Mein geliebtes Kind,
es jährt sich nun bald zum 20. Mal der Tag, an dem ich Dich geboren habe.
Es ist doch unglaublich und so relativ, wie Zeit vergeht!
Ich erinnere mich gut, wie Du klein und dunkelhaarig in meinem Arm lagst.
Wie Du, gerade einen Tag alt, dem würdigen Chefarzt mit einem Fußtritt sein fast schon antikes Stethoskop zertreten hast. Wie Du ein kleines zauberhaftes Menschenwesen warst.
Du hattest einen Teint wie Schneewittchen: dunkle Haare, dunkelblaue Augen, eine blase Haut und rosige Lippen. Wenn Du schliefst, hattest Du die aller-süßeste Schnute der Welt.
Ich erinnere mich, wie ich Dich in den Schlaf gesungen habe. Auch daran, wie Du geweint hast.
Ich erinnere mich daran, wie Du mich angelächelt hast.
Ein einziges Mal in Deinem Leben konntest Du lächeln.
Damals wusste ich noch nicht, wie krank Du warst. Ich dachte immer, Du seist ein besonders ernstes Kind, mit Deinen großen, blauen Augen durch die Du am Ende Deines Lebens nicht mehr in die Welt sehen konntest.
Du hast mir ganz viel beigebracht.
Durch Dich habe ich Dinge gelernt, von denen ich im Leben nicht geträumt hätte.
Von jetzt auf gleich
… naja, ein paar Stunden hat die Geburt schon gedauert, das weißt Du selbst …
ein kleines Mädchen, dass mein Leben komplett verändert. Du!
Mehr Liebe, weniger Schlaf.
Größere Verantwortung, kleinerer Freiraum.
Intensive Gefühle, dumpfes Nicht-spüren-können.
Mutter und Kind.
Total normal und doch immer wieder neu und anders.
Du hast mein Leben langfristig und anhaltend verändert.
Das tollste, was ich durch Dich gelernt habe ist, Vertrauen zu haben, Veränderung anzunehmen und glücklich zu sein.
Dafür bin ich Dir sehr dankbar.
Verändert hast Du Dich in Deinen 377 Lebenstagen immer wieder. Und ich musste hinterher, mich irgendwie anpassen.
Zwischendurch bin ich eine Woche lang verschwunden in ein dunkles Loch – Veränderung kann anstrengend sein!
Danach habe ich einige Monate lang gelebt, um Dir das Leben so angenehm wie möglich zu machen.
Gestorben bist Du, als ich Dir den Rücken zudrehte, in die Küche ging und mir ein Frühstücksbrot machte. Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, warst Du nicht mehr am Leben.
An dem Morgen hatte ich Dir versprochen, dass ich auch ohne Dich klar komme.
Ich habe dir gesagt, dass Du sterben dürftest.
Die drei Tage und Nächte vorher ging es Dir immer schlechter. Dein Atemrhythmus war gestört. Manchmal liefst Du blau an und verkrampftest Dich, bevor Deine Atmung wieder einsetze. Ich habe Dich gehalten.
In der Nacht bevor Du starbst funktionierte Dein Lidschlag nicht mehr. Ich habe versucht, Dir die Augen zu schließen. Sie waren dann nur ein klein wenig geöffnet, so, wie in den vorangegangenen Wochen und Monaten so häufig.
20 Jahre sind eine lange Zeit. Deine zauberhafte Schwester ist jetzt schon 17 Jahre alt. Sie macht demnächst ihren Führerschein.
Manchmal frage ich mich, ob ihr euch begegnet seid, bevor sie in dieses Leben kam. Von der Liebe, die Du in mein Leben gebracht hast, davon hat auch sie gut.
Du warst mein Baby. Durch Dich bin ich gewachsen. Dafür danke ich dir.
Ich habe Dich kennen lernen dürfen. Dafür danke ich dir.
Du hast Schmerzen und Krankheit getragen, um bei mir zu sein, für eine begrenzte Zeit. Dafür danke ich dir.
Die Liebe, die Du in mein Leben gebracht hast, habe ich bei mir behalten. Und knapp vier Monate nach Deinem Tod habe ich sie mir selbst gewidmet. Ich habe mir Deine und meine Liebe genommen. Ich habe geweint, gelacht, mich erinnert, geredet, geschwiegen, verstanden, erlebt, gefühlt. Gefühlt. Gefühlt!