Ich bin süchtig.
Ich weiß es jetzt. Seit Jahren habe ich schon die Vermutung gehabt süchtig zu sein, aber erst jetzt begreife ich, wie süchtig ich wirklich bin. Schlimme Geschichte. Wir hatten einen Wohnungsbrand im Haus, keinen schlimmen Brand, aber schlimm genug, um den Strom und die Gasetagenheizung eine Woche lang lahmzulegen. Okay, eine Woche lang keinen Strom und kein Gas zu haben scheint überlebensmöglich. Sollte Schlimmeres geben.
Der erste Tag ohne Strom fühlte sich irgendwie romantisch an.
Mit Kerzenschein den Abend, auf der Couch zusammengekuschelt mit seinen liebsten verbringen, die Sprache wiederentdecken und miteinander reden, ohne dass der Fernseher läuft, oder jeder in seinem Smartphonetunnel, beziehungsweise, Tabletttunnel lebt. Es ist kühl, aber noch nicht kalt, sodass es wirklich ungemütlich in der Wohnung wird. Das Handy läuft, der Akku ist Gott sei Dank so voll, dass er wahrscheinlich noch zwei Tage halten wird, wenn ich nicht die ganze Zeit am Smartphone herumspiele. Nur das WLAN ist mausetot, klar. Ohne Strom kein Internet. Einen ganzen Tag ohne Internet stelle ich mir anstrengend, aber schaffbar vor. Eine Woche ohne Internet in meiner eigenen Wohnung, ohne Strom und ohne Gasetagenheizung scheint ewig zu währen. Eine Woche!
Ich habe mir das nicht recht überlegt,
glaube ich, als mir die Nachricht der Hausverwaltung zugestellt wurde. Wie lange so eine Woche dauern kann, wenn man keine Heizung hat, keinen Strom und für mich wahrscheinlich die schlimmste Erfahrung meines Lebens, kein Internet, kann ich euch sagen. Nicht solange wie man glaubt. Ich hatte über das Handy zwar immer schön Empfang und mein Datenvolumen ließ auch zu, dass ich Facebook, twitter und Instagram immerzu fleißig mit meinen Statusmeldungen zuschütten konnte und als Lohn die zuckersüßen roten Like-Leckerlies abgraste, wie eine schwangere Kuh mit Hungersnot die frisch saftige Frühlingsweide auf der Alm auffrisst und so war es möglich meine missliche Lage demonstrativ in alle vier Himmelsrichtungen zu verschicken, um ja viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme für meine missliche Situation ernten zu können, damit die Zeit schnell vergeht und ich mich gut fühle.
Gott sei es dank konnte ich mit meinem Smartphone, meinem Tablett und dem Laptop wirklich die ganze Woche durchhalten und immer wieder das Internet nutzen. In der Arbeit konnte ich alle Geräte schön aufladen, damit ich dann zu Hause am Abend auch schön Saft für den Akkubetrieb hatte.
Um mein Datenvolumen am Smartphone nicht ganz zu verbraten
konnte ich manchmal auch freie Wlanhotspots nutzen und versorgte mich so einigermaßen gut mit dem Internet und konnte die roten Facebook-Twitter-Instergram-Like-Leckeries schön einsammeln, die mir zum Überleben sehr halfen. Merkwürdigerweise war mir das Internet wirklich wichtiger, als die Heizung. Die Wohnung war mittlerweile auf 10 - 12 Grad abgekühlt und es wurde jeden Tag ein bisschen kälter. Aber in fünf Decken eingewickelt im Skianzug merkte ich nichts von der Kälte. Auch der normale Strom für das Licht konnte so gut wie möglich simuliert werden, in dem ich aufladbare LED-Lampen in den Räumen aufstellte, damit die Kerzen nicht alles abdecken mussten. Die Kerzen hatten zwar den Vorteil, dass sie den Raum ein wenig mitheizten, aber nicht so viel Licht abgaben, wie eben die LED-Lampen mit verschiedenen Lichtoptionen. Rotes Licht, gelbes Licht, warmes Licht, tolles Licht.
Auch die aufladbaren LEDs habe ich jeden Tag in die Arbeit mitgeschleppt und dort wieder aufgeladen und abends wieder mit nach Hause geschleppt und zum Leuchten gebracht. So war eigentlich alles aushaltbar. Und da ich am Morgen auch keinen Kaffee in meiner Küche trinken konnte, sondern erst draußen meinen Coffee to go bei Starfuck genießen musste, hatte ich das Problem mit der Kaffeemaschine auch nicht. So war alles schön und gut. Ich konnte zwar eine Woche lang nicht in der Wohnung duschen, hatte kein warmes Wasser, keinen heißen Heizkörper, aber durch die batteriebetriebenen LED-Lampen und dem Hotspotinternetanschluss mit Akkubetrieb war ich gerettet.
Ich war wirklich gerettet..
Danach aber wusste ich aber, ich bin internetsüchtig!
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