Zu Leroys seligen Kinderzeiten aufm Dorf, unter dem Regiment der ebenfalls bereits seligen Kanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl, da gab es noch keine Homecomputer, jedenfalls keine brauchbaren oder bezahlbaren. Geschweige denn Internet.
Selbst die Glotze ging erst gegen 16 Uhr los, vorher gab es Testbild. Natürlich gab es auch nur drei Programme. ARD, ZDF und den Hessischen Rundfunk. Fernseher einschalten vor der Sesamstraße war sowieso verboten, das galt als asig.
A propos Asis. Im ganzen Kaff gab es nur eine Hartzer-Familie. Früher hieß das Sozialhilfe. Die wohnten in der im Volksmund so benannten "Villa Wutz". Dort residierte die Mutter der Sippe, deren Aussehen nicht zufällig als Namensgeber für die Behausung diente, mit ihren fünf Kindern. Die aßen immer teures TK-Zeug und Süßigkeiten. Klar, auf dem Dorf wussten alle ganz genau, was wer einkauft. Damals war es noch verpönt, von der Stütze zu leben. Gehörte sich einfach nicht.
Jedenfalls gab es die ganzen Ablenkungen von heute nicht. Man konnte nicht einfach zocken oder gamen oder Youtube schauen oder die Glotze anmachen. Man musste sich die Zeit analog vertreiben, wenn man nix zu tun hatte.
In diesem Sachgebiet war die Dorfbevölkerung den Städtern voraus. Die Alten hingen ab nach "Middaach" den ganzen Tag auf den Bänken vor dem Rathaus rum und quatschten Blödsinn, waren aber quietschfidel, dass sie ihren Frauen entkommen waren. Die Frauen wiederum quatschen den ganzen Tag im Kittel mit ihren Nachbarinnen.
Morgen uns abends hingegen schaute man aus dem Fenster, mit allen Extras wie Kisschen für die Ellenbogen und einem Körbchen für den Pudel, der daneben gestellt wurde und so auch mitschauen konnte. Man schaute aus dem Fenster, obwohl ja gar nix passierte, außer dass einer der bereits bekannten Rotzbengel, z.B. Leroy, mit seinem Kumpel Schorsch mit dem Fahrrad vorbeifuhr. Und das war sicher eines der Highlights.
Heute früh beim Marsch zur Arbeit habe ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder einen Mann gesehen, der auf einem Kisschen gelehnt zum Fenster rausschaute, und das mitten in Berlin. Ich war begeistert!
Ihr kennt den Leroy nicht. Zur Info: Er ist schmerzfrei. Also stehengeblieben und den Typen angeglotzt. Klarer Fall - versoffener Hartzer beim Durchziehen der Stütze in die Lunge. Dann gefragt, warum er aus dem Fenster guckt, und dass ich das schon lange nicht mehr gesehen habe. Sowas kann man in Berlin übrigens machen - die Urberliner kann man jederzeit dumm anquatschen. Eine schnoddrige Antwort bekommt man immer.
"Nee", sagt er, "is nur weil die Alte mir nich mehr inne Stube roochen lasst."
War also kein klassischer Fenstergucker. Nur einer, der ganz profan unter dem Pantoffel steht und zu faul war, um rauszugehen zum Qualmen der Aldi-Kippen. Mir wurde trotzdem warm ums Herz, allein schon für den Film, der paar Minuten noch danach bei mir im Kopf lief.