Heute wage ich mich mal an ein sehr schwieriges und emotionales Thema: Sicher habt ihr schon (besonders aus rechten Kreisen) öfter die Forderung nach einer Todesstrafe für "Kinderschänder" (*) gehört/gelesen. Und auf den ersten Blick klingt dies vielleicht auch durchaus nachvollziehbar. Wenn jemand für Kindesmissbrauch nur eine kurze Haftstrafe bekommt, die evtl sogar zur Bewährung ausgesetzt wird, dann ist das oft schwer verständlich. (Dazu aber auch dieser Artikel von heute Morgen). Im Folgenden werde ich erörtern, warum ich eine Todesstrafe aber für falsch halte.
Rechtliches
Das deutsche Grundgesetz würde eine Todesstrafe gar nicht zulassen. Das folgt ausdrücklich aus Art. 102 GG: "Die Todesstrafe ist abgeschafft.". Diesen Artikel könnte man zwar ändern, jedoch kann man auch mit dem nicht änderbaren Grundrecht auf Menschenwürde argumentieren, dass eine Todesstrafe in Deutschland rechtlich nicht möglich wäre.
(Wie die rechtliche Lage z.B. in Österreich ist, kann ich leider nicht sagen. Ich nehme aber an, dass es vergleichbar sein wird.)
Todesstrafe - in Deutschland rechtlich nicht zulässig (Foto: Pixabay)
Folgen einer Todesstrafe für "Kinderschänder"
Dennoch wollen wir nun die möglichen Folgen einer Todesstrafe betrachten:
Allgemeine Argumente gegen die Todesstrafe
Was generell gegen die Todesstrafe spricht, dürfte auf der Hand liegen. Daher nur kurz:
- Es passiert leider immer wieder, dass jemand unschuldig verurteilt wird. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es selten, nicht einmal bei einem Geständnis. Wenn die Todesstrafe vollzogen ist, lässt sie sich aber nicht mehr umkehren, wenn sich nachträglich doch die Unschuld herausstellt.
- Jeder Mensch sollte zumindest theoretisch das Recht haben, sich zu ändern. Nach vielen Jahren im Gefängnis ist durchaus möglich, dass man ein anderer Mensch ist. Diese Chance wird einem durch die Todesstrafe genommen.
- ...
Weniger Anzeigen von Fällen des Kindesmissbrauch
Speziell in Fällen des sexuellen Missbrauchs sind die Täter in den meisten Fällen nahe Angehörige des Opfers. Insofern ist die Hemmschwelle einer Anzeige ohnehin schon recht hoch. Im Falle einer Todesstrafe würde das dazu führen, dass viele Opfer (bzw. Familienangehörige, die von der Tat erfahren) den Täter nicht anzeigen, weil sie nicht wollen, dass dieser von staatlicher Seite getötet wird.
Das mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen: Wer hat mit einem solchen Täter noch Mitleid?
Aber wenn der Täter z.B. der Vater, ein Onkel (oder Mutter oder Tante) oder sogar ein Geschwisterteil ist, ist es schon nachvollziebar, dass die betroffenen Personen nicht wollen, dass diese sehr nahe stehenden Person hingerichtet wird.
Das wiederum birgt aber die Gefahr, dass die Täter (mit anderen Opfern) weiter machen.
Mehr Tötungen von Opfern
Auch dieser Punkt ist eigentlich einleuchtend, auch wenn ihn viele nicht auf dem Schirm haben.
Spätestens, wenn die Täter befürchten, dass die Tat aufgedeckt wird, besteht die Gefahr, dass sie das Opfer töten. Denn:
- das Opfer ist regelmäßig der einzige Zeuge der Tat.
- die Täter haben nichts mehr zu verlieren. Mehr als Todesstrafe ist nicht möglich.
Daher sollte zwischen der Strafandrohung von Mord und allen anderen Delikte immer ein gewisser Abstand bleiben. Das gilt besonders hier.
Weniger Kindesmissbrauch?
Führen härtere Strafen zu weniger Taten? Auf den ersten Blick klingt das logisch, aber die abschreckende Wirkung von härteren Strafen wird häufig überschätzt:
- Täter gehen regelmäßig davon aus, dass sie nicht erwischt werden. Dann ist aber die konkrete Strafandrohung egal. Abschreckender wäre daher eine höhere Aufklärungsquote.
- Man kann durchaus über Strafverschärfungen in diesem Bereich nachdenken, aber ganz so mild, wie viele meinen, sind die Strafen für sexuellen Missbrauch von Kindern auch nicht. (Ich war mal bei einer Verhandlung, in der es um eine solche Tat ging. Ein Ehepaar hatte Sex mit einer 13-Jährigen. Viele, die den Zeitungsbericht gelesen haben, waren wohl entsetzt: nur 1 Jahr und 3 Monate auf Bewährung für die Vergewaltigung eines Kindes?! Die Umstände des Falles waren aber nicht abgedruckt: Das Mädchen selbst ging an das Ehepaar heran und wollte mit ihnen Sex haben. Selbstverständlich ist das zu Recht strafbar, hier aber in der Höhe nicht zu mild. Und auch die Bewährung macht Sinn: es ist nicht zu erwarten, dass so etwas wieder passiert.)
Wie sich aus dem ganz oben verlinkten Artikel ergibt, gibt es bei schwerem sexuellen Missbrauch eine Mindeststrafe von 2 Jahren (bis zu 15 Jahre), weswegen eine Bewährung nicht in Betracht kommt. Diese Täter kommen also ins Gefängnis und haben es dort auch besonders schwer, wenn die anderen Gefangenen von der Tat erfahren.
Auch die aktuellen Strafen haben also durchaus schon abschreckende Wirkung. - Besonders im Bereich der Sexualstraftaten ist diese aber wahrscheinlich (unabhängig von der Höhe der Strafe) nicht so groß wie in anderen Bereichen.
Oder um es kurz zu sagen: Nein, ich denke nicht, dass ein potentieller Missbrauch dadurch verhindert werden kann. Ich halte es nicht für sehr realitätsnah, dass im Bereich der Sexualstraftaten ein Täter auf die angedrohte Strafe sieht, es mit seinen "Bedürfnissen" abwägt und dann zum Schluss kommt, dass es sich nicht lohnt.
Fazit
Eine solche Forderung ist auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar. Diese Taten sind schrecklich und es ist absolut naheliegend, dass man dem Täter alles erdenklich Schlechte wünscht. Insofern ist es absolut verständlich, dass ein großes Verlangen nach Vergeltung besteht. Für die Opfer wäre eine solche Todesstrafe aber nicht förderlich, sondern sogar eher gefährlich.
Um meine Meinung also mal sehr deutlich auszudrücken:
Wer Forderungen nach einer Todesstrafe für "Kinderschänder" stellt hat entweder die Konsequenzen nicht durchdacht oder ihm ist die Befriedigung des eigenen Racheverlangens wichtiger als die Opfer.
Wie kann man diesen Taten denn dann begegnen?
Das ist natürlich nicht einfach.
Zum einen könnte man die Aufklärungsquote dadurch erhöhen, dass die Polizei sich z.B. statt der Verfolgung von harmlosen Kiffern um die wirklichen Straftaten kümmert. Im häuslichen Bereich, in denen der Kindesmissbrauch meist auftritt, ist das aber kaum möglich.
Spontan fällt mir daher nur Prävention ein. Diese kann zum einen beim Opfer selbst ansetzen, vor allem aber beim Täter. Die meisten Pädophile wollen nämlich gar nicht zu Tätern werden. (Daher der passende Name "Kein Täter werden" eines bekannten Präventionsprogramms.)
Ich hoffe, ich habe euch mit diesem extrem schwierigen und Thema nicht überfordert. Weil es sehr emotional ist, ist es oft schwierig, sachlich darüber zu diskutieren. Das habe ich schon öfter in Diskussionen (z.B. auf Facebook) erlebt. Trotzdem die Frage an euch: Wie sehr ihr das?
(*) Das Wort "Kinderschänder" selbst halte ich für sehr problematisch und verwende es daher nur in Anführungszeichen. Darin mag man vielleicht "political correctness" oder ähnliches sehen. Ich finde es aber nicht nur wegen des geschichtlichen Hintergrunds, sondern auch wegen der Bedeutung des Wortes falsch. Es legt nämlich nahe, dass der Täter mit seiner Tat dem Opfer eine Schande bereitet. Die Tat ist jedoch nicht für das Opfer, sondern für den Täter eine Schande. Eine solche Schuldzuweisung an das Opfer ist deshalb natürlich Unsinn, auch wenn sie früher (und leider auch noch heute, zumindest unterschwellig) weit verbreitet ist. Sie führt auch dazu, dass sich viele Opfer schämen und die Tat daher nicht anzeigen.
(Hier mein Vorstellungspost.)