Eigentlich habe ich ja die Nase voll von dem Thema. Und was soll man schon zu Chemnitz schreiben, außer Kopf → Tisch.
Aber jetzt ist etwas fast in Steinwurfreichweite von mir passiert, und da der Fall auch recht ungewöhnlich ist, doch ein paar Worte von mir.
Was ist denn nun eigentlich in Köthen passiert?
Ein junger Mann, der schwer herzkrank war, ist während eines hochemotionalen Streites an Herzversagen gestorben. Es ging um die Frage, wer der Vater eines Kindes wäre.
Normalerweise hätte das als Kuriosität gerade mal einen 10-Zeiler in der Seitenspalte eingebracht. Die BILD hätte vielleicht noch in üblicher Manier einen schlechten Witz draus gemacht: Hätte er sich nicht so aufgeregt! Dann hätte er nach der Geburt nachschauen können!
Doch es waren ja neben den beiden Deutschen auch Ausländer involviert. Daher:
Alles geht nur darum, dass ein Afghane beteiligt war.
Der Bruder des Verstorbenen ist übrigens ein bekannter Rechtsextremer. Vielleicht war der Herzpatient von gleicher politischer Richtung und daher besonders aufgeregt, als sein Nebenbuhler sich als Ausländer herausstellte. Das wäre dann: Hass tötet, manchmal einen selbst.
Jetzt haben sich die Rechtsextremen natürlich wieder an diesem Fall aufgegeilt. Nach einem Video auf Twitter kam dabei auch wieder der Spruch von den Wölfen und Schafen.
Video für die mit gutem Magen.
Ob der Thügida-Chef das wohl vom Geschichtslehrer Höcke plagiiert hat, oder gleich von Goebbels?
Von wem geht hier eigentlich eine Gefahr aus? Vielleicht ist die Wolfsgefahr doch größer als gedacht?
Aber der Afghane hat doch den Deutschen zu Boden geschubst! Höre ich sie schon sagen.
Ja, das stimmt. Das dürfte relativ normal sein bei einem akuten Vaterschaftsstreit, auch bei Deutschen. Und ob das schubsten jetzt Angriff oder Verteidigung war: die Verletzungen davon haben nichts mit dem Herzversagen zu tun.
Es ist also nicht mal ein Totschlag, geschweige denn ein Mord. Aber aus einer Körperverletzung kann man nur schlecht einen „Rassenkrieg“ konstruieren.
Überhaupt Gefahr: Die Wahrscheinlichkeit, von einem betrunkenen und zu schnell fahrenden deutschen Autofahrer getötet zu werden, ist ungefähr hundert Mal größer als die, als Deutscher von einem Ausländer ermordet zu werden.
Dennoch habe ich noch keinen wutschnaubenden Mob „besorgter Bürger“ gesehen, die „Autofahrer raus!“ schreiend durch die Straßen ziehen. Auch eine stärkere Alkohol- und Tempokontrolle stößt bei den um ihre fahrerische Freiheit besorgten Bürgern eher auf „Widerstand! Widerstand!“
Ein chinesische Sprichwort sagt: Bevor du ausziehst um die Welt zu verbessern, gehe drei Mal durch dein eigenes Haus.
Aber chinesische Weisheit dürfte bei Thügida auch eher unbeliebt sein.