Wir schrieben den 6.November des Jahres 2016. Die Flucht war gelungen!
Alles war noch in heller Aufruhr. Der Kopf klar, frei und wie betäubt zugleich. Dieser Zustand von Euphorie. Wir hatten es geschafft.
Die dunklen Jahre
Das Schicksal war also besiegelt und meine Haarpracht zierten graue Haare. Aus dem offenherzigen schlauen kleinen Kerl war das schreiende verzweifelte Schulkind geworden und das allmorgendliche Ritual strapazierte unseren Familienfrieden massiv.
Dies ist der vierte Teil der Serie „Die Flucht“. Um die Geschichte zu verstehen, empfehle ich mit Die Flucht #1 , #2 und #3 zu beginnen!
Cooler Junge
So ertrugen wir unser Schicksal Tag für Tag und gewöhnten uns an den Beginn des Tages.
Als der Junge in die Schule kam, lebten wir in dem lebendigen Altona in Hamburg. Da er abgesehen von dem ganzen Schulthema ein cooler Junge war und natürlich auch noch ist, hatte er zumindest viele Kumpels vor Ort und lernte was ein 7jähriger Junge in Altona so lernt.
„Ey Alter, verpiss dich“ und „Ich hau dir in die Fresse“ versüßten mir nun den Alltag. Ich weiß nicht genau was ich in meinem letzten Leben so veranstaltet hatte, aber es muss etwas Furchtbares gewesen sein, wenn ich jetzt so eine Rechnung dafür bekam.
Einmal neu bitte!
Was tun? Ich packte also die Koffer und schleppte mein Kind zum Anfang der zweiten Klasse ins gesittete Rissen, einem gediegenen, wunderschönen, ruhigen und grünen Stadtteil Hamburgs, direkt an der Elbe. Das erste halbe Jahr lebten wir dort am Sandstrand der Elbe auf dem Campingplatz im eigenen Wohnwagen. Waaas? Ich höre euren Aufschrei, schon wieder Campingplatz?? Ja, aber aus freien Stücken und wunderschön!
Neue Schule, neues Glück – gesitteter Stadtteil, brave Kinder, gute Lehrer... waren meine naiven Gedankengänge...
Schlau wie sie so ist, die Monja, hatte sie gleich die Lehrerinnen beiseite genommen und das Dilemma erklärt. Nach ein paar wenigen Wochen hieß es dann, der Junge gliedere sich doch wunderbar ein und was für ein süßer Kerl und es gäbe doch gar keine Probleme!! Die Sätze im Hinterkopf der Beiden konnte ich in Leuchtschrift erkennen: „Wieder so eine hysterische Übermutter“.
Tja, ein paar Wochen später gab´s dann natürlich die ersten Gespräche. Selbst im Angesicht dieses von mir erwarteten Dramas, konnte ich mir ein wenig Schadenfreude nicht verkneifen! Hehe...
Das Spektakel ging also wieder von vorne los, Gespräche, Tränen, Anschuldigungen: „Der will bloß nicht der Junge, ist doch eindeutig! Der kann mehr als er tut!“
Klar kann er mehr ihr blinden Hühner! Wenn ihr ihn lasst und so behandelt wie er es braucht!
Es war so offensichtlich, dass er einfach nur ein bisschen liebevolle Unterstützung ohne Druck brauchte um der schlaue Junge sein zu können, der er war.
Wenn man natürlich dem Kind unterstellt es tue nicht genug, obwohl er sich ein Bein ausreißt, braucht man sich nicht wundern, wenn er Lehrerin Wolf (!) nicht ernst nahm. Gar nicht ernst nahm.
Frau Wolf
Frau Wolf, Hilfe. Eine kurz vor der Pension stehende Matrone. Im Kern ja ein guter Mensch, nur von Kindern keine Ahnung. Die olle Kuh, man will es nicht glauben, machte die Schüler vor der ganzen Klasse lächerlich und das nicht nur bei meinem Sohnemann. Was der Junge da manchmal für Stories mit nach Hause brachte. Da sträuben sich mir heute noch die Nackenhaare!
Und wie nicht anders erwartet, machte ich mich natürlich wieder unbeliebt. Man bemängelt keine Frau Wolf, die ist unfehlbar! Pustekuchen. Zieht sie das Kind so fest am Arm, dass er rückwärts an die Schulbank knallt. Am liebsten hätt ich das mit ihr auch mal gemacht, aber die wäre viel zu schwer gewesen. Dann hab ich mal zum Gespräch geladen...
Also lästerten wir Zuhause einfach immer ein bisschen ab!
Alle Gespräche waren reine Zeitverschwendung. Ich entschied mich daher einfach für eigene Gesetze. Aber wie es halt so ist. Dann gibt’s genauso Ärger, dummerweise dann für den Sohnemann.
Vielleicht kann man ein wenig erahnen wie blank meine Nerven lagen. Hier auf Details der Unfassbarkeiten in den 3 Jahren einzugehen erspar ich uns mal. Ich hatte oft den Gedanken, dass vielleicht mit mir irgendwas nicht stimmte, vielleicht sollte ich doch mit Rohrstock bei den Hausaufgaben helfen?
Verzweiflung
Nicht nur einmal fühlte ich mich am Rande der Klippe zum Wahnsinn. Die Nervenzusammenbrüche meinerseits und des Kindes konnte ich nicht mehr zählen.
An die verzweifelten Auseinandersetzungen zuhause – doch endlich zu kapieren, wieviel 13+9 sind – und meine Unfähigkeit noch gerecht zu meinem Kind zu sein, möchte ich nicht mehr denken. Ich hab selbst ganz schön viel Druck bei ihm gemacht. Ich war ziemlich hilflos.
Ich wusste gar nicht mehr wie ich den Spagat zwischen „hinter Sohnemann stehen“ und „versuchen es doch Recht zu machen“ schaffen sollte. Das Monster kriegte mich, ich wusste teilweise nicht mehr, was die Wahrheit ist.
Wer jetzt schluckt - ich weiß, dieser Teil ist nicht mehr ganz so witzig geschrieben wie die anderen, dass will mir nicht so gut gelingen. War halt einfach dunkel zu der Zeit.
Auswege zu finden gestaltete sich als ziemlich schwierig. Alleine einfach raus aus Deutschland? Ach nein, hab ja noch eine 17-jährige kurz vorm Abi.
Freie Schule – in Hamburg ein Witz.
Umzug in eine andere Stadt? Ach ja, da war ja was, die 17-jährige.
Also Augen zu und durch. Kinderpsychologe, Gespräche und Vertrauen auf Gott?
Rosarote Brille
In der vierten Klasse gab´s doch tatsächlich auch Zeiten, da dachte ich wir kriegen die Kurve. Haben wir aber dann leider nur halb, dann sind wir wieder aus der Kurve geflogen.
Klassenziel nicht erreicht, aber im schönen deutschen Schulsystem darf man ja niemanden mehr sitzen lassen, wenigstens eine positive Sache.
Aber, Frau T., „Wissen sie denn schon den weiteren Bildungsweg Ihres Sohnes?“ Ach du Schande, stimmt ja – es wird ja noch schlimmer! Noch 6 Jahre!!??? Das würde sowas von in die Hose gehen, dass war schon mal sicher!
Aber, man will ja auch mal verschnaufen und die rosarote Brille aufsetzen!
Sommerferien! Was für eine Erleichterung. Erst mal so tun, als wär´s das jetzt gewesen mit Schule. Gesamtschule war entschieden und wer weiß, vielleicht wird das ja noch ganz, ganz toll!!!! Positiv denken!! Geht doch!
Neue Lehrer – neues Glück! Hatten wir das nicht schon irgendwo?
Ich mach´s kurz. Nach 5 Wochen hatte ich die Schnauze voll! Rote Ampel, Sportverbot, Pausenverbot! Halloooooo??? Jemand Zuhause?
Notbremse! Jetzt! Oder ich hab in spätestens einem Jahr einen amoklaufenden Schulverweigerer der Lehrer umnietet.
JETZT!
Das waren unsere dunkelsten Jahre. Ab diesem Moment konnte es nur noch heller werden. Das tat es auch. Wir schrieben den 8. Oktober des Jahres 2016. Ich hatte eine Entscheidung gefällt.
Der nächste Teil wird der letzte Teil der Flucht sein. Ich verspreche hoch und heilig, diesen Teil schneller zu schreiben als die anderen! Ehrenwort!
Fotos:
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Mo*
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