängig voneinander keine feste Bedeutung, außer im Zusammenhang mit ihrer gesamten Präsentation.
Systeme sind nicht vollständig kontrollierbar.
Nehmen wir das Beispiel des derzeitigen Phänomens: ein Virus wird "gefunden" und Maßnahmen werden erlassen. Menschliches Verhalten soll kontrolliert werden.
Ich habe mich dabei gefragt: Ist menschliches Verhalten überhaupt in der Art kontrollierbar, wie es zurzeit sichtbar gemacht wird? Meine Antwort darauf ist "Nein". Wir mögen zwar glauben, dass die neu aufgestellten Regeln befolgt werden, doch sehen wir, dass sie es nicht werden. Es findet im System eine Selbstorganisation statt.
Ich vermute, der Grund für den Verstoß gegen die Regeln liegt in der Tatsache, dass Menschen eine zu geringe Wirkung des dem Virus zugeschriebenen Gefahrenpotenzials erfahren. So, als würde man ihnen sagen, dass eine heftige Windstärke herrscht, die einen sofort umwirft, wenn man nach draußen geht, doch der Spaziergänger kann das nicht bestätigen.
Die Maßnahmen der Regierung und der Umstand, dass die Regeln auf der anderen Seite sehr wohl befolgt werden, den erkläre ich mir in der Künstlichkeit der auferlegten Regeln. Ohne das Gesetz und seine bestrafenden Elemente würde sich "das neue Virus" einreihen in den gewohnheitsmäßigen Umgang mit Infektionskrankheiten. Das System würde sich zu Todesfällen tolerant verhalten und sie als natürliche Phänomene ins menschliche Dasein integrieren.
Künstliche Grenzen
Überdehnt oder überspannt man aber eine Fixierung - in diesem Fall das Beharren auf einer Gefahr - so zwingt man das System in eine starre Haltung, die nicht seiner Natur entspricht, in der die Dinge stets einströmen sowie ausströmen. Diese Fixierung - unbedingte Kontrolle - führt zwangsläufig dazu, dass etwas zerreißt oder kollabiert. So reguliert sich das System, denn es kann nicht künstlich in Position gehalten werden, die Systemteilnehmenden suchen stets Wege aus der Starre heraus.
Ein lebendes System, vom kleinsten bis in größte, ist durchlässig
und von Zuflüssen sowie Abflüssen seiner Bestände gekennzeichnet, innerhalb und zwischen einem jeden System sowie seiner Teile bestehen Wirkungen und Beziehungen, die darüber hinaus durch so genannte Feedback-loops beeinflusst werden, die verstärkende oder ausgleichende Kräfte haben und zeitverzögert auftreten.
Jedes System ist in eine Umwelt eingebettet, nicht nur die natürliche Umwelt sondern auch abstrakte Umwelten. Ein System aus seinem Milieu herauszunehmen - zu isolieren - und es getrennt zu betrachten, ist bereits eine Manipulation, über deren nicht absehbare Folgen oft nicht - oder zu kurz - nachgedacht wird.
Wissen allein erwirkt keine Weisheit.
Als Robert Koch und Kollegen seinerzeit die kleinsten unserer Mitbewohner sichtbar machten, da versetzten sie wohl einigen Menschen einen Schock. Die Sichtbarmachung der Mikroben, die unter einem Elektronenmikroskop wie merkwürdige Außerirdische mit Fangzähnen und Tentakeln aussehen, dieser Schock scheint bis heute nachzuwirken und die Stoffmaske ist der irrationale Ausdruck und Reflex, sich gegen diese Fremden schützen zu wollen.
Unser Interesse am Virus wird natürlicherweise abflauen, es wird den Fokus unserer Aufmerksamkeit verlassen. Solches geschieht bereits, obwohl die Maskenpflicht wirksam verhindert, dass wir die Angst vergessen dürfen.
Die Krise macht aber deutlich, dass "Sterben" wie eine Art Misserfolg betrachtet wird, als ein Phänomen, das immer dann als inakzeptabel gilt, wenn die Bereitschaft, den eigenen Tod nicht als "natürlich" zu betrachten, nicht vorhanden ist. Die Sicht auf "Krankheit als Feind" meint daher nicht nur das Virus. Dieses ist lediglich ein Ausdruck unter vielen von ähnlicher Art. Wonach es eine Art kollektiven Glauben an Lebensverlängerung als Qualitätsmerkmal zu geben scheint, doch selten konsequent zuende gedacht wird, was es eigentlich bedeutet, unbedingt Leben zu verlängern?
Nach geisteswissenschaftlicher Sicht deutet dies auf ein Dasein hin, das sich primär in einer (besseren) Wunsch-Zukunft abspielt, weil es dabei die Qualität der Gegenwart vermisst.
So kann jede Sekunde vom Leben losgelassen werden, weder Angst noch Pflicht sind von Bedeutung; ein Leben, egal wie kurz es gewesen sein mag, das aus dem Vollen schöpfte, sich des Lebendigen erfreute, das kann - einfach so - zuende gehen.
Die derzeitigen Regierungsentscheidungen können als Experiment betrachtet werden, nach denen der Experimentator von sauberen Daten ausgehen will, diese dadurch gleichzeitig erschafft, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen.
Experimente beruhen auf der Abgrenzung eines Forschungsgegenstandes (seiner meßbaren und relevanten Variablen) von einer Umgebung
(Randbedingungen und Störgrößen) durch den Experimentator.
Lebende Systeme grenzen sich selbst von einer Umwelt ab (und bestimmen somit ihre "relevanten Variablen" selbst). Die vom Experimentator getroffene Unterscheidung verfehlt somit notwendig die Individualität lebender Systeme und kann somit nicht zur empirischen Begründung einer theoretischen Biologie dienen.
Hier tritt das so genannte Präventionsparadox auf, nach der eine Prävention, die für alle gleich gelten soll, dem Einzelnen (System, Mensch etc.) wenig bis gar nichts nützt, weil es auf seine individuelle Lebenssituation nicht in dieser Gleichheit zutrifft.
Die statistisch erfasste Gesundheit eines ganzen Volkes gibt zwar einer Regierung eine statistische Größe, sagt aber rein gar nichts über den Einzelnen aus.
Es ist, als wolle man unter alle Bäume Leitern stellen und darauf dringen, dass diese fortan immer dort zu stehen haben. Ob man diese Leitern nun will oder nicht, ist nicht mehr in der Entscheidungsgewalt des Einzelnen, der, wenn er es für nötig hält, immer nur dann eine Leiter holt, wenn der Moment es gebietet. Außer, dass man ihm suggeriert, dass es sich anders verhalte und er solches glaubt.
Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
- Goethe -
Quellen:
https://ubdocs.aau.at/open/voll/tewi/AC01105617.pdf
http://fearlessrevival.com/russell-ackoff/
http://faculty.ung.edu/kmelton/documents/datawisdom.pdf
https://www.online-zfa.com/fileadmin/user_upload/Kuehlein_Quartaere_Praevention.pdf
http://www.gc.soton.ac.uk/files/2015/01/Thinking-in-Systems-A-Primer-Donella-H.-Meadows-75-90.pdf
Bildquelle Titel:
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