... schlägt hier bei Steemit ein neuer User auf und kommt nach Stunden, Tagen, Wochen des Politikerbashings, Teilens von Verschwörungstheorien usw. an den Punkt, wo der- oder diejenige etwas sagt in der Art von
Alle Sozialisten sind doof wie Brot
oder
Alle Linken sind der Untergang unserer Gesellschaft, mit denen darf man nicht reden
oder eine Mischung aus beidem.
Ich habe in der Vergangenheit auf verschiedene Weise darauf reagiert und jetzt gerade bin ich nur noch eins: amüsiert. Weil es einfach immer immer immer wieder dasselbe Muster ist, die selben Worte, die selben Unterstellungen, dieselbe Realitätsferne.
Wahrscheinlich würde ich diesen Beitrag hier jetzt gar nicht schreiben, wenn es mich nicht so amüsieren würde. Aber ich mach mir jetzt echt noch mal die Mühe, hier was klarzustellen. Am liebsten würde ich den Beitrag ganz oben hin pinnen an den Blog, damit jeder gewarnt ist oder so.
Ich weiß nicht, wie das funktioniert, daß echt in unregelmäßigen Abständen hier jemand als Neuling aufkreuzt, nichts Inhaltliches zu bieten hat als Kritik an einer funktionierenden Staatsform, einem (relativ gut) funktionierenden Gesundheits- und Vorsorgesystem und was noch aus diesem Bouquet wiederkehrender Themen, die sich in dem Satz
Niemand hat das Konzept sinnvoller Freiheit so gut verstanden wie ich
zusammenfassen lassen (wobei das Wort Niemand im genannten Kontext natürlich alle Zustimmenden ausschließt, ist ja klar, man will ja nicht streiten, sondern im Grunde genommen nur Zustimmung), so entspringt. so als ob man nicht auf die Idee kommen könnte, daß nicht vielleicht schon jemand anderes über genau diese Themen sich ausgelassen hat.
Zur Erinnerung: Steemit.com gibt es seit dreieinhalb Jahren, die Plattform hat viele User kommen sehen und auch nicht wenige gehen. Vielleicht habt ihr für Euch den Stein der Weisen gefunden, Glückwunsch dazu! Allerdings werden Worte nicht mehr oder weniger wahr, wenn man sie öfter wiederholt!
Aber das ist nicht mein eigentliches Anliegen, meine Motivation für diesen Beitrag.
Der Punkt ist: ich muß mich hier weder vereinnahmen lassen noch muß ich mich beschimpfen lassen wegen meiner Herkunft, meiner Einstellung zur Gesellschaft, meiner unsichtbaren Behinderung oder wegen was auch immer. Wenn also jemand unter einen Beitrag zu dem besonderen Datum 9. November schreiben muß "die Auflösung der DDR hat das komplette Volk der DDR befreit", dann ist das bevormundend, übergriffig und zeugt von einer Denke, die man vor 100 Jahren bzgl. "der Wilden" in Afrika hatte: "Die müssen noch Kultur lernen." Nein, müssen sie nicht!
Auf diese Weise erschafft man keine Einigung, sondern zementiert Spaltung! Da helfen auch öffentliche Feierstunden nicht!
Ja, ich nehme das persönlich. Und ich finde es wirklich traurig, diese Sprüche mit der Befreiung von einem Personenkreis zu lesen, der an allen anderen Tagen im Jahr über die bundesrepublikanische Demokratie spottet - frei nach dem Motto
Demokratie ist scheiße, nur Sozialismus ist scheißer
Natürlich ohne daß erklärt wird, was genau wieso scheiße ist, dieses Wissen wird vorausgesetzt, schließlich wähnt man sich ja in seiner "Hood" und genau deswegen bleibt er auch bei seiner gewohnten Sprache, wen kümmert es denn schon, daß das hier Steemit ist und nicht Facebook? ;)
Nun: es kümmert mich! Ich stalke doch auch keine Andersdenkenden bei VKontakte, Medium, Reddit, ... bei Facebook sowieso nicht (der Account dürfte nach einem Jahr Inaktivität gelöscht worden sein, hab ich neulich gehört) ... und sage denen, was sie zu denken haben oder gar zu tun. Woher soll ich denn die Zeit dafür nehmen?
Von mir wird doch auch Offenheit erwartet!
Was soll also dieses einer postkolonialistischen Gesellschaft nicht würdige Denken, nur das derjenige, der sich als wertvoller betrachtet, dürfe Grenzen setzen?
Oder ist vielleicht die deutsche Gesellschaft doch noch gar nicht im Postkolonialismus angekommen? Vielleicht muß man deshalb 30 Jahre Einverleibung eines Staates mit einem anderen Freiheitsbegriff feiern, damit endlich alle ein Loblied auf den Kapitalismus singen und auch die Gesellschaft sich gegenseitig von den dringenden Problemen ablenken kann? Weil man doch letztlich gar keine politischen Utopien, keine umfassenden Frauenrechte, keine Inklusion, keine globale Migration, keine Religionsfreiheit will?
Oder wie genau soll ich es verstehen, wenn Memes kursieren, die Greta Thunberg als "nervigste Person 2019" betiteln?
Seid Ihr wirklich sicher, daß ihr an diesem "Brot und Spiele"-Ding mit genau Eurem aktuellen Verhalten nicht teilnehmt?
Leben ist Geben und Nehmen. Egal, wie klein Ihr den Kreis der Personen haltet, die Euch nahestehen. Wer andere schützt und achtet, schützt und achtet sich selbst. Laßt auch den anderen soviel Luft zum Atmen, wie Ihr braucht. Es gibt keine Menschen 1. und 2. Klasse, wir funktionieren alle gleich. Keiner von uns hat bessere Bedürfnisse als andere. Sich das einzugestehen, ist nicht sozialistisch, sondern lediglich sozial.