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Frank war sich des Nutzens seines versuchten Mordes an sich selbst vollkommen bewusst. Er hatte sogar da versagt. Selbst ein Idiot konnte sich selbst umbringen, nur er nicht. Etwas konnte er aber entgegenhalten. Diese Stimme. Diese laute, dröhnende fast höhnische Stimme. Sie war so plötzlich da, und er konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht ausschalten. Sie war
einfach nur in seinem Kopf und trotzdem irgendwie allgegenwärtig. Für ihn schien es nicht wichtig zu sein, was sie sprach, jedoch ging ihm eine Phrase nicht mehr aus dem Kopf. WIR sind hier, ihr auch....seid alle so klein, egal welche Hierarchie, wir haben euch durchschaut...dringen durch euch durch. Durch die Grossen und auch durch die Kleinen. Das Allerentscheidendste war für Frank aber nur ein einziger Satz. Wir werden euch beherrschen, es ist nur eine Frage der Zeit. Frank legte sich im Bett zurück, dass ihn viel zu viel an Gefängnis erinnerte. Hinten und vorne metallene Gitterstäbe, die ihn festhielten, obwohl er seitlich ohne Probleme aufstehen könnte, wenn er wollte. Er wollte aber nicht. Das Gefängnis bot ihm Halt. Vor allem davor, nicht wieder in diese Welt hinaus zu müssen. Nicht wieder von vorne anfangen zu müssen wie schon ungefähr ein Dutzend mal zuvor. Nicht schon wieder versagen zu müssen. Kein Rechtfertigen mehr vor irgendwelchen Freunden, die ihr Leben hatten. Die ihre Ehemänner und Frauen herzeigten wie Vorzeigemodelle. Die sich in mittleren Positionen von noname Firmen priesen, als wären sie der Chef persönlich. Denjenigen, die glaubten, dass ein Sektfrühstück das höchste der Gefühle sei. Denjenigen die ihre Frauen und Männer betrogen, nur um sich selbst zu beweisen. Ihrem schwächeren Gegenstück machte es nichts aus, zumindest nicht nach außen. Sie ertranken im Alkohohl. Unmittelbar musste er an Lukas denken, er war jetzt elf. War noch so verletzlich, so schnell persönlich angegriffen, genau wie er selbst damals, und vielleicht heute auch noch. Die Vorstellung, dass es ihm vielleicht auch mal so wie ihm gehen würde, schmerzte Frank sehr. Was seine Frau anbetraf, er machte sich kaum Gedanken darüber, sie hatte alle ihre Aufgaben mit perfekten Engagement erfüllt. Sie war gerade das Herzeigobjekt, dass sich viele von seinen Freunden gewünscht hätten. War immer da für ihn und die Kinder. Der Logik wegen hätte Frank Schuldgefühle bekommen müssen. Er tat es nicht, nicht einmal darüber, dass er keine Schuldgefühle in sich trug. Nein, sagte seine Stimme lautlos. Ich kenne meine Schuldgefühle, sie gehen nur darüber hinaus und ich kann sie nicht mehr zusammenhalten. Sie haben mich zu dieser Tat getrieben, und die Vorstellung darüber, dass ich unfähig bin irgendetwas zu Ende zu bringen. Vielleicht hätte ich mich schon umbringen sollen, als ich
noch rationell dazu in der Lage war. Frank lächelte bösartig. Er konnte sich seine Visage gut vorstellen. Seine Augen sind wahrscheinlich noch immer geschwollen von vielem Weinen, für dass er sich schämte und deshalb noch mehr weinte. Hin und wieder bewunderte er seinen eigenen starrsinnigen Gesichtsausdruck, der ihm sagte, dass er recht hatte. Er könnte gegen den Strom schwimmen. Der Ausdruck war ihm geblieben, und machte ihn zum Einzelgänger. Seine dunklen Haare waren sicherlich eine Korifee für jeden Kunststudenten, der darüber lernte wie sich Emotionen auf die Bilder von Künstlern auswirken konnten. Warum, verdammt noch mal musste er auch das Bewusstsein verlieren? Die Stimme, ja. Aber wieso
musste ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, konnte sie sich nicht einen besseren aussuchen, zum Beispiel später? Dann hätte sie ihn nicht genervt, und seine Pläne, auch wenn sie nicht sauber und diskret waren, nicht vereitelt. Es könnte auch die eigene Stimme gewesen sein, überlegte Frank. Immerhin kam es häufig vor, dass Personen die in prekären Situationen
standen ?halluzinaktive? Vorstellungen bekamen. Es würde also bedeuten, seine eigene innere Stimme hätte ihm Angst vor ihm selbst gemacht, und deshalb war er in Ohnmacht gefallen. Ja, er hatte Macht – über sich selbst. Es gefiel ihn für einen Moment, musste sich dann aber eingestehen, dass er diese Macht nicht kontrollieren konnte. Schade, dachte Frank
sinnierend. Immerhin könnte er damit direkt in die Arme einer Frau fallen. Es wäre wie ein Medikament, welches auch einen Haufen Nebenwirkungen hatte. In diesem Fall wäre es eine grauenhafte Stimme gewesen. Frank lächelte diesmal nicht, die
Vorstellung einer solchen ersten Begegnung wäre wirklich zu komisch. Sie wüde sagen: „Was hast du das erste mal gedacht, als du mich gesehen hast?“ Frank würde mit seiner Monsterstimme darauf antworten: „Wir herrschen über euch Erdenwürmer“ Sie würde sich umdrehen und gehen, die Kinder würde sie mitnehmen, für ihn einen Psychiater bestellen und sofort in ein anderes Land flie gen, um genug weg zu sein, falls er einmal explodieren sollte. Jetzt grinste er doch. Die Vorstellung Terrorist zu sein gefiel ihm zwar nicht, jedoch die Vorstellung anerkannt und gefürchtet zu sein. Seinen ganzen Freunden würde er die Meinung sagen, sogar ohne Waffe. Er wird so gefürchtet sein, dass seine bloße Präsenz schon ausreichte um Schrecken zu erzeugen. Er würde sich umbringen, genauso wie er es sowieso vorhatte. Zu diesem Zeitpunkt hätte er allerdings einen Grund. Vielleicht als Massenmörder, oder was sonst so populär in den Medien war. Er könnte sein Ende sogar vor den Medien inszenieren, Kameras die sich um ihn scharrten, keiner würde glauben, dass er diese Bombe wirklich hochjagen würde, und die Reporter, Journalisten und Schaulustigen mitreißen würde. Niemand würde glauben, dass er wirklich so weit gehen würde. Er, Frank Matris, der mit der verrückten Stimme, der immer schon ein Fall für den Psychiater war. Wir konnten nichts weiter feststellen, als dass sich Herr Matris nur schwer an das System anpassen konnte, würden sie sagen. Seine soziale Denkstruktur war ein wenig desillusioniert, ansonsten war er ein Mann mit all den Problemen die andere Leute auch haben, er war allerdings nicht in der Lage sie zu verarbeiten. Spitzenreporter würden sich ebenfalls als Profipsychologen auftun, und das nachplappern was einer der anderen Wichser schon von sich gegeben hatte. Ja, Frankyboy hatte nicht besonderes Vertrauen in die hiesige Konsumgesellschaft. Dass er sich zu diesem Thema übermäßig wichtig nahm, fiel ihm nicht überwiegend auf.
Inzwischen waren Myriaden von Rozaks unterwegs. Nach oben und nach unten. Die wenigsten nach unten. Ihr Ziel war die Spitze. Längst war Razeh, ihr Erzeuger ein Relikt aus vergessener Zeit. Inzwischen konnten sie sich selbst ohne weiteres reproduzieren, und er stellte sicherlich auch keine mehr her. Wahrscheinlich war er wieder mit seinen dummen Spielen beschäftigt, kleine naive Kreaturen zu erzeugen und danach abzuschlachten. Es war ihnen egal. Mit solchen Nebensächlichkeiten wollten sie sich nicht mehr länger befassen. Die Spitze musste angestrebt werden, unwichtig wie lange es dauerte. Verluste gab es keine, da sie niemand ernst nahm. Je höher sie strebten und kamen, desto mehr wuchs auch ihre
Entwicklung. Sie waren wie Insekten, die plötzlich auftauchten, jedoch nicht als Bedrohung wahrgenommen wurden. Die Rozaks entwickelten immer mehr technische Initiative. Sie strebten jetzt nicht nur mehr von einer Hierarchie zur nächsten aufwärts, sondern waren bereits in der Lage ihre Position durch Tunnel die durch Zeit und Raum führte, wesentlich zu
beschleunigen.
Kapitel 3
Das Schiff der Kzorgs flog lautlos durchs Weltall. Es war bereits an Milliarden von Asteroiden und konnte darauf verweisen, bei etlichen Planeten und einigen Sonnen vorbeigeglitten zu sein. Das Metall der dunkelgrüne Hülle reflektierte das Licht der zwei Sonne in das sie jetzt stießen. Es war das erste Doppelsternsystem in das sie bis jetzt kamen. Auch wenn die Kzorgs kein Interesse an Ästhetik hatten, beeindruckte sie dieser Umstand doch einigermaßen. Ein paar tausend Dutzend Kzorgs standen mit offenem Mund vor ihren Fenstern und ließen ohne Scham den Mund offen stehen, dabei entblößten sie gelbe, bissfeste
Reiß- und Mahlzähne. Für viele die nur so mitgeflogen waren, wurde es spätestens jetzt zum Abenteuer. Sie hatten einen Auftrag, andere Welten zu erobern, doch in so einem monumentalen Augenblick durfte man den Mund offen stehen lassen und Speichel laufen lassen. Die Höheren hatten es ihnen zwar verboten, irgendwelches unappetitliches Verhalten
an den Tag zu legen, aber hier standen selbst diese mit offenen Mäulern da und sabberten. Die Sensoren meldeten eine Sensation. Der dritte Planet der kleineren Sonne könnte Leben beherbergen. Zwar würde es einige Monate dauern bis sie dieses Ziel erreichen würden. Es war egal, ein Ziel war in Aussicht, und sie alle strebten dasselbe an.
- August 2007, Erde, 0957 –0100 MEZ
Das Krankenhaus „Wellness in Deutschland“ war bereits zu Franks zweiter Heimat geworden. Längst ging es ihm nicht mehr schlecht, doch aus irgendeinen Grund entließ man ihn nicht. Selbst mehrmaliges Nachfragen seinerseits erbrachte keine Antworten. Selbst das Putzpersonal wäre anscheinend dazu angehalten worden zu schweigen, falls medizinische
Berichte in ihre Hände gelangen würden. Die hübsche Krankenschwester hatte entweder Urlaub, oder bereits ihren Dienst quittiert, auf jeden Fall war sie nicht mehr anzutreffen. Frank war sehr enttäuscht, sie war immerhin der einzige Lichtblick den er hatte. Hier kam ihm alles immer mehr und mehr steril vor. Das weiß der Wände immer mehr weißer als weiß, und die
Keimfreiheit der Betten konnte wahrscheinlich nicht einmal mehr die NASA übertreffen. Statt der hübschen Krankenschwester war jetzt eine fünzigjährige, hässliche und Pickelübersäte an ihre Stelle geschritten. Ein Mauerblümchen und wahrscheinlich noch immer Jungfrau, dachte sich Frank. Sie hatte diese dunkelbraunen Pantoffel an, und jedes Mal wenn sie kam, hörte man sie schon weitem, daran war nicht nur Schuld, dass der Absatz aus einem ziemlich harten
Belag zu bestehen schien. Frank schätzte sie auf gut einhundertzwanzig Kilo, und bei der Vorstellung seines nächsten Einlaufs wurde ihm regelmäßig schlecht. Doch vieles, auch dieses, ließ sich leider nicht verhindern. Des öfteren wurde er bereits in die neurologische Abteilung überwiesen. Dort untersuchte man ihn, und schickte ihn kommentarlos wieder
zurück. Jede Frage wurde zurückgewiesen. Manchmal kam es Frank vor, als hätte er hier überhaupt keine Rechte mehr. In einer Hinsicht behandelte man ihn hier wie einen Gefangenen und gleichzeitig war man anscheinend auch bemüht ihn kein Haar zu krümmen, als ob er etwas Besonderes wäre. Vielleicht würde es genügen wenn er sagen würde, er wolle die hübsche Krankenschwester wieder, anstatt der hässlichen, alten und fetten Trutsche. Doch das traute er sich doch nicht. Immerhin wollte er es sich nicht verderben. Er hatte alles was er brauchte und draußen in der realen, nicht keimfreien Welt wartete nichts auf ihn. Sicherlich tat er gut daran hier zu bleiben. An das Essen konnte man sich gewöhnen, jedes Mal schmeckte es etwas weniger nach Plastik. Die Pickelfrau war ihm zwar nicht sympatisch, doch etwas Leid wollte Frank gern in Kauf nehmen um hier zu bleiben. Aus dem Nichts dröhnte die Stimme wieder, und bereitete ihm große Kopfschmerzen. Im Spiegel konnte er sehen, dass seine linke Schläfe zu pulsieren begann. Fasziniert beobachtete er das Schauspiel. Jede Sekunde hob sich die Haut leicht hervor und erschlaffte anschließend wieder, und entwickelte einen eigenartig bedrohlichen Rhythmus. Inzwischen war es nicht mehr nur eine Stimme sondern bereits Dutzende. Wir streben aufwärts, es hält uns nichts mehr auf. Wir sind stark, ihr schwach. Frank war sich längst nicht mehr sicher, ob es wirklich etwas mit seinem Phänomen beim Selbstmordversuch zu tun hatte, schließlich war es schon einige Monate her. Postpsychologisch wäre auch möglich gewesen, allerdings glaubte er nicht wirklich daran. Vielmehr, dass es etwas sein könnte, dass er auf der Neurologie sah. Etwas das grün und auffällig am Monitor aufschien, als er einen Blick zu den Anzeigen riskierte. Als er danach fragte, bekam er eine ähnliche Antwort, wie ‚es sei alles in Ordnung’. Frank musste sich damit zufrieden geben. Er wusste, dass die Ärzte ihm nichts sagen würden. Es musste allerdings sehr wichtig sein, denn irgendein ausländischer Arzt, englischsprachiger Herkunft, untersuchte ihn auch bereits. Dieser schüttelte nur den Kopf und meinte: „What the hell is that?“ Franks betreuender Arzt und er unterhielten sich danach in einem anderen Raum. Er wollte unbedingt wissen, was es zu bereden gab, konnte jedoch nicht aufstehen und lauschen, da ständig jemand vom Krankenhauspersonal anwesend war.
Zamen war von jeher von der Idee begeistert, dass ihn seine Kinder eines Tages sehen sollten. In seinem Universum sollten sie herumschwirren und ihm den Tag verschönern. Er würde sie mit der notwendigen mentalen und physischen Stärke ausstatten, sodass sie bei ihm nicht wahnsinnig werden würden. Die Menschen nennen sie Seelen, die Krzorgs Storrks. Die Manil hatten dafür keine Bezeichnung, den sie glaubten nicht an ein weiterleben nach dem Tode. Zamen gab ihnen die Fähigkeit zum Seelenleben trotzdem. Zwar war die Religion der verschiedenen Kulturen und Spezies ungleich kompliziert mit dem, das sie bei ihm vorfinden würden, jedoch hatte es für ihn einen gewissen Anreiz in Erfahrung zu bringen, welche Ideologien sich entwickelten. Menschen, die zu seiner Ehre riesige Monumente und Häuser schufen, sogar ganze riesige Bücher beschrieben, welche der absoluten Wahrheit entsprachen; zumindest ihrer Vorstellung der Wahrheit. Zamen schmunzelte jedes Mal, wenn er daran dachte, dass die Menschen nie wirklich verwundert darüber waren, dass es verschiedene Religionen gab. Jede für sich enthielt ein, oder mehrere Körnchen Wahrheit. Jede Einzelne bestand darauf, die einzig Richtige zu sein. Zwischenzeitlich gab es sogar Gesetze, welche den Staat von der Kirche durch genaue Statuten trennte. Kriege wurden für die Religion geführt. Zamen fand das etwas verwunderlich, doch er mischte sich nicht ein. Sein oberstes Gesetz für Rihal war, jede Entstehung, sei sie mental, oder physiologischen Ursprungs, es unberührt blühen zu lassen. Im Gegensatz zu den Menschen, waren die Kzorgs mehr oder weniger Naturvölker. Meistens lebten sie in Rudeln. Die enorme geistige Kapazität, die er bei einigen von ihnen wahrnahm, verwunderte ihn. Doch er ließ walten, denn sein Gesetz der Nichteinmischung wollte er nicht brechen. Immerhin wusste er selbst, dass einiges mutieren konnte, deshalb war es noch lang kein Problem – für ihn nicht, und ziemlich sicher auch nicht für Rihal. Momentan schwirrten Dutzende von Milliarden von diesen Seelen oder Storrks herum in Rihal. Zamen würde ihnen ein unmissverständliches Zeichen geben dem Licht zu folgen. Sie werden eine lange Reise auf sich nehmen, um dieses Licht wie Motten eine Lampe zu erreichen. Hier, bei ihm, gab es keine heißen Energiequellen wie Feuer oder Wärme von Glühbirnen, wo sie sich verbrennen könnten. Nur ihn und sein Universum. Es war genug Platz für alle. Für alle Ewigkeit – nun ja, so lang der Vorrat reicht. Darüber machte er sich nicht viel Gedanken; Rihal würde gar nicht so lange existieren, als dass bei ihm Platzmangel entstehen könnte. Zamen öffnete die Luke, und das Schauspiel hatte begonnen. Für ihn war sie so klein, dass er sie kaum sehen konnte. Knapp über der Luke, sowie über ganz Rihal gespannt, befand sich eine Abschirmung, damit nicht sein Universum in sein Spielzeug einfloss. Es hätte Katastrophale Auswirkungen gehabt. Schon bald würden die Wissenschaftler der verschieden Spezies sie entdecken. Möglicherweise stuften sie das neue Phänomen als erstes als eine Art ‚schwarzes Loch’ ein.
Keine Barriere war für die Razoks zu schwierig zu überwinden. Ein Streben nach aufwärts war im vollen Gange.