Darf man hier eigentlich Links zu Videos posten, die laut Ankündigung in einem Jahr aus dem Medienangebot verschwinden? Ich tu's jetzt einfach und liefere einen Alternativlink mit. Findige Geister sind ja eh in der Lage, von der ARD-Mediathek Sendungen herunterzuladen.
Die Doku
"Ich will gar nicht wie alle anderen sein", sagt Markus, der um den 35. Geburtstag herum von einem Filmteam begleitet wurde. Seine großen Leidenschaften sind Spielzeuge und Geräusche - gern auch in der Verbindung von beidem. Seine Wohnung ist voll davon und manche der Geräuschmacher scheinen auf das Eintreten von Menschen in ein Zimmer zu reagieren. "Ein stilles Örtchen gibt es hier nicht", erklärt Markus, nachdem er die Toilette um ein weiteres geräuschvolles Accessoire ergänzt hat. Überall blinkt und tönt irgendwas.
Wie ungewöhnlich diese Spezialisierung für Autisten, die sonst als sehr empfindlich auf Außenreize gelten, ist, wird im Film nicht erwähnt. Lediglich eine gewisse Berührungsempfindlichkeit zeigt sich in zwei Szenen: einmal wird Markus im Bus weggeschoben, ein anderes Mal scheint es ihm lieber zu sein, seine Freundin (oder Wahlschwester?) würde nicht seine Hand nehmen.
Der 35. Geburtstag wird vor allem mit den "Downies", einigen Bekannten mit dem Down-Syndrom gefeiert. Markus, der Menschen ohne geistige Behinderung nicht traut, trägt an dem Tag Kleidung, die weder typisch männlich noch typisch weiblich eingeschätzt werden kann, und tanzt mit den Freunden bei blinkenden Lichtern zu einem Gymnastikvideo.
Zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt wird gezeigt, wie Markus, der geübte Bastler, elektronische Geräte in einem Repair Café repariert. Hier gefiel es ihm offenbar so gut, daß er nach Abschluß der Dreharbeiten noch ein oder zweimal hinging.
Link zur Doku in der ARD-Mediathek
Die Dokumentation bei dokunation.de
Meine Meinung
Irgendwie wäre der Artikel nicht komplett oder sogar irgendwie sinnlos, würde ich die hier nicht preisgeben.
Mein erster Eindruck war: super entspannter Junge, aber schwer einzuordnen. Wieso stören ihn die Geräusche und Lichter nicht? Dann die Aussagen zu der Beziehung zu den Eltern. Die Erwähnung des Vaters, der angeblich dauernd sagt, Markus solle endlich erwachsen werden, und den (allein in einer bestimmten Entfernung wohnenden) Sohn eher nicht in der Wohnung haben möchte. Mein Gesamteindruck von Markus, der mit seiner geschliffenen Sprache, seiner Fingerfertigkeit und der Art, wie er für sich selbst sorgt, durchaus erwachsen wirkt, würde vermutlich von dem einen oder anderen noch um "das ist aber n netter Kerl, den würd ich gern mal kennenlernen" ergänzt werden. (Hab ich alles auf Youtube schon erlebt ...)
Apropos Youtube. Dort wie auch auf Facebook gibt's ja inzwischen auch eine Autisten-Community (oder vielmehr ein paar Kanäle, die um Popularität und Reichweite ringen, manche mehr, manche weniger). Ich bin die, die immer noch an "es ist nicht alles toll am Autismus" festhält und das teilweise fast so offensiv wie ich selbst angegangen werde. Letztlich habe ich an solchen Konflikten, speziell auf Twitter, mein Diskussionsverhalten und meinen Umgang mit Konflikten schärfen bzw. diesbezüglich umlernen können. Manchmal hilft das auch im realen Leben. Bei emotional schwierigen Zusammenhängen allerdings (noch?) nicht.
Als die Zimmer von Markus gezeigt wurden, hatte ich eine Assoziation: nämlich die Bedeutung des Wortes Autismus, die von den Medien gern für eigensinnige Politiker usw. verwendet wurde. Sie schien sich förmlich in der Einrichtung der Zimmer, vielleicht in seinem gesamten Lebensstil, zu materialisieren.
In einem Nebensatz bleibt mir noch zu erwähnen, daß ich mit ein paar Leuten, die akribisch jede Verwendung des Wortes Autismus zur Beschreibung von, sagen wir mal, Verhalten, das nicht dem Amt oder der Stellung der handelnden Person entspricht, verfolgen, protokollieren und oft die Verfasser angehen, im Dauer-Clinch liege. Man kann sich - mit oder ohne Diagnose - den Streit mit und die Kritik an anderen Leuten zum Hobby machen. Meins ist es eigentlich nicht, aber alle paar Monate wieder für ein paar Stunden. Den Vorschlag, sich in Ruhe auszusprechen, mache ich schon gar nicht mehr, weil dafür nicht die passende Zeit kommt.
Letzten Endes endet meines Erachtens jegliche Kritik an der Verwendung des Begriffes Autismus außerhalb medizinischer Dokumentation nichts an der Wahrnehmung der Allgemeinheit. "Wer schreit, hat unrecht", ist mir - aus Gründen, die Ihr Euch nach dem Lesen der letzten Absätze denken könnt - in der Kinderzeit oft gesagt worden. Heute würde ich das einem kleinen Grüppchen da draußen gern öfter sagen. Allerdings kriege ich nicht alles von ihrem Treiben mit und das ist auch gut so. Nur das Gefühl, daß sie sich und ihren Kindern ins eigene Fleisch schneiden, weil ihr Handeln über das Ziel hinausschießt, das bleibt.