Gesundheitspolitisch haben die 2000er- und 2010er-Jahre unter anderem durch zunehmende Verbreitung von Impfschadentheorien Furore gemacht. In der festen Überzeugung, ihre Kinder zu schützen, verzichteten Eltern auf Impfungen, die sich erst in den 1970ern und 1980ern als Standard etabliert hatten. Dies betraf vor allem, aber nicht ausschließlich, die sog. MMR-Kombinationsimpfung (Masern, Mumps, Röteln).
Verbreitung fanden in der Impfgegnerszene auch Anregungen zu sog. Masernparties, die Zusammenführung von angesteckten und nicht angesteckten Kindern bei Fehlen jeglicher Immunisierung, wie sie - inklusive einiger Auswirkungen - in diesem Blog dokumentiert sind:
Masern zwischen Mut und Meinung
Wäre der Verlauf anders gewesen, wäre es wohl nicht zu diesem positiv klingenden Artikel gekommen.
Nun sind in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz soviele Masernfälle aufgetreten, daß das Thema nicht nur die großen deutschen Tageszeitungen beschäftigt, sondern auch eine große Zahl von Regionalzeitungen. Seit Freitag ist in den Zeitungen zu lesen, daß die Große Koalition eine Pflicht zur Masernimpfung erwägt.
Ich freue mich nicht.
Nicht für die ungeimpften Kinder, die noch gesund sind, nicht für ihre Eltern, die weiterhin schwierige Entscheidungen treffen müssen, nicht für die Kinder, die wegen der Masernausbrüche der letzten Wochen nicht zur Schule oder Kita gehen konnten.
Für die Kinder und Erwachsenen, die während der letzten 20 Jahrean Masern oder einer Folgeerkrankung erkrankt oder gestorben sind, erst recht nicht.
Daß die Masern und ihre Behandlung für Ärzte heute teilweise wieder Neuland sind, darf kein Grund sein, die Verbreitung der Krankheit zu fördern.
Die WHO und auch die EU hatten sich vorgenommen, die Masern bis 2020 quasi auszurotten. Dazu ist eine Impfquote von mindestens 95% nötig. In Deutschland liegt die Durchdringung bei etwa 93% und es ist unklar, ob eine Quote von 95% überhaupt erreicht werden kann.