"Der gelbe Bleistift" von Christian Kracht.
Dieses Buch, um das es heute gehen soll und dessen einzelne Kapitel ursprünglich als Kolumnen in der „Welt am Sonntag“ erschienen sind, beginnt mit einem Vorwort von Joachim Bessing. Nachdem dieser darin seine Abneigung gegenüber dem Reisen deutlich gemacht hat, fügt er an: „Noch mehr hasse ich Reisereportagen. Die Fotos schaue ich mir ganz gerne an, aber die Texte dazu finde ich schlimm. Der erste Satz ist da oft ein sogenannter szenischer Einstieg, da ‚dampft die Luft‘, da ‚rudert der Fischerjunge Ho um sein Leben‘, oder es ist gerade wieder einmal ‚gespenstisch still‘ am Ufer des Lake Malawi, kurz vor Sonnenaufgang.“
Dass man in Krachts Obhut vor solch pathetischem Geschwafel sicher ist, stellt Bessing einige Absätze später mit den folgenden Worten klar: „Kracht hingegen ist ein Wissender, besonders was Asien betrifft. Er hat nicht nur alle diese Länder mehrfach bereist, war Indienkorrespondent des ‚Spiegel‘ in Neu-Delhi, sondern er lebt tatsächlich dort. In seinen Geschichten geht es deshalb leise zu, das erste Bild lässt er gleich weg. Seine Leser erhalten von ihm lediglich einen bizarren Strauß vermeintlich unnützer Informationen und Beobachtungen gezeigt, dann bricht die Geschichte ab. Und zwar genau an dem Punkt, an dem sie nach unseren Lesegewohnheiten endlich beginnen müsste.“
Während der Leser noch irritiert die Stirn runzelt (schließlich wurden ihm auf dem Cover noch Reisegeschichten versprochen), türmt Bessing den Stapel der Verwirrungen weiter auf: „Dazu kommt noch ein eigenwilliger, wohl von ihm erfundener Erzählstil. Auf den ersten Blick scheinen seine Texte keinen erkenntlichen Aufbau zu haben. Ohne ein Gerippe, ohne einen Handlungsfaden entrollen sie sich in alle Richtungen. Kracht selbst stolziert darauf herum und weist mit einem dünnen, an der Mitte mit Heftpflaster umwickelten Dirigentenstock aus Elfenbein mal auf diese, mal jene Abstrusität. Gibt es keine, dann erfindet er auch keine und leistet sich den Luxus eines seitenlangen, vor sich hin mäandernden Gedankenstroms, der sich über die Weinkarten des Bordbistros eines sauteuren Reisezugs wälzt, bei der Papierqualität von Visitenkarten verweilt, um schließlich schmatzend mit den Lesern einzuschlafen.“
Literarisch extravagant und geheimnisvoll ist diese Einführung zweifelsfrei – doch was genau hat man nun zu erwarten? „Keinen erkenntlichen Aufbau“? „Ohne einen Handlungsfaden“? Dieser arrogante Herr Kracht wird doch wohl nicht 192 Seiten mit selbstverliebtem Geschwätz gefüllt haben! Oder?
Die Lektüre beginnt mit einem Abstecher nach Baku, Aserbaidschan. Kracht führt den Leser an die Geschichte dieses Landes heran, indem er dessen geopolitische Wichtigkeit in den Kriegen des 20. Jahrhunderts erläutert und zeigt sich – wie könnte es bei einem guten Buch anders sein? – vollkommen unbeeindruckt vom Diktat der politischen Korrektheit, wenn er seinen Anflug auf diese Stadt am Kaspischen Meer folgendermaßen schildert: „Alle Passagiere redeten viel lauter als gewohnt, viel lauter als Passagiere sonst in Flugzeugen miteinander sprechen. Sehr betrunkene Männer in schlechtgeschnittenen Jacketts und schwarzen, eckigen Wollhüten verlangten erst nach Whisky, dann, als der ausgetrunken war, nach warmem Wodka. Sie rochen ungewaschen und warm, nach Ziegen und nach Schafen. Es wurde gesoffen und geschrien und gequietscht, und die Stewardessen verdrehten die Augen, und während der Landung spielte ‚Barbie Girl‘ von Aqua.“ Im Anschluss daran folgt man ihm durch den Zoll, in den weißen Wolga und auf die Autobahn, bis hin zum Hotel „Stary Intourist“, wo „stalinistische Strenge und Entbehrung auf türkische Schludrigkeit“ trafen. Der Preis für die Nacht: 280 Dollar.
Ich könnte Ihnen an dieser Stelle auch die verbleibenden zwei Drittel dieser Reportage zusammenfassen, möchte aber davon absehen, um Sie genau mit dem zurückzulassen, was dieses Buch so kostbar und einzigartig macht: einer Ansammlung von Absurditäten und Abenteuerlichkeiten, bei der man sich stets fragt, ob das denn alles auch so passiert ist, und doch keine Sekunde daran zweifelt, dass man dem entsprechenden Land doch viel näher kommt, als man es mit der tristen Nüchternheit eines Marco-Polo- oder Dumont-Reiseführers je könnte. Bei Kracht verschwimmen sie stets, die Grenzen zwischen tatsächlich Erlebtem und dem, was der Autor wohl mit einer Portion Phantasie und einem breiten Lächeln hinzugefügt hat. Wollen wir ihm glauben, dass der Stand, an dem er ein mehliges Sandwich zu sich genommen hat, wirklich „Baku‘s Boogie-Burger“ hieß? Oder dass diese vom Ölreichtum verwöhnte Stadt alte Busse aus Schleswig-Holstein recycelt hat, auf denen noch zur Zeiten seines Besuchs Zielorte wie „Husum-Niebüll“ geschrieben standen? Sich darüber Gedanken zu machen, bleibt die freudige Aufgabe des Lesers.
Schön und gut, werdet ihr nun denken, da war der feine Herr Kracht also in Aserbaidschan. Aber wo bleiben die Berichte aus Seoul, Shanghai und Shenzhen, den ökonomischen „Boom-Towns“, in denen die Urkraft der Marktwirtschaft in kürzester Zeit dort, wo früher nur Fischerdörfer waren, Panoramen von Wolkentürmen entstehen lässt, und Tag für Tag Tausende von Hunger und Armut befreit?
Die einzige Stadt, die aus dieser Sicht interessant ist und von Kracht bereist wurde, ist Singapur – gefallen aber hat es ihm dort nicht. Auf knappen sechs Seiten vergleicht er sein dortiges Reiseerlebnis mit einer „Einkaufspassage in Göttingen“ und führt kurz darauf aus: „Die Stadt scheint tagsüber ausschließlich von Frauen bevölkert, die Twinsets, Perlenketten, karierte Faltenröcke und diese schlimmen Tod‘s-Schuhe tragen und deren einziger Lebensinhalt es zu sein scheint, Unmengen von Anziehsachen einzukaufen und schlechte Laune zu haben.“
So wie Kracht die klassischen Asienziele umschifft und stattdessen das Abgelegene, noch Unentwickelte ansteuert, hat man gelegentlich den Eindruck den Urtypus des Hipsters vor sich zu haben. Wo andere präzivilisatorischen Barbarismus ausmachen mögen, sieht Kracht Authentizität, Vielfalt, Leben. So kontrastiert er beispielsweise eine 1992 vorgenommene Reise nach Vietnam, die im Buch unter der Überschrift „Zu früh, zu früh“ aufgeführt ist und über die er kein einziges schlechtes Wort verliert, mit einer Rückkehr in das Land („Zu spät, zu spät“) sieben Jahre danach, nicht ohne bedrückt festzustellen: „Die damalige charmante Unfreundlichkeit der Vietnamesen, die man am ehesten mit dem ruppigen, aber eigentlich herzlichen Wesen der Sachsen kurz vor der Wende vergleichen konnte, war einer erschreckenden Service-Mentalität gewichen. Es war ganz traurig. Irgendjemand hatte den Vietnamesen inzwischen beigebracht, nach jedem Satz ‚Sir‘ zu sagen und es war kaum auszuhalten.“
Was aus diesen (wie auch aus so vielen anderen) Zeilen spricht, ist eine Liebe für das Originelle, das Unperfekte. Böte man Kracht zwei Reisen an, die eine nach Manhattan, inklusive eines Erste-Klasse-Flugs und der Unterbringung im Waldorf Astoria, die andere ins Hinterland von Kambodscha, wäre es nicht schwer, vorherzusagen, für welche er sich entscheiden würde. Ökonomen würden diesbezüglich wohl von antizyklischem Reiseverhalten sprechen.
Wie ist es vor diesem Hintergrund nun zu interpretieren, dass Kracht den Nebenfiguren seiner Erzählungen immerzu Bücher von so umstrittenen Autoren wie Wyndham Lewis, Ezra Pound und Yukio Mishima in die Hand drückt? Versteckt sich hinter all den ironischen Spielereien, die seine Romane durchziehen, hinter all dem Lob für das Chaotische, vielleicht doch eine Zuneigung zu autoritären Ideologien, ja gar zum faschistischen Stil? Kracht, der Reaktionär? Der Antidemokrat? Aufmerksame Verfolger des Literaturbetriebs mögen sich an den Eklat erinnern, der auf die Veröffentlichung seines 2012 erschienenen Romans „Imperium“ folgte, und insbesondere den Vorwurf des „Spiegel“-Journalisten Georg Diez, Kracht sei mit seinen Schriften ein Wegbereiter „antimodernen, demokratiefeindlichen, totalitären Denkens“, ein „Céline seiner Generation“. Es sagt viel aus über das deutsche Feuilleton, diese intellektuelle Krabbelgruppe, die überall dort, wo Kleinkinder Monster vermuten, einen Hitler zu sehen meint, dass derlei Unsinn dort publiziert und abgedruckt wird. Kracht stellt mit der Nennung dieser Autoren eine Falle – und wenn die Handlanger der Kulturrevolution hineintappen, kringelt er sich vermutlich ebenso sehr vor Lachen, wie er es bei dem Entwurf von Charakteren wie August Engelhardt („Imperium“), Christoph („1979“) und dem namenlosen Protagonisten von „Faserland“ getan hat.
Auch in „Der gelbe Bleistift“ lässt er weder sich noch seine Sprache bändigen und spielt beschwingt mit dem politisch korrekten Zeitgeist, wenn er den Flughafen von Rangun mit einer „goldverzierten Kleenexschachtel auf der Fensterablage eines türkischen Taxifahrers“ vergleicht und die These aufstellt, der Bahnhof von Mandalay sehe aus, als habe man „ein paar deutsche Baumärkte übereinander gestellt und sie dann mit Lametta überzogen“. Anstoß nehmen dürften besonders progressive Leser auch an seiner Charakterisierung der Laoten, deren Wesen er an anderer Stelle so beschreibt: „Laoten sind dicker, kleiner, zufriedener, hobbitartiger als die Thai oder die Khmer. Könnte man sich der Volksseele der Laoten durch einen westlichen Vergleich nähern, dann wären die Schweizer ihnen am wesensverwandtesten: In sich gekehrt, aber auch in sich ruhend.“
Der literarische Höhepunkt des Werkes ist jedoch sein sich über 24 Seiten erstreckender Reisebericht aus Japan, der mit dem Titel von Jun‘ichirō Tanizakis Klassiker „Lob des Schattens“ überschrieben ist. Zu dessen Beginn erlebt man Kracht noch in Bangkok, seinem damaligen Wohnort, und das „richtig mit dem Fuß Türen tretend wütend“. Auch wenn sich das Mitleid des Lesers im Angesicht von Krachts Umständen in Grenzen halten mag („Die Mangobäume in meinem Garten blühten viel zu schnell, ich kam mit dem Beschneiden der Bougainvillea kaum noch nach“), folgt man den Beschreibungen seiner (von ihm wohl völlig ernst gemeinten) Probleme mit schelmischer Freude – bis zu dem Punkt, an dem Kracht die Beschreibung seiner Notsituation in den Worten gipfeln lässt: „ja, ich sehnte mich tatsächlich nach Ordnung“. Was darauf folgt, ist der Auftritt seiner Begleiterin, die ihm natürlich nicht zu einer simplen Auszeit in einem Vorort von Bangkok rät, sondern ihn, ohne dass dies eine lange Diskussion benötigen würde, gleich mit nach Japan nimmt. Wohin man den beiden dann auch folgt.
Einmal im Land der aufgehenden Sonne angekommen, lernt man am Beispiel des Hotels „Okura“ die Vorzüge japanischer Gaststätten kennen („Ein dezenter gelber Teppichboden umspielte unsere Füße, großartige Blumenarrangements warfen ihre Schatten auf Wände aus Reispapier“), erhält einen Einblick in die Innenwelt des Technologiekonzerns Sonyund fühlt sich auf der entsprechenden Seite, als säße man mit den beiden in der Tokioter U-Bahn inmitten von schlafenden „Salarymen“ und solchen, die es einmal waren und die tägliche Route im Anzug nur deshalb weiter auf sich nehmen, weil sie die Schmach ihrer Arbeitslosigkeit ansonsten nicht ertragen würden. Nach Ausführungen zum japanischen Stil und einem Ausflug in Tokios Szeneviertel verschlägt es Autor und Leser zum Abschluss der Reportage in die alte Kaiserstadt Kyōto, „die zweitschönste Stadt der Welt“, die Kracht seinem Publikum dadurch schmackhaft zu machen versucht, dass er ihr attestiert, zu 40 Prozent München und zu 25 Prozent San Francisco zu gleichen (auf Heidelberg entfallen 15 Prozent, auf Bern zwölf Prozent und auf das kroatische Dubrovnik acht Prozent). Dort, wo sich ein klarer blauer Fluss zwischen Tempel-Schreinen und Biergärten hindurchschlängelt, „sitzen junge, gutaussehende Japaner und angeln oder führen ihre Hunde spazieren“, und in der Gegenwart dieser Szenerie sind, wie auch an vielen anderen Stellen des Buches, die bisweilen mäßigen deutschen Sommer gleich wie vergessen.
Was sich auf den 192 Seiten des Buches ausbreitet, ist ein Panorama von Asien an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, zwischen Tradition und Fortschritt, mit einem exzentrisch-humorvollen Christian Kracht in seiner pittoresken Mitte. Harald Schmidt kommentierte sein Lesevergnügen mit den Worten: „Endlich! Krachts ‚Der gelbe Bleistift‘ als Buch für alle, die schon alles gesehen und alles getrunken haben. Aber lechzen nach Stil, Esprit, Dekadenz, Hybris und einem sanften Touch von politisch korrektem Kolonialherrentum. Ein literarischer Sundowner. Cheers im Reisfeld!“
Woher hier das „politisch korrekt“ stammt, bleibt dem Verfasser dieser Zeilen zwar ein Rätsel, dennoch hat der deutsche Late-Night-König hier auf den Punkt gebracht, was man sich von „Der gelbe Bleistift“ erhoffen kann: von Entdeckungsgeist und Witz angereicherte Reiseberichte, welche den Leser, wohlgemerkt ohne je da gewesen zu sein, zu der recht selbstbewussten Erkenntnis gelangen lassen, dass Asien auch nicht mehr das ist, was es einmal war.
Christian Kracht - Der gelbe Bleistift
Dieser Artikel erschien zuerst auf eigentümlich frei
.. & apropos Literatur: Vergesst nicht mein heutiges Gewinnspiel ;)