Viele Kinder heutzutage leben in Armut. Das würde jeder bestätigen und dabei vor allem an ferne Länder denken. Meine These lautet ein bisschen anders und wird bestimmt nicht jedem einleuchten:
Unsere Kinder in der westlichen Welt leben vielfach auch in Armut - einer besonderen Armut. Es fehlt ihnen meist nicht an Materiellem wie Kleidung, Essen, Spielzeug und auch nicht an Bildungsmöglichkeiten.
Nein, es ist viel schlimmer, es fehlt ihnen an "Kindheit"!
Liebe Gemeinde, was meine ich nun damit? Ehe ich auf die einzelnen Punkte zu sprechen komme, hier ich ein Zitat vom Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther zur Einstimmung:
In der Tat kann die Hirnforschung heute aufzeigen, dass Kinder sich manchmal nicht entfalten können. Bei den Eseln führt das tatsächlich dazu, dass der Stallesel ein kleineres Hirn hat. Gerald Hüther (https://www.welt.de/welt_print/article2943721/Kinder-brauchen-Freiheit.html)
Historischer Rückblick
Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Wir stellen fest, dass die Phase für eine glückliche kindgerechte Kindheit verschwindend gering gewesen ist. Krieg, arbeiten müssen statt spielen dürfen und Werte wie Disziplin, Ordnung und Gehorsam bestimmten lange Zeit ein Kinderleben. Inzwischen hat sich dies zum Positiven entwickelt und für die Kinder wurde das Leben leichter und freudvoller. Nur wenige Jahrzehnte später setzte sich allerdings ein Trend durch, der ganz andere Schwierigkeiten für Heranwachsende mit sich bringt.
Kinder und ihre Bedürfnisse werden zwar mehr ernst genommen, aber leider dies geschieht vor allem aus der Sicht der Erwachsenen. Diese denken sich, was Kinder brauchen, und orientieren sich dabei am eigenen Leben.
Da man selbst bestrebt war, groß zu werden, um alles Mögliche endlich zu dürfen, kam die Idee auf, es den Kindern schon eher zu ermöglichen - sie sollten es schließlich besser haben, als man selbst.
Lasst mich an dieser Stelle ganz kurz Folgendes einfügen: Dass auf diese Weise der Anreiz verloren geht, überhaupt erwachsen zu werden, wurde nicht bedacht. Das hat Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter hinein. Ich lasse das jetzt erst einmal so stehen, das führt hier jetzt zu weit. Also...
Kindheit heute mit ihren Errungenschaften
Im Folgenden versuche ich relativ kurz und einfach einiges darzustellen, was in meinen Augen unbedingt überdacht und verändert werden muss:
Thema Spielzeug:
Die Kinderzimmer heute sind meist überfüllt mit unterschiedlichsten Dingen und die Frage der Sinnhaftigkeit wird gar nicht mehr gestellt. All die Phantasie, die Kindern naturgemäß inne wohnt, wurde immer weniger gebraucht, da es lauter "fertige" Spielzeuge gibt. Kein Bauklotz muss mehr für ein Bügeleisen oder eine Bohrmaschine herhalten. Kein Legomännchen selbst konstruiert werden und Kinderfilme ersetzen Vorlesegeschichten und damit die Vorstellungen des Kindes durch die Bilder der Macher.
Der Weg aus dem Zimmer fällt schwer, da dort so Vieles vorhanden ist. In der Natur lässt es sich nicht so einfach spielen - auch in Ermangelung von natürlichen Orten im häuslichen Umfeld. Spielplätze sind ein schwacher Ersatz. So wird schnell aus dem Esel ein Stallesel und dies beeinflusst die Gehirnentwicklung. Abstraktes Denken bzw. Vorstellungsvermögen für Mathematik - Naturerfahrungen für Bio, Physik und Chemie und Vorbilder für handwerkliche, hausarbeitstechnische und handarbeitliche Tätigkeiten sind im Abnehmen begriffen. Altersgemischte Kindergruppen, die gemeinschaftlich auf der Straße oder im Wald Spiele und Aktionen entwickeln gibt es so gut wie gar nicht mehr. Digitales Spielzeug ist mit der dahinter liegenden Technik noch keine gute Idee für Kinder und hält sie ebenfalls vom freien Spielen ab.
Kinder lernen spielerisch und Kinder brauchen Sinneserfahrungen.
Thema Kleidung:
Inzwischen gibt es Kindermoden, die auf das Äußerliche ausgerichtet sind statt auf Zweckmäßigkeit und Gesundheit.
Trikots der Nationalmannschaft oder des Lieblingsvereins müssen es sein oder der aktuell richtige Printaufdruck auf dem T-Shirt (Schuhe, Jacke, Mütze...) Dank der Waschmaschine werden keine unschönen Buddelhosen o.ä. mehr gebraucht. Spielzeug und Kleidung in zahlreichen Variationen wecken Bedürfnisse bei den Kindern, die ihrem Alter noch gar nicht entsprechen. So wachsen sie langsam in die Konsumgesellschaft hinein.
Thema Ernährung:
Inzwischen gibt es Kindersekt und Kinderwurst. Jeder weiß, dass Fastfood und Zucker einem Kind, dass seinen Körper ja erst noch aufbaut, überhaupt nicht gut tut. Der Tante Emmaladen ist passé und im Supermarkt gibt es ein Überangebot an inzwischen fast allem. Kinder werden nicht mehr geführt - viele Eltern sehen sich als Partner oder Freund der Kinder. Deshalb werden alle Augen zugedrückt, wenn das Kind unbedingt etwas haben will, was man selbst eigentlich nicht für gut befindet. Dann gibt es eben noch ein Eis oder ein Brötchen beim Bäcker und man hat seine Ruhe. Ein Sandwich kann dann auch prima Frühstück oder Mittagessen ersetzen. Gemeinsame Mahlzeiten werden auch immer seltener, von Tischgebeten spreche ich erst gar nicht.
Thema Bildung:
Ein Kind im Vorschulalter lernt im Spiel, erfährt sich und sein Umfeld durch Beobachten, Ausprobieren, Scheitern und Weitermachen. Dafür braucht es Freude, Neugier, Zeit und passende Gegebenheiten. Phantasie und magisches Denken bzw. "Denken" in Bildern zeichnen die frühen Lernphasen von Kindern aus. Die Entdeckung und Entwicklung des eigenen Körpers stehen im Vordergrund. Logisches Denken sollte frühestens im Schulalter bewusst angesprochen werden. Logik erfährt das kleine Kind zum Beispiel beim Kochen, Handwerken oder in der Natur. Es sollte sich noch keine Gedanken machen um Themen wie "Armut" oder "Streit".
Bildergeschichten, Rollenspiele und Vorbilder sind eher die Wege, auf denen kleine Kinder "lernen". Viele Erklärungen oder Diskussionen, die alle nur im Kopf/Denken stattfinden statt im Erleben blockieren den freien Lernfluss. Da ist er wieder der Stallesel (das Kindergarten/Schulkind könnte man auch sagen). Die Lernfreude bleibt immer mehr auf der Strecke.
Mein Fazit:
Zum Schluss fasse ich noch einmal kurz zusammen, wo heutige Kinder in ihrem "Kindsein" eingeschränkt werden, ja sogar zur Zielgruppe von Industrie werden lässt. Pharmazie Politik, Medien, Stress und Therapien gehören hier auch mit dazu - das ist aber eine Predigt für einen der nächsten Sonntage. Also hört meine Thesen und werft dabei einen Blick in eure Familien!
Kindheit heute bedeutet:
- Kinder und Jugendliche werden als kleine Erwachsene gesehen und von der Industrie auch so bedient (manipuliert?).
- Das freie Spiel als Selbstausdruck und Lern- und Umwelterfahrung wird drastisch eingeschränkt.
- Die meisten Heranwachsenden verschwinden für etliche Jahre hinter "Mauern", ehe sie ihren eigenen Weg gehen dürfen.
- Die Welt wird Kindern heute eher erklärt, als dass sie erfahren wird.
Nun gehet hin in Frieden und nehmt folgende Hausaufgabe mit:
Denkt euch 10 Gebote zum Schutz der Kindheit aus.
Ich werde darauf zurückkommen. - So sei es.
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