Ob wir von der ununterbrochenen Einschränkung der Meinungsfreiheit reden, von Hetzjagden auf Oppositionelle, die drohende Abschaffung des Bargelds oder den immer totalitäreren Umerziehungsjournalismus in diesem Land..
Ob wir auf die stetige Machtzentralisierung auf kontinentaler und globaler Ebene hinweisen, die drohende EUdSSR, die nicht enden wollende Migration oder das sich zuziehende Korsett des öffentlichen Diskurses..
Immer nehmen wir es auf uns, Hiobsbotschaften nicht zu ignorieren, sondern klar zu benennen - in der Hoffnung, dass es noch genug Leute gibt, die nicht gewillt sind, stillschweigend zuzusehen, wenn ihre Freiheit langsam aber sicher verabschiedet wird.
Bei all diesen Themen mutet das eigene Interesse an ihnen oft wie ein Fluch an. Man sieht, dass sich am Horizont ein Sturm nähert, versucht, darauf aufmerksam zu machen, und wird dafür selbst von Freunden und Familie angefeindet. Soll man sich und seine individualistische Natur also verleugnen? Soll man aufhören, auf seine innere Stimme zu hören, nur um als Teil der konformistischen Masse Ruhe zu haben?
Hermann Hesse mag uns dabei helfen, diese Frage zu beantworten. Auch er hat turbulente Zeiten durchlebt und stand des öfteren an eben jener Weggabelung zwischen Individualismus und Konformismus. In einem Brief vom Oktober 1932 schrieb er: „Ja, sagen Sie Ja zu sich, zu Ihrer Absonderung, Ihren Gefühlen, Ihrem Schicksal! Es gibt keinen andern Weg. Wohin er führt, weiß ich nicht, aber er führt ins Leben, in die Wirklichkeit, ins Brennende und Notwendige. Sie können ihn unerträglich finden und sich das Leben nehmen, das steht jedem offen, der Gedanke daran tut oft wohl, auch mir. Aber ihm entgehen, durch Entschluss, durch Verrat am eigenen Schicksal und Sinn, durch Anschluss an die ‚Normalen‘, das können Sie nicht. Es würde nicht lange gelingen und größere Verzweiflung bringen als die jetzige.“
Wenn man diese Zeilen liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass uns Individualisten eine Mission aufgetragen wurde, die Aufgabe, auf unser eigenes Gesetz und die Stimme in unserem Inneren zu hören, ganz gleich wie die Menschen um uns herum darauf reagieren. Es klingt, als wolle Hesse uns Mut machen, dass das Bahnen eines eigenen Pfades im Leben zwar nicht ohne Widerstände zu haben ist, es am Ende aber doch Erfüllung und Glück verspricht.
Er leitet daraus keineswegs die Schlussfolgerung ab, dass einem die Menschen, von denen man umgeben ist, egal sein sollten. Die Menschheit verteufelt er mit keinem Wort, sondern sieht das in sich ruhende Individuum in einer Symbiose mit ihr, mögen sich viele ihrer Vertreter manchmal auch seltsam verhalten.
In „Zum Gedächtnis“ heißt es dazu: „Wir haben zwar das Recht, an uns zu verzweifeln, aber nicht das Recht, darum das Bild des Menschen für besudelt und verloren zu erklären. Und wir haben die Aufgabe, dieses Bild, auch wo die Zeit ihm sehr zu widersprechen scheint, weiter in uns zu hegen und es den Nachkommen zu vererben.“
Einen ähnlichen Ton schlägt Ayn Rand an, wenn sie John Galt in „Atlas Shrugged“ sagen lässt: „Im Namen des Besten in euch,opfert diese Welt nicht den Schlechtesten in ihr. Im Namen der Werte, die euch am Leben erhalten, lasst eure Vision vom Menschen nicht durch das Hässliche, Feige und Geistlose in denen, die diese Bezeichnung nie verdient haben, verzerren. Lasst den Helden in eurer Seele nicht aus einsamer Verzweiflung darüber zugrundegehen, dass ihr das Leben, das ihr verdient habt, niemals erreichen konntet.“
Wo Hesse stoisch in sich ruht, flackert in Rand die Flamme des Widerstands. Ihre Worte kommen nicht auf leisen Sohlen daher, sondern mit Inbrunst und Pathos. Die Philosophie jedoch ist dieselbe. Man schwört sich selbst, dass man vor dem Wahnsinn der Welt niemals kapitulieren wird, und sagt ihm den Kampf an – nicht dadurch, dass man Massenbewegungen formiert, sondern durch das Geraderichten des Selbst und das Einnehmen einer Vorbildfunktion.
Diese Wiederentdeckung des „Ich“ ist auch Thema ihres Romans „Hymne“. Darin beschreibt sie eine Gesellschaft, die nicht nur die Idee des Individualismus ausgemerzt hat, sondern auch die damit verbundenen Begriffe wie das Wort „Ich“. Ein Mann aber beginnt das System zu hinterfragen und enttarnt die Tyrannei des „Wir“. So heißt es dort: „Denn das Wort ‚Wir‘ darf nur freiwillig gesprochen werden, und nur an zweiter Stelle. Dieses Wort darf nie zuerst in des Menschen Seele stehen, sonst wird es ein Monster, die Wurzel aller Übel der Welt, die Wurzel der Folter des Menschen durch den Menschen, und einer unaussprechlichen Lüge.“
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das letzte Wort. Rand spricht von der Herabsetzung des Individuums nicht als Missverständnis oder bedauerlichem Fehler. Sie nennt es eine Lüge. Eine Lüge ist definiert als eine falsche Aussage, die wissentlich und zum Zwecke der Täuschung als wahr präsentiert wird.
Wer führt uns also hinters Licht? Sind es die Politiker? Die Journalisten? Nein. Sie sind lediglich die Handlanger. Das Problem liegt viel, viel tiefer. Die Lüge ist systemisch. Sie ist das Zentrum und das Herz eines Systems, das zwar von Menschenwürde redet, uns aber weder die Früchte unserer Arbeit lässt noch eine eigene Meinung zugesteht. Sie ist es, die uns mit der Heimat unseren geographischen und historischen Kontext zu nehmen versucht und uns einredet, es sei ein moralischer Akt, wenn die Europäer fortan Hände haltend ins Meer gingen und Platz machen würden für die Eine Welt. Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang vom kältesten aller kalten Ungeheuer und fügte an: „Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘“ Nein, das bist du nicht.
Ist also die geistige Emanzipation vom Regime die höchste Form der Häresie? Ist es wieder einmal ein revolutionärer Akt, sich auf den Jüngerschen Waldgang zu begeben, bei dem man Abstand zum Staatsgospel gewinnt und sich mit Hilfe der eigenen Vernunft eine eigene Meinung bildet? Und ist es im Angesicht dieser Fragen nicht interessant, dass uns genau die diesem Akt zugrundeliegende Tugend, die des Eigensinns, immerzu als gefährlich präsentiert wird?
Eigensinn – das ist weder atomares Einzelgängertum noch kalter Sozialdarwinismus. Hermann Hesse schrieb hierzu im Jahr 1919: „Würde die Mehrzahl der Menschen diesen Mut und Eigensinn haben, so sähe die Erde anders aus. Unsre bezahlten Lehrer zwar (dieselben, die uns die Helden und Eigensinnigen früherer Zeiten so sehr zu rühmen wissen) sagen, es würde dann alles drüber und drunter gehen, Beweise haben und brauchen sie nicht. In Wirklichkeit würde unter Menschen, die selbständig ihrem inneren Gesetz und Sinn folgen, das Leben reicher und höher gedeihen.“
Hesse formuliert an dieser Stelle eine Überzeugung, die sicherlich viele Freiheitsfreunde teilen und die noch klarer wird, wenn man sich die Alternativen ansieht. Denn wer ist der Gegenspieler des Eigensinns? Es ist der Altruismus. Die Verneinung des Eigenen, der eigenen Entscheidungsfindung und der eigenen Identität. Es ist jene Ideologie, die gegenüber den Massen Selbstentsagung predigt und hinterrücks das Gegenteil praktiziert.
Die Natur des Altruisten wird in „Der Ursprung“ auf den Punkt gebracht, wenn sich Ayn Rands Protagonist Howard Roark bei einem staatlichen Bauprojekt weigert, seine Prinzipien zu verraten, und dies mit folgenden Worten rechtfertigt: „Ein Philanthrop erklärt zuerst seine Liebe für die Menschheit und watet schließlich in einem Meer von Blut. Das geht so weiter und wird immer so weitergehen, solange Menschen glauben, eine Handlung sei gut, solange sie selbstlos ist. Das gestattet dem Altruisten, zu handeln, und zwingt seine Opfer, es zu dulden. Die Führer kollektivistischer Bewegungen verlangen nichts für sich selbst. Aber sehen Sie sich die Resultate an.“
Die Resultate, die uns ins Haus stehen, hatte ich zu Beginn bereits erwähnt. Roark hat recht, wenn er den moralischen Mantel der Politik als Grund dafür anführt, dass sich selbst bei katastrophalen Auswirkungen ihres Handelns kein Widerstand regt. Nun spielt es uns in die Karten, dass die Veränderungen von nun an schnell kommen und sehr drastisch sein werden, und es besteht tatsächlich Hoffnung, dass genau dieser Schock große Menschenmassen aufwecken wird. Unsere individuelle Rolle in diesem Prozess aber ist begrenzt, und da es hier nicht um Strategie, sondern das innere Gleichgewicht gehen soll, kehren wir zurück zu Hermann Hesse, dessen Lebenslust selbst das Flammeninferno des Zweiten Weltkrieges nicht einäschern konnte. In einem Brief aus dem Jahr 1951 schrieb er an einen Freund: „Je verrückter und kränker die Gemeinschaften und die Staatsapparate sind, desto mehr müssen wir uns von den Gräsern und Blumen erfreuen und belehren lassen, die auch auf Schlachtfeldern und zwischen den Trümmerhaufen verbombter Städte das Ihre tun.“
Um ihn herum wurde sein Zuhause, dieser ehemalige Kontinent der Hochkultur, innerhalb weniger Jahre in ein Massengrab sondergleichen verwandelt, und doch stand er aufrecht, als die Waffen verstummten. Ayn Rand, die Hesse in Sachen Lebenswille in nichts nachsteht, begnügt sich weniger mit den zeitlosen Weisheiten der Natur und will stattdessen die Täter zur Verantwortung ziehen. In der Rede „Hier spricht John Galt“ legt sie ihrem Protagonisten folgende Worte in den Mund: „Ihr habt davon reden hören, dies sei ein Zeitalter der moralischen Krise. Ihr habt es selbst gesagt, teils ängstlich, teils in der Hoffnung, die Worte hätten keine Bedeutung. Ihr habt gejammert, die Sünden der Menschheit zerstörten die Welt, und ihr habt die menschliche Natur für ihren Widerstand gegen die von euch eingeforderten Tugenden verflucht. Da für euch Tugendhaftigkeit gleichbedeutend ist mit Opferbereitschaft, habt ihr nach jeder neuen Katastrophe noch größere Opfer verlangt. Im Namen einer Rückkehr zur Moral habt ihr all die Übel geopfert, die ihr für die Wurzel eurer Misere hieltet. Ihr habt die Gerechtigkeit der Barmherzigkeit geopfert. Ihr habt die Unabhängigkeit der Einigkeit geopfert. Ihr habt die Vernunft dem Glauben geopfert. Ihr habt den Wohlstand dem Mangel geopfert. Ihr habt die Selbstachtung der Selbstverleugnung geopfert. Ihr habt das Glück der Pflicht geopfert. Ihr habt alles zerstört, was ihr für böse, und alles erreicht, was ihr für gut hieltet. Weshalb schreckt ihr also voll Grauen vor dem Anblick der Welt, die euch umgibt, zurück? Diese Welt ist nicht etwa das Produkt eurer Sünden, sondern das Produkt und Spiegelbild eurer Tugenden. Sie ist die Verwirklichung und Vollendung eures moralischen Ideals.“
Nachdem sie jene bloßgestellt hat, die ihre persönliche Welt in Schutt und Asche gelegt haben, weist sie den Weg in eine Zukunft, in der derartige Exzesse der Vergangenheit angehören: „Wir haben euch alles gewährt, was ihr von uns verlangt habt, wir, die wir seit jeher die Gebenden waren, uns aber erst jetzt dessen bewusst geworden sind. Wir haben keine Forderungen, die wir an euch richten, keine Bedingungen, über die wir mit euch verhandeln, keinen Kompromiss, den wir mit euch schließen könnten. Ihr habt uns nichts zu bieten. Wir brauchen euch nicht.“
Was für ein kraftvoller Satz. Wenn man die libertäre Einsicht in wenigen Worten zusammenfassen wollte, so wären diese vier Worte wohl das Destillat. „Wir brauchen euch nicht.“ Wir brauchen weder eure konfiskatorischen Steuersätze noch eure Propagandamedien. Wir brauchen euren millionenstarken „Kampf gegen rechts“ nicht und schon gar nicht euer lächerliches „Bildungs“-System, das eine Bevölkerung heranzüchtet, die diese Farce stillschweigend hinnimmt. Wir brauchen eure Sicherungsnetze nicht, die uns nicht helfen, sondern uns schwach machen und so vielen von uns die Lebenskraft aus dem Leib saugen. Wir brauchen euer System von Zwangsversicherungen nicht, das sich wie Mehltau über unsere Eigeninitiative legt und unsere wahre Fürsorge erstickt. Wir brauchen eure Antidiskriminierungsgesetze nicht, die uns sagen, wie unsere Gemeinden und Viertel auszusehen haben. Wir brauchen euer Falschgeld und eure Inflation nicht. Wir brauchen eure Migranten nicht. Schaut uns an, wenn wir mit euch reden! Wir brauchen euch nicht!
Das ist das, was jeder von uns in den kommenden Monaten und Jahren tun kann: Sich eine philosophische Rüstung für den Sturm anlegen.
Ich möchte gerne mit den Worten des britischen Ökonomen Antony Sutton schließen, der zum Ende seines Lebens sagte: „Seht zu, wie es sich abspielt. Sie werden sich selbst zerstören. Wir können unseren kleinen Teil dazutun, aber träumt nicht davon, das System umzustürzen. Sie haben all die Bomben, aber wir haben etwas stärkeres – die Wahrheit und den Geist der Freiheit. Seid geduldig, lasst eure Freunde wissen, was hier passiert, tragt euren kleinen Teil zur Aufklärung bei. Das System wird in sich zusammenfallen, da es auf Korruption und Unwahrheit basiert.“ Amen.