Im Bestreben, bei "Sommerthemen" zu bleiben, springe ich heute fast ans Ende des Alphabets. Eigentlich passender wäre der Titel Sonnenbrand gewesen, aber der Sonnenbrand allein gibt nicht genug für einen Beitrag her. Daher das Oberthema Verbrennungen.
Was ist eine Verbrennung?
Als Verbrennung (oder Verbrühung) bezeichnet man eine durch Wärmestrahlung oder Wärmeleitung ausgelöste Schädigung der Haut.
Die schädigenden Ursachen können dabei ganz vielfältig sein:
- Flammen (bei offenem Feuer)
- Kochende oder sonstige heiße Flüssigkeiten und Dämpfe
- feste, heiße Gegenstände im Haushalt
- elektrothermische Verbrennungen (durch Strom oder Blitzschlag)
- Explosionen
- zu langer Aufenthalt unter Sonneneinstrahlung oder anderer hochenergetischer elektromagnetischer Strahlung
Wegen des umfangreichen Themas gehe ich auf Unfälle mit Strom- und Blitzeinwirkungen in diesem Artikel nicht ein, sondern verschiebe dies auf einen späteren Beitrag.
Entscheidend für die Schwere einer Verbrennung sind:
- die Temperatur, die auf die Haut einwirkt
- die Dauer der Einwirkungszeit
- die Ausdehnung der Verletzung auf der Körperoberfläche und in Bezug auf die Tiefe im Gewebe
Dabei kann eine mäßig warme Wärmflasche, die mehrere Stunden auf der Haut verbleibt, die Haut genauso schädigen wie die kurze Berührung mit heißem Wasser.
Die Rolle der Körperoberfläche
Ich kann also keinen Artikel über Verbrennungen schreiben, ohne kurz auf die Berechnung der Körperoberfläche einzugehen. Alter und Wachstum des Verletzten und Ausdehnung des betroffenen Teils entscheiden über die Schwere der Verbrennung (den Anteil der verletzten Haut an der gesamten Körperoberfläche) und bestimmen so die Art der Therapie.
Folgende Tabelle findet sich als Grafik im Buch [1]:
| Alter (Jahre) | Oberkörper (%) | Beine (jeweils %) | Arme (jeweils %) | Kopf (%) |
|---|---|---|---|---|
| 1-4 | 32 | 15 | 9,5 | 19 |
| 5-9 | 32 | 17 | 9,5 | 15 |
| 10-14 | 32 | 18 | 9,5 | 13 |
| > 14 | 36 | 18 | 9 | 10 |
Für die Berechnung der Gesamt-Körperoberfläche wird oft die sog. Dubois-Formel [2] herangezogen:
KOF [m^2] = 0.007184 x (Körpergröße [cm]^0.725 x Körpergewicht [kg]^0.425)
Eine vereinfachte Version ist die sog. Mosteller-Formel [2]: Die Körperoberfläche in Quadratmeter ist die Quadratwurzel aus 1/3600 x (Körpergröße [cm] x Gewicht [kg])
1., 2.,3. Grad?
Man unterscheidet zwischen 4 (eigentlich 5) Verbrennungsgraden. Die folgende Tabelle ist (in gekürzter Form) wiederum [1] entnommen:
| Grad | betroffener Hautabschnitt | Symptome | Heilung |
|---|---|---|---|
| 1 | Oberhaut | Rötung, keine Blasen, gute Durchblutung, normales Schmerzempfinden | spontan, ohne Narben, 1-2 Wochen |
| 2a | Oberhaut und Teil der Lederhaut | starke Rötung, nässende Blasen, gute Durchblutung, starker Wundschmerz | spontan, ohne Narben, 2-3 Wochen |
| 2b | Oberhaut und komplette Lederhaut | blasse Haut, offene trockene Blasen, verminderte Durchblutung, vermindertes lokales Schmerzempfinden | langsam, unter Narbenbildung, 4-9 Wochen |
| 3 | Oberhaut, Lederhaut und Hautanhangsgebilde, Schmerzrezeptoren | grau-braune Färbung, keine Durchblutung, Schmerzempfinden ausgeschaltet | langsam, unter Narbenbildung |
| 4 | vollständige Verletzung von Haut und darunterliegendem Gewebe (Verkohlung) | Schmerzempfindung erloschen | keine Heilung der betroffenen Körperteile möglich |
Gerade bei großflächigen Verbrennungen können Verbrennungen verschiedenen Grades nebeneinanderliegen. Man unterscheidet daher nach [1] die folgenden Schweregrade (KOF = Körperoberfläche):
| Betroffene | leicht | mittelschwer | schwer | sehr schwer |
|---|---|---|---|---|
| Erwachsene | < 2% Körperoberfläche bei Grad 3 < 10% Körperoberfläche bei Grad 2 < 20% Körperoberfläche bei Grad 1 | < 10% KOF bei Grad 3 10 - 20% KOF bei Grad 2 > 20% KOF bei Grad 1 Verbrennungen beider Hände oder Füße, des Gesichts oder des Genitalbereiches | 10 - 20% KOF bei Grad 3 25-50% KOF bei Grad 2 chemische oder elektrothermische Verbrennungen | > 20% KOF bei Grad 3 > 50% KOF bei Grad 2 Verbrennungen mit Inhalations- oder Polytrauma |
| Kinder | < 5% KOF bei Grad 2 < 10% KOF bei Grad 1 | < 5% KOF bei Grad 3 5-10 % bei Grad 2 > 10 % bei Grad 1 Verbrennungen beider Hände oder Füße, des Gesichts oder des Genitalbereiches | > 10 % KOF bei Grad 2-3 chem. oder elektrotherm. Verbrennungen | > 50% KOF bei Grad 2-3 Verbrennungen mit Inhalations- oder Polytrauma |
Was mache ich als Ersthelfer?
Das ist abhängig von der Schwere der Verbrennung. Grundsätzlich gilt:
- nichts von der Haut reißen
- nichts auf die Haut aufbringen
- den Verletzten von der Unfallstelle wegbringen und beobachten
Von bisher bekannten Hausmitteln wie dem Aufstreichen von Joghurt oder Quark auf frischen Sonnenbrand ist daher bitte abzusehen. Alles, was mit der verbrannten Stelle verkleben könnte, ist tabu. Das gilt besonders dann, wenn es sich nicht um den eigenen Körper handelt ...
Bei Sonnenbrand reicht es meistens, den Patienten in den Schatten zu bringen und für ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu sorgen. Vom Kühlen der entsprechenden Stelle mit kaltem Wasser oder gar Coolpacks rate ich wegen der Gefahr der Verkühlung der verletzten Stellen ab; wer unbedingt kühlen will, nimmt lauwarmes Wasser. Bei moderater Rötung können feuchte Tücher, die auch nicht zu kalt sind, etwas Linderung verschaffen. Bei ausgedehnter Rötung sollte ein Arzt verständigt werden. Hierfür stehen an Wochenenden die Ärztlichen Bereitschaftsdienste zur Verfügung.
Hat jemand ungeschickt den Grill oder den Backofen angefaßt, gilt ebenfalls: nicht mit kaltem Wasser kühlen (lauwarmes kann dagegen gegen die weitere Hitzeausbreitung sinnvoll sein), nicht eincremen, die verbrannte Stelle steril abdecken und, wenn möglich, eine Arbeitspause einlegen. Kommt es zur Bildung größerer Blasen, ist ein Arztbesuch unumgänglich.
Schwer verbrannte Hautstellen (Verbrennungen 3. Grades), wie sie bei Kontakt mit sehr großer Hitze über mehrere Sekunden bis Minuten oder Starkstromschläge entstehen können, werden überhaupt nicht berührt (auch und gerade dann nicht, wenn Kleidung in Mitleidenschaft gezogen wurde), sondern nur so steril wie möglich abgedeckt. Wichtig ist, bei diesen Patienten auf den Wärmeerhalt zu achten - durch die tiefgehende Verletzung der Haut ist der Körper nicht mehr gut vor dem Auskühlen geschützt. Auch wenn es seltsam anmuten mag: Ein Kind, das mit einem Teil des Unterarms ins Grillfeuer gekommen ist oder sich (z.B. durch eine Wärmflasche oder heißes Wasser) großflächig den Oberkörper verbrüht hat, braucht eine warme Decke. In solchen Fällen ist unbedingt ein Notarzt zu verständigen.
Brandverletzte werden nach Möglichkeit abgelöscht (mit Wasser, einem Feuerlöscher oder durch Abdecken mit Baumwoll- oder Wolldecken - Kunststofftextilien sind ebenfalls leicht brennbar!). Ausgedehnte Brandverletzungen werden nicht gekühlt bzw. nur in den ersten Minuten nach der Verletzung und nur mit lauwarmem Wasser - spätere Kühlung kann aufgrund der zunehmenden Zentralisierung des Kreislaufes zu Unterkühlung und weiter verminderter Gewebedurchblutung führen. Zur Abdeckung der Brandwunden können alle Verbandstoffe verwendet werden, die nicht mit der Wunde verkleben - also vor allem Verbände mit metallischer Oberfläche oder spezielle Verbandtücher für Brandwunden.
Jegliches Kühlen einer Verbrennungswunde ist auf deren örtliche Ausdehnung zu beschränken.
Ein paar Worte zur Intensivtherapie Brandverletzter
Um die weitere Einwirkung einer mittelschweren oder schweren Brandverletzung, das sogenannte Tieferbrennen der Haut, das bis 30 Minuten nach der Verletzung ablaufen kann, zu verringern, ist der betroffene Bereich etwa 10 Minuten lang mit 20° warmem Leitungswasser zu kühlen.
Brandverletzungen führen immer zu einem gesteigerten Flüssigkeitsverlust über die Haut, deshalb muß schnell mit einer Volumenersatztherapie begonnen werden [3]. Empfohlen werden bis zu 1000 ml Vollelektrolytlösung innerhalb der ersten Stunde nach der Verletzung. Auf diese Weise kann auch ein Nierenversagen verhindert werden. Die weitere Volumentherapie richtet sich nach der Schwere der Verletzung.
Hitzeeinwirkungen durch offenes Feuer oder heiße Dämpfe gehen oft mit sog. Inhalationstraumata einher. Ödeme, die sich durch die Einwirkungen der Hitze und potentiell toxischer Gase (Verbrennungsend- oder -zwischenprodukte) auf Atemwege und Lunge bilden, verringern die Qualität der Atmung; somit ist eine Indikation für Sauerstoffgabe (6-8 l/Minute) über eine Beatmungsmaske oder eine Nasensonde gegeben.
In jedem Fall sollte der Verletzte bzgl. seiner Vitalparameter (Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Puls) überwacht werden. Zur Analgesie (Schmerzlinderung) empfehlen sich Opiate und Ketamin. Dopamin, Kortison, Diuretika und Plasmaexpander sind kontraindiziert.
Transportziel sind dabei nahe Krankenhäuser mit chirurgischer und intensivmedizinischer Versorgung, teilweise auch spezielle Fachkliniken. Die Koordination von Krankenhausbetten für Schwerbrandverletzte übernimmt zentral für Deutschland eine spezielle Abteilung der Hamburger Feuerwehr.
Quellen
[1] J. Luxem et al, Rettungsdienst RS/RH
[2] http://flexikon.doccheck.com/de/K%C3%B6rperoberfl%C3%A4che
[3] D. Kühn et al, Rettungsdienst heute, 5. Auflage
Weiterführende Links
- http://www.brandverletzte-leben.de
- https://www.verbrennungsmedizin.de/leitlinien-erste-hilfe-brandverletzungen.php
Über die Reihe "Das Einmaleins der Notfallmedizin"
In dieser Beitragsreihe erkläre ich in loser Folge Begriffe aus der Ersten Hilfe und Notfallmedizin, die mir gerade wichtig sind. Grundsätzlich dient die Reihe auch dazu, mein eigenes Wissen aufzufrischen.
Bisher sind erschienen:
Das ABCDE-Schema
Die Anamnese
Der anaphylaktische Schock
Adenosin