Ich muss etwas gestehen. Ich bin ein Schmarotzer. Ich surfe täglich mehrmals auf die Seite von Spiegel-Online und zahle keinen Cent dafür. Erstens will ich mich täglich vergewissern, ob es den Spiegel wirklich noch gibt und zweitens will ich auf einen schnellen Blick erfahren, was die Intelligentsia in Deutschland so umtreibt.
Ein offensichtlich startseiten-dringliches Problem ist z.B. die turbokapitalistische Deutsche Bahn, wobei das "turbo" in dem Fall nicht für die Geschwindigkeit steht, sondern für die rücksichtlose apartheidhafte Zwei-Klassen-Gesellschaft, in die auch ich (Bahncard 25, 2. Klasse) gezwängt werde. Bislang war mein neoliberal-gehirngewaschenes Zerebrum blind für die schreiende Ungerechtigkeit und ich habe mich bislang devot in mein Klassen-Schicksal gefügt, aber als SPON Leser weiss ich nach der Lektüre dieser Perle jetzt endlich mehr:
"Staatskonzern Deutsche Bahn - Schafft die erste Klasse ab!
Ja, in was für einer Zeit lebt die Bahn. Und wir alle. Eine Studie zeigt das nämlich alles:
http://www.pnas.org/content/113/20/5588
Dort lese ich, dass speziell die modernen Flugfahrt ein "sozialer Mikrokosmos einer klassenbasierten Gesellschaft" sei und dass die gestiegene Zahl von "Air Rage"-Vorfällen (Flugwut? Luftrage? Rumproleten von Fluggästen halt) durch die Brille der sozialen Ungleichheit zu verstehen sei.
Jetzt sind die armen nordamerikanischen Forscher in der misslichen Lage einer weitgehend privaten Fluglinien-Landschaft gegenüber zu stehen und den weiten Weg über die Parlamente gehen zu müssen, wenn sie denen wirklich deswegen auf den Sack gehen wollen. Immerhin haben sie ja herausgefunden, dass es bei 0,154% der Flüge mit erster Klasse zu Zwischenfällen kommt, aber nur bei 0,058% aller Flüge ohne Klassenunterschiede.
Nicht so unser Bahn-Che-Guevara vom Spiegel:
Immerhin ist die Bahn nicht irgendein Unternehmen, sondern zu 100 Prozent in Bundeshand. Sie gehört uns allen.
Und weil das so ist, leistet er Widerstand:
"Aber manchmal leiste ich mir ein kleines bisschen Rebellion. Wenn die Wagen der ersten Klasse laut Durchsage in den Abschnitten A bis C halten, gehe ich zu A bis C, irre durch die falschen Waggons und bediene mich demonstrativ unkundig bei den Zeitungen, welche die Bahn für die Entscheider in Schlips und Anzug bereithält. Mit der Lektüre, die mir nicht zusteht, setze ich mich in einen Waggon, in dem ich sie nicht lesen kann: Ein Baby schreit, zwei Reihen weiter hinten telefoniert jemand zu laut, ein Damenkegelklub reicht Eierpunsch herum. Aber immerhin habe ich einen Akt zivilen Ungehorsams gegen die Erstklässler drei Wagen weiter vorn ausgeübt."
Ich sage Bravo! Solche Leute braucht das Land! Hoffentlich war das ein reaktionäres Blatt wie die FAZ, weil wenn er die klaut, kann die kein Kapitalistenschwein mehr lesen!
Früher war einfach alles besser und so schön klassenlos.
Ich rate allerdings dringend davon ab, den Wikipedia-Artikel über "Zivilen Ungehorsam" auch nur zu überfliegen. Selbst die Habermas-Zitate sollte man sich in dem Fall besser sparen, sonst hält man den o.g. Schreiberling möglicherweise für einen kleinkarierten neidischen kleinen Dieb und Maulhelden, dessen einziger Verdienst es ist, dass er seine Ergüsse nicht auch noch zwangsfinanzieren lässt (wobei es mich nicht wundern würde, wenn er für 'nen steuerfinanzierten SPIEGEL wäre).
PS:
Ich halte es weiterhin für denkbar, dass der verlinkte SPON-Artikel Satire darstellt. Falls das noch rauskommt: Respekt, der war gut.
PPS:
Wer doch ´mal etwas lesen will, vom Mann, der den Ausdruck "Ziviler Ungehorsam" entscheidend geprägt hat:
Aus:
http://thoreau.de/wp-content/uploads/2016/02/Civil_Disobedience.pdf
(Deutsche Übersetzung von Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_die_Pflicht_zum_Ungehorsam_gegen_den_Staat)