Meine Heimat ist Kärnten, genauer gesagt, das Gailtal. Ich wuchs in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einem schlichten Einfamilienhaus am Hermagorer Mühlbach auf, im sogenannten "Oberen Markt" des von Bergen eingesäumten Städtchens, da wo das Gitschtal mit seinem Fluss Gössering ins Gailtal mit der gefürchteten Gail übergeht. Von meinen naturverbundenen Erinnerungen handeln die Episoden „Leben am Bach“.
Leben am Bach (Teil 9)
Trendsport und Fitness
In späteren Jahren wurde diese zauberhafte Welt von einer Fitness-Strecke entweiht. Allerlei Geräte wurden, weil es so in Mode war, aufgebaut, seltsame Gestelle aus Holz und Stahl. Im Trend sein wollte natürlich auch ich, und so schnaubte und prustete ich auch wieder und wieder von Station zu Station, versuchte mich in den beschriebenen Übungen und trabte weiter.
Das Laufen setzte ich auch noch fort, als die Fitness-Staffeln wieder entfernt worden waren. Auch noch währned meiner Studienzeit, wenn ich auf Heimaturlaub war. Seltsam, wie man sich selbst erfährt... Wie haben wir doch diesen Leistungszwang in uns, dieses Hasten, ob beim Wandern oder bei dem, was sich Fitnesstraining nennt. Blindlings durch die Natur eilen, das ist doch wie mit Kopfhörern nur einer fernen Klangwelt lauschen.
Zweifelsohne ist Laufen an der frischen Luft anders als auf einem Laufband im Studio, und Laufen ist – mit Maß und Ziel – gesund. Aber ich beobachte diese Selbstvergessenheit, oder vielleicht ist es sogar eine Angst vorm Innehalten?
Ständig muss etwas gesagt, etwas getan werden. Dabei ist das Beglückendste, das wir erfahren können, das Leben selbst. Unsere Lebendigkeit, unser Atem, unser Herzschlag, unser Puls, unser Sehen, unser Fühlen, unser Hören... und unser Gewahrwerden, unser Bewusstsein, und werd as einmal, nur eimal erfahren hat, wird ergriffen von tiefster Dankbarkeit.
Diese wahrste und tiefste Erfahrung, zu der ein Mensch fähig ist, leitet ihn von da an sein Erdenleben lang.
Freilich ist das nichts Neues unter der Sonne. Im Buddhismus ist Achtsamkeit eine Fähigkeit, ohne die wir nicht vorankommen. Hier ein schöner Text dazu mit einer bekannten Zen-Weisheit. Freundlicherweise fand ich sie beim Suchen auf einer Seite über Thich Nat Hanh, einem vietnamesischen Mönch, den ich als Seelenverwandten empfinde.
http://www.achtsamkeit-hd.de/achtsamkeit.html
Legt mich aber nun nicht fest, denn ich habe viele, sehr viele Seelenverwandte!
Die Naturgeister wundern sich
Nach wie vor befremdet mich dieses sportliche Vorbeihasten an der Natur, dieses Schnauben und Prusten, das mir unangebracht erscheint in einer solchen „Gebirgs-Variante“ des Garten Eden. Es kommt mir oft so vor, als ob Naturgeister und Schutzwesen sorgenvoll zwischen den Bäumen hervoräugten und sich wunderten, wie allerlei verbohrte Menschlein an ihnen vorbeihetzen, die wahren Schönheiten und Geheimnisse der Natur dabei versäumend, weil sie ihre Gefühle abgeschaltet zu haben scheinen...
Das ist allerdings nur meine Interpretation.
Nicht gegen Sport!
Beim Sporteln empfinde ich mich freilich keineswegs gefühllos und unachtsam. Es ist nur eine andere Wahrnehmungsebene. Man freut sich, dass man sich frei bewegen kann, genießt es, seinen Körper zu spüren und ist motiviert, etwas Gutes für ihn zu tun.
Die Schätze des Naturreichs
Heute, wenn ich wieder dort wandere, genieße ich es erneut, wie damals als Kind. Diese Atmosphäre, die die Intensität eines Tropenwaldes oder eines Palmenhauses hatte, jedoch ursprünglich, würzig, sicher, frei...
Wieder nehme ich naiv und dankbar mit meiner Seele all diese mich umgebenden Gefühle auf. Der Duft der Blumen, der Moder des Waldbodens, die ätherischen Gerüche des Nadelbäume und Kräuter, das Murmeln und Rauschen der Gewässer, sie erscheinen mit wie Gefühlsboten und vermitteln die Dichte eines ewigen Jetzt.
So, aber jetzt genüg vom Spirituellen, Mystischen und Philosophischen, zurück zur beinharten Realität mit ein paar Begebenheiten von damals.
Die Hundebelagerung
Man sagt, dass die Kinderwelt eine Welt voller Wunder sei. Mitunter ist sie auch eine Welt der Schrecknisse.
Ein Bernhardinerhund ist für einen Erwachsenen eine beeindruckende Erscheinung. Für mich als Kind war so ein hünenhaftes Tier ein mächtiger vierbeiniger Riese. Nun verhielt es sich so, dass sich damals neben unserem Haus ein Tor zur Hölle befand, nämlich eine Fleischhauerei und Schlächterei. Es ist die, lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht aufgefallen, dass ich in dieser Erzählung Belastendes vermeide, und daher lasse ich es mit dieser Andeutung bewenden.
Es ist mir nicht erinnerlich, wie es zu einer solchen Ansammlung von Bernhardinern in Hermagor kam. Vermutlich haben sie sich einfach vermehrt ,und das wurde geduldet. Es waren Hunde eines Fleischhauers. Verwandte der Fleischhauerfamilie, die Familie Klabuschnig, die auf der Stocksteinerwand lebte, hatten auch so ein Riesenexemplar.
An sich ist diese Hunderasse gutmütig und als kinderfreundlich bekannt. Liebesgefühle dürften sich aber bei solchen Tieren schlecht auf deren Umgangsformen auswirken. Als die Hündin der Klabuschnigs läufig war, kam es zu einer regelrechten Hundebelagerung. Aus der Ferne sah es aus, als würde sich auf in diesem steilen Gässchen eine Löwenherde versammeln.
Bildquelle: Pixabay
Für mich bedeutete dieser Ausnahmezustand vor dem Klabuschnig-Haus, dass die Stocksteinerwand für mich aus Sicherheitsgründen Sperrgebiet war. Lieber schlug man einen Bogen um die Liebeswerber, als sich einer Attacke auszusetzen.
Eines Tages sah es so aus, als wäre der Spuk vorbei. Ich wagte es, den Weg zu begehen. Auf einmal tauchte ein Bernhardinerhund wie aus dem Nichts auf und stürzte bellend auf mich zu. Ich musste ihn übersehen haben. Der Schreck fuhr mir in die Knochen, dass ich wie gelähmt war. Vielleicht sah er ein, dass ich nur ein Kind war und von mir nichts zu befürchten war. Er ließ wieder von mir ab.
Da mich vor Jahren – ebenfalls auf der Stocksteinerwand, im kleinen Greißlerladen von Frau Lackner (von dem erzählte https://steemit.com/deutsch/@gertraud/tanze-emma-laden) - ein Dackelmischling in die Wade gebissen hatte – war nun mein Vertrauen in Hunde dahin. Seither hält sich meine Begeisterung für Hunde in vorsichtigen Grenzen.
Das Kreuz auf der Stocksteinerwand
Fromme Leute hatten vor dem Kraker-Haus auf der Stocksteinerwand ein Kreuz errichtet. Es wurde mich zum Inbegriff einer Übungssituation für abergläubische Frömmigkeit. Von anderen Kindern wurde ich in den Brauch eingeführt, dass man sich beim Vorbeigehen zu bekreuzigen und zumindest ein kurzes Gebet zu sprechen habe. Und wenn man das nicht tue? wagte ich zu fragen. Die Antwort lautete: „Dann geht's einem schlecht!“
Wenn man so etwas annimmt – sei es die Verwünschung einer Bettlerin, sei es eine negative Prophezeiung aufgrund „ungünstiger Sterne“ oder sei es solcher Quatsch - ist man selbst schuld. Man wird mit negativen Glaubenssätzen und Ängsten konfrontiert. Mein „Bauchgefühl“ sagte mir, dass man sich mit einem solchen Ritual etwas Unnötiges aufhalse, aber – nun, so sicher war ich mich der Sache nicht.
Schade nur, dass meine Ahnungslosigkeit zunichte gemacht worden war. Ich hätte das Kreuz mit dem gequälten Heiland drauf gar nicht beachtet. So aber probierte ich alles aus: Ich schlich mich vorbei und schaute sorgsam auf die Miene der Christusfigur, ob der hölzerne Heiland vielleicht enttäuscht ihr Gesicht verzieht... Beim nächsten Mal verhielt ich mich brav, bekreuzigte mich und betete ein kurzes Gebet. Danach fühle ich mich besser – weil ich vermeintlich etwas für meinen Schutz getan hatte.
Um es kurz zu fassen: Bald ließ ich die "Beterei "am Kreuz wieder sein, weil ich bald feststellte, dass es mir um keinen Deut besser oder schlechter ging, ob ich nun beim Kreuz innehielt und betete oder auch nicht. Es hat etwas Befreiendes, wenn man erkennt, dass man etwas nicht braucht!
In Kürze folgt der zehnte und letzte Teil der Erzählung „Leben am Bach“.
Über Feedback freue ich mich immer sehr!
Bisher in dieser Reihe erschienene Beiträge
Deutsch (GER)
Leben am Bach - eine Erzählung 1 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach--eine-erzaehlung-1
Leben am Bach - eine Erzählung 2 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-2
Leben am Bach - eine Erzählung 3 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-erinnerungen-3
Leben am Bach - eine Erzählung 4 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-4
Leben am Bach - eine Erzählung 5 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-5
Leben am Bach - eine Erzählung 6 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-6
Leben am Bach – eine Erzählung 7 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-7
Leben am Bach – eine Erzählung 8 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-8
English (EN)
Life at the Brook (narration, part 1) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-1
Life at the Brook (narration, part 2) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-2
Life at the Brook (narration, part 3) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-3
Life at the Brook (narration, part 4) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-4
Life at the Brook (narration, part 5) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-5
Life at the Brook (narration, part 6) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-6
Life at the Brook (narration, part 7) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-7
Life at the Brook (narration, part 8) https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-a-narration-part-8
Diese Erzählung befindet sich hier in einer unkorrigierten Urfassung:
https://reflexionen.wordpress.com/erzahlungen/erdachtes/erlebtes/muehlbach-stocksteinerwand/
Mein #introduceyourself
20 Fakten über mich
https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/20-fakten-ueber-martinamartini-spass-und-fakten-ger