Geheimkuriere, Sektenführer und übernatürlich Zufälle: Einmal Köln und zurück bitte!
Eine gute Freundin hatte mich zum Geburtstag eingeladen. Weil sie seit einiger Zeit in Köln wohnte, machte ich mich schon einen Tag eher auf die Socken, damit sich die 3,5h Anfahrt auch lohnen würde und ich noch ein bisschen in Köln rumschlendern konnte. Zusammen mit einem vollbärtigen Kameramann vom WDR und unserem gemeinsamen Fahrer saß ich in einem quietschgrünen Fiat Punto, welcher von innen eigenartigerweise viel geräumiger wirkte als andere kleine Autos dieser Art. An den hinteren, seitlichen Scheiben saugten sich Sonnenschutz-Scheibenverdunkler mit Kamillenmuster fest. Und am Rückspiegel baumelten ein Buddha, eine rastafarifarbene kleine Pfeife gemeinsam mit einem Rosenkranz ganz fröhlich hin und her. Wir tuckerten gemütlich auf der rechten Spur in Richtung Kölle.
Jeder erzählte kurz, was er grad so machte, wie man das eben so macht, wenn man gerade auf engstem Raum für zwei, drei Stunden miteinander auskommen will. Der Kameramann war, wie gesagt, Kameramann und erzählte lustige Stories von den Sendungen, an denen er beteiligt war. Zum Beispiel "Elefant, Tiger & Co" oder "Kein schöner Land", falls das von euch einer kennt. Nee, aber cool, sagte ich. Außerdem macht er noch Musik, so Rap und HipHop und manchmal legt er auch auf. Es stellte sich heraus, dass ich schon auf ein-zwei Partys von ihm gewesen war. Ich erzählte auch kurz, Kaffee und Theater. Sowas halt.
Dann kam der Fahrer an die Reihe: "Ich arbeite als Luftkurier. Deshalb muss ich mich immer in der Nähe von internationalen Flughäfen aufhalten, falls ein dringender Auftrag reinkommt." - Das klang ja mal irre spannend. Er erzählte weiter, dass er kürzlich einen wertvollen Microchip persönlich in ein Computerwerk nach China gebracht hat, weil sonst die gesamte Produktion für Boardcomputer, die in Kreuzfahrtschiffen weltweit verbaut werden, zum Stillstand gekommen wäre. Oder geheime Dokumente nach Kuweit und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dann folgte eine verrückte Story über eine Einladung zum Abendbrot bei einem Emir im Oman. Der Kameramann und ich hörten gebannt zu. Wie lange er das schon machen würde und ob dies sein Traumjob sei, fragten wir. Nein, er sei erst seit fünf Jahren Luftkurier. In seinem vorherigen Leben war er Großmeister bei einer christlichen Sekte gewesen, hat sich aber entschieden auszusteigen und dann kamen wir in den Genuss seiner irren Lebensgeschichte.
Diese begann in den sechzigern im Rheinland und führte ihn durch mehrere europäische Länder immer eine Stufe höher in der Hierarchie dieser Sekte, dessen Namen ich leider nicht mehr weiß. Er berichtete von Ritualen, mystischen Erscheinungen, seltsamen Beziehungen zu Frauen und schließlich von seinem Ausstieg aus der Gemeinschaft. Wir waren total baff, als er uns am vereinbarten S-Bahnhof absetzte, wo wir beide hoch interessiert seine Memoiren direkt aus seinem Kofferraum für 30€ pro Ebook-Link erwarben.
Der Fiat brauste weiter und der Kameramann und ich sahen uns an. Wir tauschten Nummern, denn wir waren uns der besonderen Einzigartigkeit dieser gerade erfahrenen Lebensgeschichte mehr als bewusst. Wir verabredeten, zuhause mal zusammen ein Bier trinken zu gehen und verabschiedeten uns.
Ich eilte die Treppe zum Bahnsteig hoch, ohne zu wissen, ob dort die richtige Bahn abfahren würde und plötzlich stand meine Freundin, die ich erst am nächsten Tag besuchen wollte, vor mir. Im Gegenlicht der gleißenden Nachmittagssonne ploppte sie wie eine Engelserscheinung aus der um sie herum eilenden Menschenmasse auf! Ich war total sprachlos. Sie muss leider schnell zur Arbeit und wir sehen uns ja morgen. Jaja viel Spaß, bis denn - weg war sie.
Da fahre ich einmal nach Köln, kenne mich kein bisschen aus und treffe adhoc diese eine Person in den ersten 5 Minuten. Die Aura oder das Karma oder das Leuchten des Fahrers wirkte noch nach … jedenfalls schwebte ich auf dem verblüffenden Gefühl über unsere zufällige Begegnung weiter durch die Stadt.
Ich hatte zwei witzige und schöne Tage in Köln, sah alte Bekannte und gute Freunde wieder und fuhr mit einer anderen über mitfahrgelegeheit.de gebuchten Fahrerin namens Leni zurück nach hause. Sie war in meinem Alter, kam gerade von einem Camping-Wochenende mit Freunden zurück. Sie erzählte mir von ihrem Job als Chemikerin an der Uni und so ich ihr dieses und jenes und irgendwie kamen wir auf die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Fiat Fahrers, die ich vor zwei Tagen gehört hatte. Ich erzählte sie Leni in Kurzform und schloss damit, dass ich plante dem Kameramann vom WDR tatsächlich mal zu schreiben.
"Aha", sagte sie, ein Kameramann vom WDR. Das ist ja interessant. Hat der krasse blaue Augen und einen Bart, ungefähr so lang? Sie machte vor wie lang der Bart ist. Ich kenne nämlich auch einen, der da beim WDR als Kameramann arbeitet. Heißt der zufällig Max? Hä? Ja! Das wurde mir jetzt ein bisschen zu heiß hier. In wessen Auto war ich jetzt gleich noch eingestiegen? Und ist dieses Görl hier neben mir wirklich Chemikerin? Ich war mir nicht mehr so sicher, als sie mich fragte: “Weißt du eigentlich, dass wir die ganze Zeit seine Musik hören? Max ist mein Ex.”
Wie konnte es möglich sein, dass diese Fülle von Außergewöhnlichkeiten und eigenartigen Zufällen sich in die knappe Zeitspanne von gerade mal 48 Stunden quetschen konnten? Hhhmm? Während ansonsten Wochen über Wochen manchmal sogar monatelang überhaupt nichts Aufregendes passierte. Und warum kann das nicht ein bisschen dosierter stattfinden? Buddha, Bob, Jesus? Irgendeiner mit ‘ner Idee hier? Ehrlich, ich brauchte richtig Erholung von diesem Trip!
Wir haben uns tatsächlich ein paar Monate später auf ein Bier getroffen. Aber ohne Leni. Natürlich hatte ich nicht versäumt von Leni, mir und dem vollgestopften Volvo ein Foto am Rastplatz zu machen. Als Beweismittel quasi.
Ach, und das Ebook vom Luftkurier haben Max und ich bis heute nicht gelesen.
Die Einleitung sowie den ersten Teil zu diesem Dreiteiler findest du hier: https://steemit.com/deutsch/@lulafleur/mit-gefahr-legenheiten-teil-1