Das die deutschen Politiker oftmals nicht alle beisammen haben ist nichts Neues.
Ich erfahre gerade am eigenen Leib, wie beschissen das ,,revolutionäre Pflegestärkungsgesetz" ist. Es hat sich ja soo viel zum Guten gewendet. Sorry, das sehe ich anders, belehrt mich gerne eines Besseren.
Statt vier Pflegestufen gibt es nun fünf Pflegegrade. Das soll gewährleisten, dass wirklich jeder Leistungen der Pflegekassen beziehen kann, der länger als sechs Monate täglich Unterstützung braucht. Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme, Mobilität, Hygiene und Alltagsbewältigung.
Die einzelnen Leistungen wurden angehoben, die ,,Einstufungskriterien" entschärft, die Pflegeheime wurden mit mehr Fachpersonal ,,gestärkt" und pflegende Angehörigen erfahren eine Entlastung im Pflegealltag.
All diesen Mist habe ich wirklich geglaubt, bis meine Oma an der Demenz erkrankte.
Als meine Oma noch klar im Kopf war, organisierten wir die Pflegestufe. Der MDK (medizinische Dienst der Krankenkasse) kam zu Besuch und verfasste ein Gutachten für die Pflegekasse.
,,Die Bewilligung des Pflegegrades 4." Wow. Die Freude war groß.
Zu diesem Zeitpunkt war eine Tagespflege, Kurzzeitpflege, stationäre Pflege oder 24 Stunden Pflegekraft kein Thema. Wir konnten Oma noch alleine lassen und mein Vater übernahm die ,,Pflege". Er kochte Oma etwas zu essen oder begleitete sie auf die Toilette, wenn die Beine mal schwerer waren. Die Nächte waren ruhig und Oma schlief durch.
Nun kann Oma kaum noch alleine essen, Gabel und Messer erkennt sie nicht mehr, sie isst mit den Fingern. Sie verschluckt sich ständig beim Trinken, kann feste Nahrung nicht mehr richtig schlucken. Sie kann kaum noch alleine laufen, der Toilettengang geht lange nicht mehr alleine. Sie ist verwirrt, erkennt uns kaum noch. Nachts schreit Oma immer wieder nach ihrer Mutter, sie will nach Hause zu ihrer Mama, packt ihre Taschen, ist untriebig.
,,Du bist doch auch nur eine Schlampe."
Merci, Cherie! So etwas von seiner Oma zu hören tut weh, auch wenn man weiß, dass es die Demenz ist.
Die Pflege wurde anstrengender. Mein Vater und meine Tante teilten sich diese auf. Ob gerecht oder nicht steht auf einem anderen Blatt Papier. Wir haben zwei polnische Damen, die auf Oma aufpassen, wenn mein Vater zur Arbeit ist. Kommt er wieder, gehen die Beiden. Oftmals sitzt er abends noch mit Hemd und Krawatte an Omas Seite. Sie alleine zu lassen, ist nicht mehr möglich.
Das Ergebnis:
Meine Tante ist am vorherigen Wochenende zusammengebrochen und mein Vater ist ein Schatten seiner selbst. Dazu muss gesagt sein, dass mein Vater eine 90%ige Schwerbehinderung hat und eigentlich gar nicht im Stande ist, die körperliche Arbeit zu leisten. 48 Stunden wach sein? Standard. Der Schlafentzug sorgt für einen aggressiven Umgangston.
Doch was haben wir für Alternativen?
Wir bekommen im Monat ca. 1400€ Pflegegeld für Oma. Davon bezahlen wir alle Pflegehilfsmittel, Medikamente und die Betreuung. Was bleibt übrig? Nichts! Wenn mein Vater am Wochenende bei seiner Freundin übernachten möchte, muss er die Betreuung aus eigener Tasche bezahlen.
Die Beiden brauchen dringend Urlaub. Mindestens 7 Tage. Bei einer Kurzzeitpflege würden wir Oma für die Zeit in ein Pflegeheim geben. Das wird uns natürlich auf das Pflegegeld berechnet und das was übrig bleibt, müssen wir aus eigener Tasche zahlen. In ein Hemd ohne Taschen kannst du schlecht greifen, Vater Staat.
Die Verhinderungspflege wird uns angerechnet, wenn Beide zeitgleich fehlen. Bleibt einer von Beiden zu Hause nicht. Doch sagt mir wie soll eine Person alleine das schaffen? Körperlich? Psychisch?
Mehr Fachkräfte in Pflegeheimen?
Hier in Kiel leider nicht. Ich besuche viele Heime und sehe überall das selbe Bild. Diese Pflegekräfte rennen hektisch über die Flure. 1 Pflegekraft für 30 Bewohner!! Essen, Toilettengang, persönliche Gespräche, Duschen, Lagerungswechsel und Inkontinenzeinlagen wechseln? Dann auch noch darauf achten, dass der Dauerkatheter nicht überläuft und der Patient nicht wegläuft? Wie soll das gehen?
Was ist das Pflegestärkungsgesetz für mich?
Ein Witz! Verarschung! Es bedeutet sich seine eigene Freizeit erkaufen zu müssen.
Es bedeutet, dass ich im Endeffekt jetzt schon sparen kann, wenn ich will, dass es meinem Vater irgendwann einmal gut geht. Wenn ich will, dass meine Eltern gut versorgt werden! Das sie in Würde leben und sterben können, muss ich mit meinen eigenen Händen erarbeiten. Aber was ist denn mit meinen Lebenshaltungskosten, die stetig steigen? Die fallen doch auch noch an.
Und dann diskutiert man im Bundestag doch tatsächlich seit mehreren Wochen über Baukindergeld und seit ewigen Zeiten ebenso über Flüchtlingspolitik. Man schiebt Probleme vor sich hin, Monate über Monate.
Bin ich die Einzige, die sich im Stich gelassen fühlt? Die Angst vor der Zukunft hat?
Ihr merkt meine Wut. Ich sehe jeden Tag wie meine Familie an der Pflege zu Grunde geht. Körperlich und psychisch und kann nicht helfen! Denn woher soll ich junges Ding, das Geld nehmen? Ich bin nicht mit einem goldenen Löffeln im Mund geboren worden und das finde ich auch gut so. Doch diese Politik zielt darauf ab, sich seine Würde erkaufen zu müssen. Seine Gesundheit, sein Dasein und das macht mich unglaublich wütend.
Wie seht ihr das? Bin ich alleine mit dieser Meinung? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, in der Pflege eurer Angehörigen?
Lasst mir doch ein Kommentar da. Vielleicht habt ihr noch einen Weg, eine Lösung, einen Rat.