Als ich vor einigen Wochen (eineinhalb Monaten, um genau zu sein) leichten Sinnes Chriddis Idee in ein für mich sinnstifterendes Versmaß überführte (tut mir leid, Leute, aber ich höre gelesenen Text nunmal, ohne technische Hilfe), kam von der Urheberin die Rückmeldung, supergeil sei doch ein sehr vulgärer Ausdruck und daß sie sich meiner positiven Konnotierung des Begriffs nicht anschließe ...
Nun, wenn ich drüber nachdenke, ist "supergeil" für mich einges, aber vulgär im Sinne von sexualisierter Sprache: nö.
Und deshalb lasse ich mich jetzt, Wochen später, doch noch darauf ein, einen Rechtfertigungsbeitrag zu schreiben. Vielleicht erlaubt ja sogar, den deutschdienstag-Tag zu ergänzen. (Wenn nicht: auch kein Beinbruch.)
Für mich beschreibt "supergeil" eigentlich eher ein Gefühl. Ein Gefühl, daß sich versteckt, so wie die versteckt sind, die es heimsucht. Die sowieso eine härtere Sprache pflegen, weil auch Gefühlswelt verbindend ist.
Ein paar Beispiele:
- Du bist Schauspieler am Theater, bist für eine Rolle vorgesprochen, hast die ganze Zeit lange geprobt und dann bekommt der Kollege, der erst vor 2 Monaten hergezogen ist, den Part. Supergeil.
- Du hast als angehender Arzt eine 24-Stunden-Schicht in der Notaufnahme hinter Dir, während dieser Zeit hatten 3 Abteilungen jeweils mindestens eine Stunde lang Bettensperre, und nun willst Du, nachdem Du schon keine nächtliche Ruhepause machen konntest, nach Hause, aber es kommt gerade ein Patient für den Schockraum, der Dich noch mindestens eine Stunde beschäftigen wird. Supergeil.
- Du ißt nach einem langen Tag im Büro und vielen Meetings im Restaurant, weil Du so spät abends nicht mehr kochen willst, aber noch was zwischen die Zähne brauchst. Du nimmst Dein Lieblingsgericht von der Karte, aber es schmeckt Dir heute nicht so. Und auf dem Weg nach Hause denkst Du dann an einen bestimmten Moment des anstrengenden Tages, den Du ganz gut gemeistert zu haben glaubst, von dem Du aber weißt, keiner der Kollegen hätte es so gemacht, aber trotzdem nicht den Kopf abgerissen bekommen. Supergeil.
Es ist auch nicht das Problem, daß diese - sagen wir mal - Mißgeschicke einmal passieren, sondern die Masse macht's ... Und da man ja trotzdem an der Aufgabe hängt, muß man sich auch irgendwie zum Weitermachen motivieren. "Du bist eigentlich n ganz dufter Typ."
Nur, daß dufte (oder griabig, wie man in hier in der Gegend sagt) eben der Anstrengung, den Sorgen, der Belastung und der Liebe zum Job oder Ehrenamt nicht gerecht wird und es eine Überhöhung braucht. "Geil" als Überhöhung für "gut" oder "prima" usw. und "super" als weitere Überhöhung. Man sagt sich, man ist gut, obwohl es andere gar nicht sehen oder zu sehen scheinen. Weil man sich nicht die Zeit nimmt oder nehmen kann, um den anderen auch mal zu sagen: "hey, das ist echt super, wie Du diese Aufgabe, die keiner wahrgenommen hat, gemeistert hast! Danke, daß Du zur rechten Zeit am richtigen Ort warst!"
Noch ein Beispiel zum Abschluß.
Du hast nach der Arbeit noch mit Kollegen aus dem Verein zusammengesessen und als Vorstand habt Ihr Aufgaben verteilt. Du weißt, wann Du morgen früh raus mußt und daß es schon spät ist. Und dann stehst Du am Umsteigebahnhof und wegen einer Baustelle fällt die nächste S-Bahn aus. Du kommst also erst eine halbe Stunde vor Mitternacht heim. Die anderen wohnen in der Nähe des Versammlungsortes oder sind mit dem Auto gekommen. Keiner wohnt in Deiner Nähe. Und die letzten 2 km mußt Du mit dem Rad fahren. Das nach 500m einen Platten bekommt.
Supergeil.