München und die Crasheis-Maschine
Das Leben hält ja immer wieder unvorhergesehene Herausforderungen für einen bereit!
Gestern, frohgemut und nichtsahnend laufe ich zur Tramhaltestelle Musikhochschule. Eigentlich hätte ich ja mit dem Fahrrad in die Stadt fahren können, da aber der nette Sachbearbeiter beim Grundsicherungsamt meine Kontobewegungen seit Dezember sehen möchte, musste ich ja meinen schweren Laptop mit einpacken. Kontoauszüge ist absolut out. Jahaa, klar hätte ich trotzdem mit dem Fahrrad fahren können. Aber man gönne mir jetzt einfach mal den einfacheren Weg.
Der Streik
Ich also komme an der Tramhaltestelle an und es fällt mir siedend heiß ein – heute wird gestreikt! Na gut, weil ich mich so gefreut habe, dass ich heute nach München zum Steemit-Meetup fahre und ich es sehr genieße den Alltag kurz zu verlassen um mal wieder was Neues zu erleben, bin ich ganz entspannt wieder zurück zum Campingplatz gelaufen und doch mit dem Fahrrad gefahren. „Hätte ich doch gleich“ – Gedanken dürfen in den Papierkorb verschoben werden.
Da es ja gestern herrlichstes Wetter war, hat es sogar noch Spaß gemacht. Entspannt die Stufen des Grundsicherungsamtes erklimmend, bin ich froh auch dieses bürokratische Event bald hinter mir zu haben. Dieser ganze wirklich überflüssige Papierkram ist mir schon immer ein Rätsel. Da muss ich dann endlose Papierberge ausfüllen, deren Inhalt dann vom Sachbearbeiter in ermüdender Fleißarbeit in den Computer gehackt werden muss.
Vor der Tür stehend lachte mir dann ein wirklich überdimensional großes Schild entgegen:
Sprechzeiten Mo – Mi – Fr
8 – 11 Uhr
Gestern war Dienstag. Gestresste Mitarbeiter wuselten über die Flure und warfen mir giftige Blicke ins Gesicht. Schnell raus hier!
Alles immer noch gut, ich fahr ja morgen nach München...
Der Anruf
Nutze ich doch gleich die Gelegenheit mir noch Badeassesoirs für meine Reise nächste Woche zu erstehen. Über diese Reise wird es einiges zu berichten geben, dazu aber nächste Woche!
Einen schicken Bikini (zu dem mein Sohn später einen niederschmetternden Kommentar abließ) im Rucksack, noch ein bisschen Geld bei der Bank abgeholt und immer noch guter Dinge trat ich den Heimweg an.
Manchmal höre ich auf dem Fahrrad das Klingeln meines Handys nicht. Gestern aber hörte ich es und blieb stehen. Keine Ahnung warum, normalerweise fahr ich dann weiter und schau später welche Menschen unbedingt meine Aufmerksamkeit möchten.
Der Kumpel meines Sohnes aus der Schule rief das zweite Mal an. Leicht genervt geh ich ans Telefon, solche Anrufe erhalte ich fast täglich – Mein Sohn ist dran und will sich verabreden.
Aber nein, gestern hör ich die zerknirschte Stimme seines Freundes.
„Monja, S. liegt blutüberströmt mit einer Platzwunde an der Stirn in der Schule. Ich glaub du musst schnell kommen“
Da ich die Hysterie der Menschen bei Blut kenne, bleibe ich relativ entspannt.
Ich fahre ja morgen nach München.
ICH FAHRE MORGEN NICHT NACH MÜNCHEN WENN DAS KIND BLUTÜBERSTRÖMT IN DER SCHULE LIEGT!
Da war meine Laune dann doch endgültig hin. Ich kann nicht nach München.
Ich seh jetzt die entsetzten Gesichter – sie macht sich über München Gedanken, während das Kind fast verblutet???
Wie gesagt, erstens weiß ich, dass solche Sachen immer übertrieben werden. Zweitens, wenn es wirklich ganz schlimm wäre, wäre schon der Notarzt gerufen und drittens, es ist nicht die erste Platzwunde am Kopf meines Sohnes.
Die Crasheis-Maschine
Ich rief also erst mal in der Schule an und fragte wie schlimm, damit ich wusste ob ich mit dem Auto komme und was denn überhaupt los war.
Auf jeden Fall in die Klinik zum Nähen und irgendwas von einer Crasheismaschine entnahm ich dem Redeschwall der aufgeregten Teamerin.
Alles klar, Auto.
Während ich auf dem Weg zur Schule war, schwirrte mir immer wieder die Crasheis-Maschine im Kopf herum. Ich versuchte mir, mit aller mir zur Verfügung stehenden Phantasie auszumalen, wie es dazu kommen konnte, dass das Kind eine durch eine Crasheis-Maschine verursachte Platzwunde an der Stirn hatte!
Da es nicht die Durchschnittsschule ist die man sich so vorstellt, wenn man Schule hört, hatte ich Bilder im Kopf wie, eine neue Sportart in der Crasheis-Maschinen-Weitwurf eine wesentliche Rolle spielt. Oder es ein Angebot gab, in dem versucht werden sollte, im Liegen die Maschine zu bedienen und aufgrund nasser Finger (vom Eis!) abgeglitscht...
Der richtige Ort
Als ich ankam (ca. 20 Min. nach dem Ereignis) bot sich ich mir ein herzergreifendes Bild, welches ich bei einer normalen Regelschule so sicher nicht finden würde!
Mein Junge lag weinend und völlig fern der Welt auf einem Sessel. Die Füße auf dem Schoß einer Teamerin (die „Lehrer“ heißen dort „Teamer“) die auf dem Boden vor ihm kniete. Auf der linken Sessellehne ein anderer Teamer, der eine Mullbinde auf die Wunde drückte. Rechts von ihm auf der Sessellehne einer seiner besten Freunde. Vor und seitlich von ihm kniend noch andere Freunde und die „Vertrauenslehrerin“ kam gerade den Flur entlang.
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich leicht überflüssig und es machte keiner Anstalten seinen Platz zu verlassen, damit ich mich um mein Kind kümmern konnte.
Also genoss ich noch für einen Augenblick das liebevolle Bild das sich mir bot.
In diesem Moment wusste ich, hier ist er gut aufgehoben!
Auch wenn natürlich die Geschichte, WARUM überhaupt die Crasheis-Maschine auf seinen Kopf fallen konnte, wahrscheinlich auch in einer anderen Schule so nicht passieren hätte können.
Wo bitte gibt’s ne Crasheis-Maschine in der Schule? Und wenn, wo steht die total wackelig auf einem Schrank im engen Kiosk? Der Junge hatte Kiosk-Dienst (heißbegehrt) und kam aus irgendwelchen Gründen (Näheres erfuhr ich nicht und muss ich auch nicht wissen) wohl ein bisschen doller an den Schrank. Bruchteile von Sekunden später, klaffte dann eine tiefe Platzwunde auf seiner Stirn.
Crasheismaschinen werden wohl einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen!
Die Folgen
Tja, das weitere Prozedere muss ich jetzt hier nicht ausführlich beschreiben.
München konnte ich mir abschminken. Vor allem, weil diese überaus nette engagierte Ärztin sehr ernst meinem Kind erklärt hat, dass ja noch 48 Stunden später Gehirnblutungen einsetzten können und das wirklich dramatische Folgen haben kann, die ja Zuhause ....
Ich hatte jetzt also einen Jungen Krieger mit Platzwunde dem es eigentlich ganz gut ging, der jetzt aber vor Angst bibbernd keine Sekunde aus den Augen gelassen werden wollte. Die Gehirnblutungen...
3 Stunden nach Verlassen des Krankenhauses war alles wie immer.
Ich war schon ziemlich geknickt, dass ich nun nicht nach München fahren konnte. Sohnemann entschuldigte sich dann noch ein paar Mal, bis er dann akzeptiert hatte, dass meine Enttäuschung nichts mit ihm und seinem Loch im Kopf zu tun hatte, sondern alleine mein Gefühl ist.
Es war einfach ganz klar, er geht vor und München fällt aus.
Ich informierte dann natürlich alle meine Fans bei Steemit und vertröstete bis zum nächstem Monat. Ich konnte deren Enttäuschung selbst in ihren Worten fühlen, aber so ist es nun mal Freunde!
München ich komme!
Jetzt sitze ich im Zug und bin in genau 2 Stunden in München am Hauptbahnhof.
Heute morgen schmiss mein Sohn mich aus dem Bett und bestand solange darauf, dass ich fahre, bis ich dann schließlich nachgab, schnell unter die Dusche sprang, ihm einen Tschüss-Kuss aufdrückte und zur Bahn sprintete. Er ist gut aufgehoben und hat mehrere Menschen in unmittelbarer Nähe, die sich um ihn kümmern, wenn er das möchte. Ich schätze er verbringt seinen Tag im Bett und zieht sich 5 Filme rein... Darf man auch mal mit Platzwunde an der Stirn.
Noch weiß es nur die liebe
, dass ich doch komme.
Mal schaun, ob es eine Überraschung wird...
Fotos:
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