Sankt Petersburg, Oktober/November 2016
Man kommt an am Flughafen und merkt, dass man in einem anderen Europa ist. Überall sind uniformierte Beamte mit Fellmützen, alles wirkt so, als ob man sich in den 90er Jahren befindet. Bei meiner Pass- und Visumkontrolle werden meine Dokumente und ich zwei Minuten von einem zentralasiatisch aussehenden jungen Mann gemustert. In der Flughafenhalle ist ein Blumengeschäft neben dem anderen, und tatsächlich: Einige gertenschlanke Blondinen werden von Männern mit Blumen, Pralinenschachteln und Kuschelbären begrüßt…
Um vom Flughafen Pulkovo in die Stadt zu gelangen, muss man durch ein paar Plattenbausiedlungen fahren. Zusammen mit dem bereits Ende Oktober liegenden Schnee und den kahlen Bäumen wirkt alles etwas düster. Ich bin aufgeregt. Wir sind in der Stadt. Das erste Denkmal das ich sehe, ist eine sehr große Leninstatue, die aber irgendwie einladend wirkt.
Für die wahre Russland-Erfahrung habe ich mich bei einer russischen Familie einquartieren lassen (an dieser Stelle liebe Grüße an Valja, Kolja und Dmitrij). Das erste was ich sehe, wenn ich ihre Wohnung betrete ist eine Fahne mit Hammer und Sichel. Ich werde mit den Worten „Wilkommen in Leningrad.“ begrüßt. Im Radio laufen sowjetische Schlager aus den 50ern, an den Wänden „meines“ Zimmers hängen verschiedene Orden, am Schrank steht ein Gewehr. Glaubt es, oder glaubt es nicht, aber in dieser Wohnung, in der Mayakovskaja Straße direkt am Newskiy Prospekt, der Hauptstraße, hat einmal Tschaikowsky gewohnt! Als ich das erfahre, bin ich entzückt. Das Haus ist dreihundert Jahre alt, sehr schön, aber auch etwas heruntergekommen, wie alle Häuser hier.
Man nennt Sankt Petersburg auch das Venedig des Nordens, weil es direkt am Wasser liegt, einen schnellen Zugang zum Meer hat und die Innenstadt geprägt von Prachtbauten aus der Zarenzeit ist. Es erinnert an den Glanz der Zeit vor dem Kommunismus.
Es ist verdammt kalt, überall sind Damen und Herren in Pelzmänteln. Die Kälte gefällt mir, das intensiviert eben die Russland-Erfahrung. Wir besichtigen prachtvolle Kirchen und ich fühle mich umgeben von so viel Kunst und Schönheit, dass ich alles gar nicht richtig realisieren kann.
Noch in Wien habe ich Geld gewechselt und dabei gar nicht an die Stückelung der Scheine gedacht. Es sollte zu einem kleinen Dilemma kommen: Beim Essen kaufen will ich einen 5000 Rubel Schein aufbrechen. Der Kassier blickt mich halb entsetzt halb grinsend an, durchsucht die Kassa nach passendem Wechselgeld, findet keines, sucht den Manager, und holt schließlich aus einem Bargeldreserveschrank (?) eine Hand voll 100 Rubel Scheine, die er dann runterzählt. Hinter mir hat sich schon eine Schlange gebildet, in der wohl alle denselben Gedanken haben müssen: „Sch**ß Westeuropäer.“ Irgendwie haben mich die Kälte, die Schönheit und das vitaminlose Essen in dieser Stadt mitgenommen. Ich fühle mich krank und da in der Apotheke auf der Hauptstraße niemand Englisch spricht und das einzige Medikament, dass ich auf Russisch benennen kann „Paracetamol“ ist, kaufe ich eine Packung Paracetamol 500 mg um 5 Rubel und 70 Kopeken. Das sind umgerechnet nicht einmal zwei Eurocent!
Wir besuchen die Ermitage, die nach dem Louvre, die wahrscheinlich bekannteste Kunstsammlung der Welt ist. Da bald Schulferien sind, sind die Gänge voll mit Schulklassen, die offenbar aus ganz Russland herkommen. Eine Gruppe von vielleicht 16-jährigen Burschen sehen ein bisschen aus wie mein russländischer Freund, der tatarische Wurzeln hat. Ich frage die Burschen ob sie auch zufällig aus Tatarstan sind. Sie kommen aus Karatschai-Tscherkessien. Das liegt im Kaukasus, lasse ich mich aufklären.
Am Tag schmilzt durch die Sonnenstrahlen und die Autoabgase der Schnee auf den Gehsteigen. Sobald es dunkel wird, gefriert aber alles und die Fußgängerwege mutieren zu tödlichen Eisbahnen. Es wird mit Sand gestreut (um die empfindlichen Pfötchen der Hunde nicht zu reizen), aber auch nicht in allen Teilen der Stadt. Dort wo wir uns befinden hat sich eine Gruppe von circa fünfzehn Russen versammelt. Sie führen Bügeleisen an der Leine und ziehen diese am Gehsteig hinter sich her… Es ist dunkel, kalt und es schneit. Ich fühle mich wunderbar, so als ob ich hier zuhause wäre.
Am Newskiy Prospekt gibt es ein Restaurant, das asiatische Küche anbietet. Beim genaueren Studium der Speisekarte sehe ich, dass sie Speisen aus Russland, Georgien, Usbekistan oder auch Japan anbieten. Der Kellner stellt sich mit Namen vor, verneigt sich kurz und bringt uns heiße Handtücher für die Hände. Ein großer Teller Suppe mit Lammfleisch und Kräutern kostet hier umgerechnet drei Euro…
Als wir auf der Straße mehrere Leute fragen, wo man guten Vodka und Kaviar bekommen kann, treffen wir auf eine Gruppe von Marinekadetten, die alle sehr freundlich und hilfsbereit sind, was die Suche nach Vodka betrifft. Wir unterhalten uns eine Zeit lang und erzählen von unseren verschiedenen Welten.
Jetzt bin ich wieder in Wien, aber irgendeine magische Kraft zieht mich zurück in diese Stadt und dieses Land. Auf ein baldiges Wiedersehen!
Ich muss gestehen: Ich bin nicht völlig unvorbereitet nach Russland gefahren. Nach drei Jahren Russischunterricht kann ich ein paar Floskeln mehr als „Na zdarovje“.
Russland hat mich immer schon fasziniert. Anfangs hatte ich diese typische Vorstellung eines riesigen Landes, in dessen Wäldern Bären zu Tschaikowsky tanzen und dessen Einwohner entweder hauptberuflich Spione oder Alkoholiker sind.
Nach 2014, im Zuge der Krimkrise, des Ukrainekrieges und der neuen Propagandaschlacht zwischen dem neuen Ost und West, und nach interessanten Gesprächen mit Russen, hat sich meine Vorstellung radikal geändert. Ich habe mich viel über das neue Russland, seine Politik und Gesellschaft informiert und irgendwie ist mir dabei dieses Land ans Herz gewachsen.
Im Oktober/November 2016 habe ich Russland meinen sicher nicht letzten Besuch abgestattet.