Inzwischen ist sie ja herum, die Teilstreckensperrung bei der Münchner S-Bahn, die der Grund für diesen Artikel ist.
Es ist außerhalb Münchens vermutlich nicht so bekannt, aber aktuell haben auch wir eine Infrastruktur-Großbaustelle. Es soll eine neue Stammstrecke geben. Beginn der Bauarbeiten war 2017.
Zwangsläufig ist das existierende S-Bahn-Netz während der Bauarbeiten auch immer mal wieder beeinträchtigt. So erkläre ich es mir jedenfalls.
Ich wohne am Ende einer S-Bahn-Linie, zwei Stationen vor dem Flughafen. Zwischen den nächsten 3 Stationen in Richtung München bestand von Freitagabend bis zum frühen Montagmorgen Schienenersatzverkehr. Zwischen der einen Station und dem Flughafen fuhren die Bahnen nur aller 40 Minuten (statt im 20-Minuten-Takt).
Die Schienersatzverkehrsbusse waren aber eigentlich ganz gut auf die S-Bahn abgestimmt.
Wegen dieser Gegebenheiten entschied ich, daß ich am Samstag nicht den Weg über den Flughafen nehmen würde, um zum THW zu fahren, sondern den Schienenersatzverkehr und die in den nördlichen Münchner Stadtteilen fahrenden Busse.
Am Samstagabend kam ich gegen 18 Uhr am Umsteigebahnhof an. Der Ersatzbus stand schon da, aber in Wartestellung, mit geschlossenen Türen. Drinnen zwei Busfahrer, die sich über eine Reihe von Formularen unterhielten, die einer der beiden in der Hand hielt. Ich und ein anderer Fahrgast standen und warteten. Schließlich stiegen die beiden Herren aus, offenbar war Fahrerwechsel.
Dann kam die S-Bahn aus der Stadt und mit ihr die Fahrgäste. Wir durften nun einsteigen und derjenige Fahrer, der weiterfahren würde, verkündete, er hätte erst noch Pause.
An dieser Stelle habe ich mir nicht verkneifen können, zu erwidern, daß er doch bis eben Pause gehabt hätte und daß es Leute gäbe, die nach Hause wollten. Vielleicht habe ich damit die folgenden Ereignisse ein bißchen provoziert. Aber ich hatte nur wenige Stunden schlafen können, bevor um fünf Uhr morgens der Wecker ging.
Die Fahrt ging sehr normal los, wenn man davon absieht, daß der zweite Ersatzbus vor uns losfuhr. Wir fuhren zum mittleren S-Bahn-Halt, die Leute stiegen aus.
Und dann begann sich der Busfahrer zu verfahren. Statt des üblichen Weges fuhr er einmal um das Bahnhofsgebäude herum und auf den nahegelegenen Pkw-Parkplatz. Das ging auch noch ganz gut, bis er zu der Wendeschleife kam, die nicht einmal ansatzweise für einen Linienbus mit Gelenk ausgelegt ist.
Nach ein bißchen Vor- und Zurückfahren war das auch dem Busfahrer klar. Inzwischen hatten wir etwa 10 Minuten Verspätung.
Weitere 15 Minuten gingen dafür drauf, den Bus rückwärts vom Parkplatz zu rangieren. Dabei hätte ich gern als Einweiser geholfen, traute mich aber nicht, zu fragen, da ich in einem ähnlichen Fall abgeblitzt war und Angst hatte, stehen gelassen zu werden. Der Fahrer seinerseits hat allerdings auch nicht um Hilfe gefragt. Stattdessen stieg er hin und wieder selbst aus, um nach den Abständen zu schauen.
Das Gelenk knirschte übrigens das eine oder andere Mal bedenklich, offenbar war ihm die Aktion an der Wendeschleife nicht so bekommen.
Nun mußte der Bus "nur noch" am Bahnhofsgebäude vorbei. Weitere ca. 50m-100m Rückwärtsfahrt hätten den Job getan, aber nach der Hälfte der Strecke war der begrenzende Baustellenzaun zu Ende und der Fahrer, der sich offenbar immer noch in einem etwas kleineren Gefährt wähnte, beschloß, hier zum Wenden einzuscheren. Möglicherweise hätte er es an einem anderen Punkt tatsächlich nicht tun können.
Also ging es mit knirschendem und knacksendem Gelenk rückwärts, bis sich dieses nicht weiter biegen ließ. Rein räumlich wäre schon noch Platz gewesen. An dem Punkt habe ich dann laut gesagt, er möge bitte auf das Gelenk aufpassen. (Als Einweiser angeboten hatte ich mich immer noch nicht.)
Zwischen der Spitze des Busses und dem Gebäude waren max. 3m Platz, als der Busfahrer wieder vorfuhr. Ich war schon auf "Wenden in 36 Zügen" eingestellt, aber der Busfahrer hatte offenbar meine Äußerung ernstgenommen und beschlossen, auf weitere Rückwärtsfahrt soweit wie möglich zu verzichten. Sehr langsam tastete er sich an das Gebäude heran. Ab etwa einem Meter Nähe meldete sich der Abstandswarnton und da der Bus dem Gebäude noch etwas näher kam, war dieser Teil des Wendemanövers ohne Unterlaß akustisch begleitet.
Aber der Fahrer schaffte es, ohne Kollision mit dem vorrangig aus Glas bestehenden Gebäude aus der Enge herauszukommen.
Ich war so erleichtert, daß ich aus einem spontanen Impuls heraus geklatscht habe, und einige andere Fahrgäste schlossen sich an.
Die ganze Aktion hat vermutlich um die 50 Minuten gedauert. Ein Vielfaches der regulären Fahrtzeit zwischen den drei Bahnhöfen.
Am Zielbahnhof wurde dann die letzte vor 20 Uhr abfahrende S-Bahn erreicht; bis zu deren Abfahrt verging aber nochmal eine gute Viertelstunde.
Ich kam also gerade noch rechtzeitig am Ziel an, um kurz vor acht die letzten Wochenendeinkäufe zu machen.
Nach vierzehneinhalb Stunden war ich dann auch wieder daheim.