Calvinisten? Das sind doch die, welche reich werden wollen um in den Himmel zu kommen! Oder etwa doch nicht? Auch wenn im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums alle Welt die Augen auf Wittenberg und Luther richtet, möchte ich heute einmal mit einem modernen Mythos aufräumen, der den Calvinismus betrifft. Obgleich Max Weber, der Begründer der Soziologie, in seinem Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ sehr differenziert vorgeht, so ist er wohl die Quelle vieler Missverständnisse bezüglich des Calvinismus. Weber kann man hier wohl kaum die Verantwortung geben, da er als Soziologe natürlich mehr an der Volksfrömmigkeit interessiert ist als an den tatsächlichen Lehren des theologischen Systems des Calvinismus. Allerdings scheint jedoch Webers Buch für einige Verwirrung unter den deutschen Intellektuellen geführt zu haben. Denn es hält sich seither hartnäckig unter den Gebildeten die Idee, dass der Calvinismus besage, ein Christ könne nur anhand seines Fleißes und weltlichen Wohlstands erkennen, dass er von Gott für das ewige Leben erwählt sei. Demnach seien Calvinisten eifrig bei ihrer Arbeit und pflegten einen asketischen Lebensstil, immer in der Angst sonst in der Hölle zu landen.
Was ist eigentlich Calvinismus?
Zunächst einmal, was stimmt: Der Reformator Johannes Calvin lehrte gemäß der Bibel tatsächlich, dass Gott vor Beginn der Welt manche Menschen für das ewige Leben erwählt und andere für die Verdammnis verworfen hat. Ja, eine calvinistische Arbeitsethik sollte wie jede andere genuin christliche Arbeitsmoral in der Regel zu mehr Wohlstand als zur Verarmung führen. Das Christentum lehrt Fleiß, Ehrlichkeit und die eigenen Talente schlau zu investieren. Eigentumsschutz, Herrschaft des Rechts und ein minimaler Staat sind auch christliche Ideale. Nicht ohne Grund gedeihten marktwirtschaftliche Prinzipien ursprünglich gerade in Ländern christlicher Prägung und führten dort zu Wohlstand. Aber sicherlich muss man zwischen dem idealtypischen und den letztendlich gelebten Glauben unterscheiden. Um Calvinismus zu verstehen und ihm nicht intellektuell Unrecht zu tun, müssen wir uns die offiziellen Glaubensaussagen anschauen und nicht irgendwelche selbst- oder sogar auch fremdbezeichneten Vertreter, die möglicherweise selbst in ihrem Verständnis falsch liegen.
Gemeinhin werden im Zusammenhang vom Calvinismus einige Kernthesen genannt, die sogenannten 5 Punkte. Diese stammen zwar viel mehr aus der Dordrechter Synode von 1619 und sind in Abgrenzung zu einer aufkommenden häretischen Gruppe, den Remonstranten, formuliert worden, wurden aber auch vom Namenspatron Calvin vertreten und haben ihren Ursprung in der Bibel:
- Der Mensch ist durch seine sündige Art total korrupt und verdorben und kann aus sich heraus nicht gemäß Gottes moralischem Willen leben und möchte es auch nicht.
- Gott erwählt aus absolut freier Entscheidung Menschen, die Er aus Sünde und Gericht erretten möchte.
- Jesu stellvertretendes Sterben am Kreuz ist zu diesem Zweck vollkommen ausreichend, gilt aber eben nur für diese Erwählten.
- Wen Gott erwählt hat, den wird Er durch Seinen Heiligen Geist auch zu seinem vorherbestimmten Ziel führen. Der menschliche Wille wird von Gott zwar nicht ausgeschaltet oder umgangen, aber ist Gottes Wirken untergeordnet und wird von Ihm kontrolliert.
- Demnach werden alle echten Christen auch zeitlebens nicht mehr aus dieser gnädigen Auswahl Gottes fallen, weil Jesu Kreuzesopfer ihre Sünden sühnt und der Heilige Geist die Herzen der gläubig Gewordenen erleuchtet
Webers Erklärungsversuch
Unabhängig davon, ob Webers Analyse der protestantischen Volksfrömmigkeit korrekt ist oder nicht, so bietet er eine Erklärung, warum viele Protestanten wohl in ihrem beruflichen Erfolg die Eintrittskarte zum Himmel gesucht haben. Leider hielt dieser bloße Erklärungsversuch später als Bedeutung für das Wort Calvinismus Einzug in die Allgemeinbildung. Webers These zu den Calvinisten, in Abgrenzung zu den Lutheranern auch „Reformierte“ genannt, ist nun Folgende: Im Gegensatz zu Calvin selbst, glaubten später viele reformierte Christen, dass Zweifel an der eigenen Erwählung durch Gott ein Problem für das eigene Seelenheil darstellt und man daher nur wirklich erwählt sei, wenn man dies auch voller Selbstbewusstsein glaubt. Selbst zeitweiliges Zweifeln zeige demnach nur, dass man gar nicht wirklich erwählt sei und somit tatsächlich zu den Verlorenen zähle. Hier nahm aber die innere subjektive Sicherheit die Stelle der objektiven äußeren Sicherheit der eigenen Errettung ein. Weltlicher Erfolg wurde somit schnell zum Gradmesser der eigenen subjektiven Sicherheit und somit Maßstab und Schlüssel des Heils selbst. Hier zeigt sich aber bereits die ganze Perversion dieser Idee. Denn tatsächliche biblische Lehre, welche in der Reformationszeit wieder hochgehalten wurde, besagt ja, dass man Zugang zum Heil nur durch Glauben erlangt – ja viel mehr, dass sich das schon von Gott beschlossene Heil darin äußert, dass man als erwählter Christ zum Glauben überhaupt fähig ist. Der Glauben an Gottes Erlösungswerk ist der Beweis für das eigene Teilhaben an dieser Errettung, die aus Gottes Gnadenwahl als Geschenk zu uns kommt und aufgrund unserer Korruptheit sowieso nicht vom Menschen erwirkt oder verdient werden kann. Diese Lehre steht im krassen Gegensatz zu der von Webers erwähnten Pseudo-Reformierten, die sich meinten eine Sicherheit durch weltliche Arbeitsleistung aufbauen zu können. Wer im Laufe seines Christseins diese Schlussfolgerungen zieht, hat das Evangelium offensichtlich niemals richtig gekannt oder verstanden.
Das Evangelium, eine Botschaft die frei macht
Das Evangelium verspricht frei zu machen. Demnach ist es eine interessante Message für jeden Freiheitssuchenden. Evangelium ist das latinisierte griechische Wort für eine gute Nachricht. Es ist eine Nachricht, die nicht Angst um das eigene Seelenheil produziert, sondern den Adressaten dieser Information freimacht. So sagt schon Jesus selbst im Johannes-EvangeliumKapitel 8 Vers 36: „Wenn euch nun der Sohn freimachen wird, so seid ihr wirklich frei.“ In diesem Kontext macht Jesus einer Gruppe Juden klar, dass sie tatsächlich nicht frei sind, da sie nicht einmal den Geboten ihrer eigenen Religion folgen können. Jesus nimmt hier Bezug auf den oben genannten 1. Punkt, der besagt, dass Menschen von Grund auf sündig veranlagt sind. Der Mensch, der von Jesus nicht freigemacht wurde, ist nicht fähig außerhalb seiner sündigen Natur zu handeln. Der Mensch ist also von Natur aus niemals komplett frei von seinen eigenen unmoralischen Regungen und Ideen und wird daher auch niemals dazu frei sein, ein Leben nach Gottes moralischen Standard zu führen. Er ist gefangen in einer latenten, bitteren Erwartung von Gottes finaler Abrechnung im Weltengericht. Wenn er es nicht schon bereits erfolgreich abzutöten und zu unterdrücken gelernt hat, plagt ihn sein Gewissen als ständige Erinnerung an das Unheil, auf das er zuläuft. Wen aber der Sohn freimacht, wer der Botschaft dieser guten Nachricht des Evangeliums glaubt, der entgeht dem Leben in Angst und Schrecken und erkennt, dass er von Gott zum ewigen Leben gemäß dem oben genannten 2. Punkt erwählt wurde. Auch ein späteres aus Angst und nicht aus Dankbarkeit getriebenes Eifern um gute Werke und beruflichen Erfolg entspringt nur einer Unkenntnis der in Punkt 3 erwähnten Tatsache der stellvertretenden Bezahlung Jesu für alle vergangenen und zukünftigen Sünden. Existenzielle Angst und emotionale Unfreiheit plagt den Christen nur, wenn er sich den Punkten 4 und 5 nicht bewusst ist. Es ist Gott, der sich um das Heil des Christen kümmert und dies auch in Zukunft zum vollkommenen Erfolg führt. Im Evangelium eine Lizenz zum Sündigen zu sehen, unterschlägt auch diese essentielle Tatsache, dass Gott im Herzen des Christen wirkt und Gott sicherlich kein Handlanger der Sünde ist. Man sieht also: Die genannten 5 Punkte sind ein in sich geschlossenes System, was es nur als Gesamtpaket gibt. Ein Punkt folgt aus dem anderen. Lässt man jedoch einen Punkt weg, dann kommt es zu Problemen. Christen die sich anhand des Moralgesetzes zu beweisen versuchen, verkennen Punkt 1 und dass sie hoffnungslos verloren sind, wenn sie auf sich alleine gestellt sind. Gott hat das Gesetz dem Menschen zwar auch als moralischen Standard gegeben, in erster Linie soll der Mensch darin aber seine hoffnungslose Situation bezüglich Punkt 1 erkennen und dass es nur Gott allein ist, der ihn nach den anderen 4 Punkten aus dieser unfreien Lage heraushelfen kann. Das Evangelium befähigt den Menschen frei von Angst vor der Strafe für seine Vergehen nun in Dankbarkeit für seine Vergebung Jesus nachzufolgen.
Hast Du gewusst, was Calvinisten glauben? Oder hast Du noch weitergehende Fragen oder Kritik anzubringen? Dann schreibe doch gerne unten einen Kommentar!