Liebe Steemians, mein heutiges Thema lautet 'Inflation'.
"Ach, , musst du wirklich zu allem deinen Senf dazugeben? Sind es nicht
,
oder
, die vom (Fiat)Geld und dessen Entwertung weit mehr verstehen als du?"
"Doch, doch, keine Sorge, dieses Feld werde ich weiterhin den Experten überlassen, aber wer sagt, dass Inflation - im weitesten Sinne - stets Geld betrifft?"
'Inflation' kann die verschiedensten Lebensbereiche tangieren, ...
Wann ist beispielsweise die Zuneigungsbekundung "Ich liebe dich!" wertvoller, wenn sie täglich mehrmals beiläufig dahergesagt oder eben nur in seltenen, speziellen Momenten ausgesprochen wird?
Was ist die - eigentlich gute - Schulnote 2,0 heute noch wert, wenn, überspitzt formuliert, eine 1,x mittlerweile fast schon als Standard gilt?
Kurz gesagt, ebenso wie beim Geld wäre auch sonst weniger oft mehr.
... wobei ich mich heute auf ihre Auswirkungen auf den deutschen Sprachgebrauch fokussiere.
Mir geht es heute jedoch weder um die Liebe (jedenfalls nicht abseits der Verwendung dieses Begriffs in Text und Sprache) noch Schulnoten, sondern nach längerer Pause (nach "Deutsche Sprache, schwere Sprache?", "Euphemismen und verschleiernde Anglizismen im deutschen Sprachgebrauch." und "Zum 'Gendering' im deutschen Sprachgebrauch.") mal wieder um die deutsche Sprache.
Auch dort ist mir die immer stärker um sich greifende 'Inflation' ein Dorn im Auge.
Dass ich offenbar nicht der Einzige bin, der bereits seit geraumer Zeit einen unbändigen Drang zur Steigerung von Adjektiven verzeichnet, belegen beispielsweise folgende Zeitungsartikel aus "DER TAGESSPIEGEL" und dem "ZEIT MAGAZIN":
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In "Inflation sprachlicher Superlative" fasst es die Autorin leicht ironisch in die Worte, die Bewertung "gut" werde mittlerweile häufig schon fast als Kränkung wahrgenommen ("super" oder "megageil" sollte es schon mindestens sein). Darüber hinaus vermöchten im Rahmen der heutigen "Aufmerksamkeitsökonomie" nur noch alarmierende Formulierungen wie z. B. "Desaster", "Crash" und "Katastrophe" die Aufmerksamkeit vieler Leser zu wecken, wobei die Gefahr dieses "routinemäßigen" Alarmierens ein sich einstellender Gewöhnungseffekt sei, ähnlich dem von Drogenkonsumenten, die im Laufe der Zeit immer höhere Dosen benötigten.
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"Liebe war ein großes Wort" zeigt auf, wie die exklusive Anwendung dieses Begriffs für die Umschreibung zwischenmenschlicher Zuneigung und Gefühle auf alle nur denkbaren Bereiche, insbesondere immer dann, wenn es um Werbung geht, ausgeweitet wurde. Egal, ob es um den ÖPNV ("Weil wir dich lieben") oder ums Essen ("Wir lieben Bio") gehe, als Triebfeder für einfach alles gälte mittlerweile die Liebe.
Da bleibt mir nur, den Worten der Autorin, "Das Wort Liebe selbst verliert an Wert, weil es auf den Wohlfühlfaktor reduziert wird. [...] welches Wort wollen wir verwenden, wenn wir wirklich einmal von dem Gefühl für unseren Partner oder unsere Kinder sprechen wollen, wenn wir "Liebe" schon für Getriebeöl benutzt haben?", aus ganzem Herzen und sehr liebevoll zuzustimmen. :-)
Mein persönlicher 'Favorit' betreffs dümmlich-naiver 'Liebeswerbung' ist übrigens der 'Landliebe-Slogan' "Liebe ist, wenn es Landliebe ist!" - ok, vielen Dank, diese Definition kannte ich bisher noch nicht!
Häufige Verwendung (und oft fehlerhafte Bildung) des Superlativs.
Eine logische Konsequenz des Strebens nach Aufmerksamkeit ist die zunehmende Verwendung des Superlativs.
Zitat aus "Wortwuchs":
Es gibt drei Steigerungsformen des Adjektivs im Deutschen: den Positiv (Grundform), den Komparativ (1. Steigerung) und den Superlativ (2. Steigerung). Der Superlativ ist die höchste Steigerungsform der Wortart. Der Komparativ vergleicht zwei Dinge (X ist größer als Y), wobei der Superlativ [...] die höchste Stufe bildet (Z ist am größten).
Wird in Briefen und E-Mails mittlerweile häufig die Schlussformel "Viele Grüße" durch "Beste Grüße" ersetzt (woran ich nichts auszusetzen habe), ist selbstverständlich auch sonst alles, was Menschen besitzen, kaufen, erleben und machen am besten, schönsten, größten, teuersten und wichtigsten. :)
Wie sehr sich das Denken in Superlativen bereits in unseren Köpfen verankerte, zeigt sich z. B. an der absurden, aber als völlig normal geltenden Formulierung in Arbeitszeugnissen "Er hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet". Erstens frage ich mich, warum gute Arbeit heute nicht mehr als gut gilt, und zweitens lässt sich das Adjektiv "voll" nicht steigern, ein beträchtlicher Anteil aller Arbeitszeugnisse enthält folglich einen Grammatikfehler! :)
Zum Troste des armen Adjektivs "voll" sei hier erwähnt, dass es anderen nicht besser ergeht: Die häufig anzutreffenden 'Superlative' "einzigste" und "optimalste" gehören ebenfalls nicht zum offiziellen deutschen Wortschatz (nichts ist 'optimaler' als das Optimum ...). :)
Um den Rahmen nicht zu sprengen, beschränke ich mich auf einen weiteren Sektor (ihr könnt sicherlich im Kommentarbereich noch zahlreiche andere Beispiele liefern?!), in welchem dem Hang zur Übertreibung hemmungslos freien Lauf gelassen wird:
Wir alle sind 'Gourmets', die sich ausschließlich von 'Premium'-Lebensmitteln ernähren ...
... das könnte man jedenfalls glauben, wenn man sich die Produktbezeichnungen in Supermarktregalen bzw. Online-Shops so ansieht:
Dort findet sich kaum noch ein Getränk, das nicht mindestens 'Premiumqualität' bietet, Schokolade unter 'Gourmet-Niveau' suchte man vermutlich vergeblich, und Wurst präsentiert sich selbstredend in 'hochwertiger Spitzenqualität' ...
Egal ob ihr euch also für
"GOURMET
Premium Schokolade" von ALDI SÜD,
"Edel-(Zart-)Bitter-Chocolade" (besonders exklusiv durch das fehlende 'S' der Chocolade) von ALDI NORD,
"Deluxe Grüne Bohnen (extra fein)" von Lidl oder
"Crops Delikatess Bohnen"
entscheidet, ich wünsche guten Appetit! :)
Anmerkung: Nicht, dass das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bezüglich Wurst und Fleisch keine Vorgaben machen würde, wie was genau bezeichnet werden darf, nein, es liegt - wen würde das in Deutschland überraschen - ein 68(!) seitiges Regelwerk (die "Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse") vor ... allerdings spielt darin z. B. die 'Nebensächlichkeit', ob das Fleisch aus Massentierhaltung stammt oder nicht, keine Rolle ...)
So, genug der Inflation für heute, jetzt muss ich erstmal ein Glas echten Premiumsaft trinken (mein Foto von der "Gourmet-Würstchenbude" finde ich leider gerade nicht). :)