Die Welt ist voller spannender Fragen, aber leider sind viele um ihre Beantwortung ringende Debatten derartig emotional aufgeladen, dass eine sachliche, auf Erkenntnisgewinn ausgerichtete Diskussion kaum noch möglich ist - an deren Stelle dann erbitterte Kämpfe um die Deutungshoheit, Rechthaberei und das Bestreben, alle mit nicht der eigenen entsprechenden Meinung als unwissend darzustellen und lächerlich zu machen, treten.
Typische Beispiele kaum noch diskutierbarer Themen sind der Klimawandel (Wie hoch ist der menschliche Einfluss? Wie genau wirkt er sich auf unsere Lebensqualität aus?) oder COVID-19 (die Menschheit bedrohende Pandemie oder doch nur eine harmlose Grippe?). Und nein, zu beidem schreibe ich an dieser Stelle nichts! :-)
Mein heutiges Thema ist die heiß umstrittene mögliche Anzahl menschlicher Geschlechter. Auch hier lässt die Diskussionskultur des Homo sapiens sehr zu wünschen übrig:
Einerseits werden selbst Biologen (also Menschen, die sich mit dem Thema auskennen sollten) von Shitstorms überzogen, sobald sie sich für die Existenz nur zweier biologischer Geschlechter aussprechen (ein Interview mit der Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht diene als Beispiel). Andererseits halten auch viele Befürworter der Zwei-Geschlechter-These offenbar nicht viel von zivilisierten Umgangsformen:
Mich interessiert weniger, wer in diesem beinahe religiösen Glaubenskrieg die Oberhand behält. Mich interessiert: Wie ist es tatsächlich? Ich möchte die faszinierenden biologischen Vorgänge beleuchten, welche der Geschlechtsdeterminierung zugrunde liegen.
Das Thema umfasst zwei unterschiedliche Dimensionen,
a) die praktische, das reale Leben tangierende, wenn beispielsweise ein biologischer Mann (Imane Khelif) behauptet, eine Frau zu sein, um Olympisches Gold im Frauenboxen zu gewinnen, oder darüber gestritten wird, wer welche Umkleidekabine benutzen darf, und
b) die wissenschaftlich-biologische, in der es um biochemische Zusammenhänge und grundlegendes Verständnis der Geschlechtsdetermination geht.
Ich beschäftige mich mit b). Wie viele Geschlechter der geneigte Leser daraus letztlich ableitet, bleibt ihm überlassen.
Fangen wir also an:
Normalerweise bestimmt die Gonosomenkombination das Geschlecht (XX oder XY).
Normalerweise bestimmt die Gonosomenkombination das Geschlecht (XX oder XY).
Beim Menschen gibt es in der Tat nur zwei verschiedene Arten von Gonosomen (Geschlechtschromosomen): X und Y.
Eine typische Frau besitzt die Gonosomenkombination XX (ein X stammt von ihrer Mutter, ein X von ihrem Vater). Sie ist bezogen auf ihr Geschlechtschromosomenpaar homozygot (reinerbig).
Ein typischer Mann besitzt die Gonosomenkombination XY (das X stammt von seiner Mutter, das Y von seinem Vater). Er ist bezogen auf sein Geschlechtschromosomenpaar heterozygot (mischerbig).
Beispiele für anomale Gonosomenkombinationen.
Beispiele für anomale Gonosomenkombinationen.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Anomalien. Einige ausgewählte Beispiele:
Turner-Syndrom; Gonosomenkombination X0 (fehlendes zweites Geschlechtschromosom).
Merkmale: weibliche Konstitution, Kleinwüchsigkeit, funktionslose Geschlechtsorgane.Klinefelter-Syndrom; Gonosomenkombination XXY (zusätzliches X-Chromosom).
Merkmale: männlich ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale, aber die Betroffenen haben eunuchoide Züge mit hoher Stimme und geringem Bartwuchs.XYY-Typ; Gonosomenkombination XYY (zusätzliches Y-Chromosom).
Merkmale: männlich, keine phänotypischen Anomalien.
Das Fehlen bzw. die Überzähligkeit von Geschlechtschromosomen können durch Fehler in der Meiose verursacht werden (eigene Grafiken):
Bei der Befruchtung können solche anomalen Eizellen oder Spermien zu diversen untypischen Genotypen führen.
Trifft z. B. ein XY-Spermium auf eine XX-Eizelle, entsteht der XXXY-Genotyp. Trifft ein Y-Spermium auf eine Eizelle ohne Geschlechtschromosom (0), entsteht der nicht lebensfähige Genotyp Y0 - usw.
Hoffentlich interessant für euch, liebe Leser, aber lasst uns diese neuen Erkenntnisse mit dem Titel des Posts verknüpfen: Was bedeutet das für die Anzahl vorhandener biologischer Geschlechter?
Unabhängig vom Vorhandensein zahlreicher möglicher Gonosomenkombinationen könnte man sich bis hierhin an die Faustregel halten "Weist ein Individuum mindestens ein Y-Chromosom pro Zelle auf, handelt es sich um einen Mann, ist keines vorhanden, ist es eine Frau."
Bevor ich zeige, weshalb die Geschlechtsbestimmung dennoch nicht immer so einfach ist, zunächst ein kurzer Exkurs in die Geschlechtsentwicklung des Menschen:
Wie bewirken die Gonosomenkombinationen XY bzw. XX die Entwicklung zu Mann oder Frau?
Wie bewirken die Gonosomenkombinationen XY bzw. XX die Entwicklung zu Mann oder Frau?
Die Gonaden (Keimdrüsen: Hoden und Eierstöcke/Ovarien) sind im frühembryonalen Zustand noch nicht geschlechtlich differenziert (Urgonaden).
Das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom (XY-Typ, männlich) bewirkt die Produktion eines Botenstoffs (Hoden-determinierender Faktor), der die Urgonaden zur Bildung von Hodengewebe (männlichen Gonaden) anregt.
Fehlt das Y-Chromosom (XX-Typ, weiblich), so ist der Hoden-determinierende Faktor nicht vorhanden und die Urgonaden entwickeln sich automatisch zu Ovarien (weiblichen Gonaden).
Die im Falle des Mannes entstehenden Hoden produzieren das Hormon Testosteron, das in den Blutkreislauf gelangt, von den Rezeptoren seiner Zielzellen aufgenommen wird und dort für die Ausbildung weiterer primärer (Penis) und sekundärer (ab der Pubertät z. B. Bartwuchs, tiefere Stimme, verstärktes Muskelwachstum) männlicher Geschlechtsmerkmale sorgt.
Dabei kann es jedoch zu Störungen kommen:
Wie entstehen Hermaphrodite (Scheinzwitter)?
Wie entstehen Hermaphrodite (Scheinzwitter)?
Zum Androgeninsensitivitätssyndrom (AIS) kommt es durch Störungen nach der Befruchtung, wenn beim XY-Typ der Rezeptor (die Andockstelle) für das männliche Sexualhormon Testosteron aufgrund einer genetischen Mutation nicht funktionsfähig ist. Es werden dann zwar Testosteron-produzierende Hoden gebildet, aber das Hormon zeigt keine Wirkung im Körper, da es von den Zellen nicht aufgenommen werden kann. Ein vom Syndrom Betroffener hat dann zwar Hoden, wobei jedoch die übrigen Geschlechtsmerkmale und der Körperbau weiblich ausgeprägt sind.
Für die erbittert streitenden Verfechter nur zweier oder mehrerer Geschlechter wäre jetzt die spannende Frage, als was ein solcher Mensch eingeordnet werden sollte? Ich persönlich interessiere mich glücklicherweise mehr dafür, was es in der Natur so alles gibt, als für den ideologischen, in Politik und sozialen Netzwerken tobenden Geschlechterstreit. :-)
Es gibt aber noch ein weiteres Beispiel, das zeigt, wie komplex das Thema und wie schwierig, die im Titel gestellte Frage aus objektiver Sicht zu beantworten ist:
Wie entstehen menschliche Intersexe (Zwitter/Chimären/Mosaike)?
Wie entstehen menschliche Intersexe (Zwitter/Chimären/Mosaike)?
Beim Menschen sehr seltene Intersexe können sowohl männliche als auch weibliche Gonaden (Hoden und Ovarien) haben. Sie entstehen ...
- a) durch Doppelbefruchtung, wenn neben der Eizelle auch ein Polkörper (Richtungskörperchen) befruchtet wird. Bei Befruchtung der einen Zelle mit einem X-Spermium und der anderen Zelle mit einem Y-Spermium entstehen homozygote (XX) und heterozygote (XY) Zellen, was durch Zellteilungen zur gleichzeitigen Ausbildung von männlichen und weiblichen Körperzellen sowie Ovarien und Hoden führen kann.
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der Telophase II der Meiose, wobei die drei Polkörper normalerweise absterben. |
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b) wenn sich das mütterliche Erbgut vor der Befruchtung verdoppelt und dann mit X- und Y-Spermien fusioniert (Endoduplikation).
Während bei a) und b) ZWEI befruchtete Zellen fusionieren, was zu sogenannten Chimären führt, können - c) - durch Mutationen oder Chromosomenfehlverteilungen während der Zellteilung EINER einzelnen Zygote Mosaike entstehen. Ein Beispiel wäre ein XY/X0-Mosaik, bei dem in einigen Zelllinien das Y-Chromosom verloren ging.
In beiden Fällen ist es nicht leicht, zu entscheiden, ob solche Intersexe nun ein 'drittes Geschlecht' darstellen oder überhaupt keinem Geschlecht zuordenbar seien. Aber ist das überhaupt so wichtig? Interessant ist doch letztlich vor allem, dass es sie - wenn auch sehr selten - gibt, und zu wissen, warum!
In verbittert geführten (ja leider - meiner 'frevelhaften' Aussagen wegen wurde ich sogar blockiert) Diskussionen auf "X" wies man mich rüde darauf hin, in Intersexen überwöge stets eine Zellart (männlich oder weiblich), womit jeder Intersexe eben doch eindeutig einem Geschlecht zuordenbar sei.
Nun, erstens stört es mich nicht, wenn jemand unbedingt auf Biegen und Brechen an der Zwei-Geschlechter-These festhalten will (seine Sache; mir ist es nicht wichtig, darauf zu beharren, es gebe mehr als zwei Geschlechter) und zweitens ist es nach allen mir zur Verfügung stehenden Quellen eben nicht der Fall, dass stets zwingend eine Zellart überwiegen muss: Es gibt kein biologisches Gesetz, das verlangt, dass immer eine Linie "gewinnt". So betont beispielsweise die Publikation "46,XX/46,XY Chimerism & Human Sexual Development" von Jason W. Tate, Bruce F. O’Hara und Sainan Wei, dass "There is a large amount of phenotypic variability among 46,XX/46,XY chimeric individuals."
Andererseits müsste aber auch das Verhältnis männlicher zu weiblicher Zellen von exakt 50 zu 50 nicht unbedingt zu einem intersexuellen Phänotyp führen, da auch dann in bestimmten Geweben XX-Zellen, in anderen XY-Zellen überwiegen könnten. So verweisen Paul A James, Katherine Rose, David Francis und Fiona Norris im Artikel "High-level 46XX/46XY chimerism without clinical effect in a healthy multiparous female" auf eine Person, die trotz ausgeprägtem Chimärismus den Phänotyp einer gesunden Frau aufwies und zwei Töchter zur Welt brachte.
Wie viele Geschlechter gibt es also nun? Ich würde wohl sagen: Biologisch betrachtet ist die Antwort nicht "Zwei!" oder "Drei!", sondern: "Die Natur kennt ein Spektrum. Die meisten Menschen lassen sich klar als männlich oder weiblich einordnen, aber es gibt seltene, natürliche Varianten, die zeigen, dass Geschlecht kein binärer Schalter, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Genen, Hormonen und Entwicklung ist."
Welche Antworten gebt ihr?
Faszinierende Arten der Geschlechtsdetermination im Tierreich.
Faszinierende Arten der Geschlechtsdetermination im Tierreich.
Bei uns Menschen wird das Geschlecht, wie beschrieben, genotypisch determiniert, was auch für die meisten anderen Wirbeltiere gilt.
Interessanterweise sind übrigens (z. B.) bei Vögeln, einigen Reptilien, Fischen und Insekten die Männchen homozygot, ZZ, die Weibchen heterozygot (bzw. hemizygot), ZW.
Neben der genotypischen gibt es die modifikatorische (phänotypische) Geschlechtsdetermination, bei der das Geschlecht nicht durch den Genotyp, sondern Umweltfaktoren bestimmt wird. Ich begnüge mich an dieser Stelle mit drei Beispielen:
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Anemonenfische (auch Clownfische genannt) der Gattung Amphiprion werden als Männchen geboren, können sich jedoch in hohem Alter in Weibchen umwandeln. Der älteste Fisch einer Schar ist stets ein Weibchen, das mit mehreren Männchen zusammenlebt. Stirbt das Weibchen, wandelt sich das stärkste Männchen in ein Weibchen um.
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Beim 'Grünen Igelwurm' (Bonellia viridis) entwickeln sich aus befruchteten Eiern (Zygoten) geschlechtlich nicht festgelegte Larven (Jugendstadien). Nun gibt es zwei Möglichkeiten:
(a) Findet die Larve einen adulten weiblichen Wurm, setzt sie sich an dessen "Rüssel" (Prostomium) und metamorphosiert unter dem Einfluss des vom Prostomium abgegebenen grünen Porphyrin-Pigments Bonellin zu einem Männchen.
(b) Bleibt die Larve freilebend im Wasser, entwickelt sie sich wegen Fehlens des Bonellins zu einem Weibchen.