Hey Leute,
heute bringe ich euch etwas aus dem Bereich Realsatire mit. Für alle, die so wie ich die letzten Jahre im medialen Winterschlaf verbracht haben, hier eine kurze Zusammenfassung der Rahmenhandlung:
„Germany's next Topmodel“ (#GNTM2018) ist ein Sendemodell aus dem Bereich Scripted Reality, bei dem eine Schar von jungen Frauen antritt, um sich im Wettbewerb zu profilieren und das nächste Topmodel der Nation zu werden. Angeführt wird diese Serie von Heidi Klum, die ein gesamtes Imperium um ihre Person aufgebaut hat.
Als ich mich für Euch durch die erste Folge der 13. Staffel gequält habe, bin ich von einer Schockstarre in die nächste gefallen. Nicht nur, dass sich dieses Sendemodell in der 13. Wiederholung befindet, sondern auch welches Weltbild hier propagiert wird, ist eine steile Nummer. Aber jetzt ein fliegender Start in die Welt der „Models“.
Die Bewerbung
Die Kriterien sind knallhart. Jeder, der schon einmal versucht hat seinen Traumjob zu ergattern, weiß, wie schwer es sein kann, alle Anforderungen zu erfüllen. Was man da nicht alles braucht: Die richtige Ausbildung, Berufserfahrung, ein Bewerbungsschreiben, welches so klingen sollte, als würde man bereits drei Jahre für diese Firma arbeiten und bei der Vielfalt an Bewerbungsverfahren schlägt es einem doppelt ins Gesicht.
Doch für diesen Traumjob sieht die Welt etwas anders aus und folgende Stellenausschreibung wurde für GNTM2018 in der Tussizeitschrift deines Vertrauens veröffentlicht:
Du bist hübsch und bringst die folgenden Fähigkeiten mit:
Mürrisches geradeaus gucken?
Du bist im Kinderzirkus auf Stelzen aufgetreten und wolltest das zu deinem Traumberuf machen?
Du fängst nicht gleich an zu weinen, nur weil es an sensiblen Stellen zwickt?
Dann bewerbe dich jetzt unter dem Tag #GNTM2018.
Nachdem die Bewerbung dann mit den eigenen Schminkstiften aufs Papier gezirkelt und erfolgreich verschickt wurde, kann die Abgabe der eigenen Persönlichkeit beginnen.
Meeeedels
Zu Beginn handelte es sich noch um Frauen, Menschen mit vollen Rechten und Pflichten. Doch jetzt ist es vorbei. Sobald das rote Licht an der Kamera leuchtet gibt es nur noch Mädchen. Kleine Kinder, die auf hohen Schuhen laufen und in kleinste Kleidungsstücken, deren Preis sich umgekehrt proportional zur verarbeiteten Menge Stoff verhält, gezwängt werden. Die selbst ernannte Jury kennt da keine Grenzen. Wer zu alt ist, der ist raus! Bei argen Zweifeln wird zur Sicherheit noch einmal kurz nachgefragt:
Jury: Wie alt bist du?
„Mädchen“: 26
Jury: OK.
…
Abgelehnt!
Doch wer sich in der magischen Grenzzone um die 20 Jahre befindet, kann sich auswählen lassen, wie ein Schinken an der Fleischtheke.
Der Walk
Die Zuschauer
Doch wer jetzt glaubt, dass hier nur die Kandidatinnen diffamiert werden, der hat in der Schule nicht aufgepasst, als es um Medienkompetenz ging.
Bei der Betrachtung des durchschnittlichen Zuschauers mussten die Produzenten davon ausgehen, dass dieser nichts, aber auch wirklich gar nichts selber kann. So werden Untertitel bei Nichtmuttersprachlern eingefügt und wenn es jemand wagt englische Vokabeln zu nutzen, muss selbst das sprachliche Niveau eines Fünftklässlers übersetzt werden.
Schenkt man der verwendeten Sprache seine Aufmerksamkeit, ohne sich dabei von der mehr oder weniger dramatischen Musik, die im Grunde jede Entscheidung bereits im Vorfeld verrät, dem Schnipselgewitter der Kameraaufnahmen, den Slow Motion- oder Zeitraffereffekten oder anderen Nebenschauplätzen ablenken zu lassen, dann wird deutlich, welcher Nährwert am Ende für den Geist bleibt.
Wie du da gelaufen bist, wow.
Wie von einem anderen Stern.
Ja, wie von einem anderen Stern.
Wow.
Like from another star.
[Wie von einem anderen Stern]
…
Ich muss mal eben weg um meinen Kopf gegen irgendetwas Festes zu schlagen.
Mathe für Weggelaufene
Neben dieser mathematischen Expertise ist ein weiteres Kernelement von #GNTM2018 das wohl anerzogene Schönheitsideal. Schon den neugeborenen Mädchen wird ein rosa Glitzerbody angezogen und Barbie, Prinzessin Lillifee und Co. KG kümmern sich um die weitere Erziehung. Der Propagandaminister von Nordkorea würde vor Freude Tränen in den Augen haben, wenn er doch nur wüsste, wie gut diese gesamte Maschinerie der Unterhaltungsindustrie unsere Gesellschaft beeinflusst.
Die „Fette“
Die Zuschauer wollen ja etwas zu sehen bekommen. Deswegen lassen sich Außenseiter hervorragend dramatisch in Szene setzen. Da gibt es ein als Junge aufgewachsenes Mädchen, das heute ihren Traum lebt eine Frau zu sein. Vor dieser Person habe ich größten Respekt und da werdet ihr von mir auch nie ein böses Wort hören!
Da sich die durchschnittliche Kandidatin durch ihren geringen Körperfettanteil auszeichnet, muss für all die tapezierten Skelette noch ein Gegengewicht geschaffen werden. Dabei wird doppelt und dreifach betont, dass auch „dickere“ Models Erfolg haben können. Wer sich aber mal die folgende Normalverteilung genauer ansieht, findet schnell heraus, dass nur diese eine Kandidatin sich in der breiten Masse der Bevölkerung wiederfindet.
Beleuchten wir nach diesem Rundumschlag noch einmal kurz, was die übrig gebliebenen Kandidatinnen im weiteren Verlauf für Meilensteine erwartet:
In der nächsten Episode wird direkt mit einem Nacktshooting begonnen unabhängig davon, ob die Frauen eine Karriere als Aktmodell anstreben oder nicht. Überdies blüht ihnen eine umgreifende Veränderung ihres Äußeren, wie radikale Kurzhaarfrisuren oder das dauerhafte Färben der Haare. Die, die bei diesem Martyrium am längsten durchhalten, werden durch Knebelverträge „belohnt“, welche sie in ihrer persönlichen und künstlerischen Freiheit stark einschränken.
Wenn das nicht nach einer verheißungsvollen Zukunft klingt…
Was denkt ihr über dieses Thema, schreibt es mir als Kommentar unter diesen Blogeintrag oder trefft mich auf dem D-A-CH Discord.