Die Braut
eine Kurzgeschichte
Jeden Abend wenn er aus dem Fenster sah, konnte er sie am nahen Waldrand stehen sehen. Der Wind spielte mit ihrem Haar und das Mondlicht spiegelte sich in ihrem weißen Kleid. Die Entfernung war zu groß um ihr Gesicht zu erkennen. Dennoch wusste er, dass sie zu ihm hinauf blickte. Er spürte das dunkle Band, das sich zwischen Ihnen spannte. Sobald er seinen Blick aber auch nur ein einziges Mal abwendete, war sie verschwunden. Er hatte schon mehrfach sein Haus verlassen und versucht zu ihr zu gelangen. Doch immer wenn er den Waldrand erreichte war nicht der Hauch einer Spur von ihr zu entdecken.
Heute war ein besonders stürmischer Tag. Unsicher trat er ans Fenster und hielt es fast für unmöglich, dass sie wieder dort stehen würde. Aber er irrte sich. Es schien als ob der Regen sie nicht erreichen konnte. Und auch der Wind kräuselte ihr Haar nicht mehr als an anderen Tagen. Und dennoch war heute etwas anders. Er konnte nur nicht sagen, was es war. Ihr beider Blick traf sich und er hielt inne. Er spürte das verlangen, zu ihr zu eilen. Doch er wusste, dass der Versuch aussichtslos war. Er hob seine Hand zum Gruße, als sie plötzlich einen Schritt nach vorne machte. Erschrocken wich er einen Schritt zurück. Ein Blitz schlug in einem nahen Baum und er blickte den Bruchteil einer Sekunde zu diesem Spektakel. Doch dieser Bruchteil reichte aus und sie war verschwunden. Irritiert setzte er sich in seinen Ohrensessel und schaute in die Flammen des Kamins. Er spürte die Veränderung im Raum bevor er sie sehen konnte. Dunkle Schatten krochen unter der Tür und an der Wand entlang. Die Temperatur im Zimmer reduzierte sich Schlagartig. Sein Atem kondensierte in einem kurzen Nebelhauch wenn er seinen Mund verließ. Seine Finger krallten sich an die Lehnen seines Sessels. Die Dunkelheit kroch schlangengleich auf ihn zu und er konnte seine Präsenz förmlich spüren. Das Feuer im Kamin wurde immer kleiner, je näher die Schatten ihm kamen. Eiskristalle bildeten sich auf der Fensterscheibe und alle Geräusche des Sturms draußen erstarben. Plötzlich sah er sie vor sich stehen. Ihre nackten Füße berührten den teuren Kaminvorleger. Ihre weiblichen Rundungen schimmerten durch das transparente Gewand. Sein Blick wanderte von ihren Füßen langsam höher, über ihre wohlgeformten Hüften und die makellosen Brüste. Als er ihr Gesicht erreichte, blickte er in zwei tiefschwarze Augen. Mit ruhigen Schritten kam sie näher auf ihn zu. Sein Blick blieb tief in ihren Augen gefangen. Weit hinten sah er zwei kleine Feuer brennen. Sie spitze die Lippen und hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf seinen Mund. Das Feuer in ihren Augen schien ihn dabei verbrennen zu wollen. Mit ihrer kalten Hand griff sie nach seinem Herz. Lächelnd schloss er die Augen und hauchte seinen letzten Atem aus. Von ihr war nichts mehr zu sehen.
Aus meinem bisher noch nicht veröffentlichten Buch Necrophorinae