„Neue Rechte, Alt-Right, Identitäre – das Phänomen hat viele Namen, ist in aller Munde und offenbar ein internationales. Wirklich neu sind die damit verbundenen Ideen aber nicht. Sind die Ziele dieser alternativen Rechten kompatibel mit der Liebe zur Freiheit und der Achtung vor dem Eigentum?“ - Mit diesen Worten leitete André F. Lichtschlag die 177. Ausgabe von eigentümlich frei ein, die unter dem Motto „Neue Rechte, alte Zwänge?“ stand und der in letzter Zeit viel diskutierten Frage nachspürte, inwiefern klassische Liberale und Libertäre eigentlich das gleiche wollen wie eben jene Kinder der Konservativen Revolution und der „Nouvelle Droite“.
Zweifel sind hier durchaus berechtigt, nicht zuletzt weil immer mehr Rechte – ganz in der Tradition Armin Mohlers – nicht in den Linken ihren Hauptfeind sehen, sondern in den Liberalen. Ins gleiche Horn stieß Alain de Benoist, der Vordenker der französischen Neuen Rechten, als er in einem Interview mit der rechtsintellektuellen Zeitschrift „Sezession“ folgendes sagte: „Es besteht kein Zweifel für mich, daß der Liberalismus der Hauptfeind ist. (..) Was ist Liberalismus? Das ist die Ideologie, die ihren Ursprung in der Philosophie der Aufklärung besitzt (aber deren Wurzeln viel weiter zurückreichen), die das Individuum und seine 'natürlichen' Rechte als die einzigen normativen Instanzen des Lebens in der Gesellschaft ansehen, was darauf hinausläuft, das Individuum zur alleinigen Quelle der Werte und der Lebenszwecke zu erheben, die es auswählt. Dieses Individuum wird für sich betrachtet, jenseits jeden sozialen oder kulturellen Kontexts. Deshalb erkennt der Liberalismus keine eigenständige Stellung von Gemeinschaften, Völker, Kulturen oder Nationen an.“
Wenn man sich diese Worte genauer ansieht, wird schnell deutlich, dass hier einiges entwirrt werden muss. Nicht leugnen lässt sich, dass Neu-Rechte eine Position zur Aufklärung haben, die von der klassisch-liberalen bzw. libertären stark abweicht. Ebenso verläuft bei der Frage des Individualismus ein Graben zwischen den beiden Lagern. Klassische Liberale und Libertäre haben in der Tat ein Weltbild, das auf der Prämisse des Selbsteigentums am eigenen Körper ruht, und leiten daraus das Hayeksche Ideal ab, das mit der individuellen Freiheit jenen Zustand meint, „in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist.“ Wo de Benoist jedoch eindeutige Denkfehler begeht, ist in den letzten zwei Sätzen: Hier wird Individualismus gleichgesetzt mit der Leugnung von kulturellen Gemeinschaften und aus dem Nicht-Aggressionsprinzip wird plötzlich atomares Einzelgängertum. Kein (vernünftiger) Liberaler oder Libertärer behauptet, dass Menschen unabhängig und jenseits von überordneten Strukturen existieren. Wir alle werden in eine bestimmte Nation hineingeboren, wachsen mit übermittelten Traditionen auf und besitzen eine Muttersprache, was in seiner Gesamtheit natürlich einen Teil unserer Identität ausmacht. Der einzige Bereich, in dem Liberale und Libertäre das Individuum über das Kollektiv erheben, ist der des Politischen, eben weil wir Murray Rothbards Ansicht teilen, dass „in der Freiheit (..) die Pracht zivilisierten Lebens“ wurzelt. (Zur Frage der Vereinbarkeit von Individualismus und Nationalismus sei an dieser Stelle auch Ludwig von Mises' Essay „Nationalismus, das Recht auf Selbstbestimmung und die Einwanderungsproblematik“ empfohlen, Link weiter unten.)
Wer in den Dialog mit Neu-Rechten oder Identitären tritt, merkt auch rasch, dass dort nur sehr selten zwischen einem positiven und einem negativen Freiheitsbegriff unterschieden wird. Während Libertäre mit Grauen darauf schauen, wie ihr einstiges Ideal in Orwellscher Manier komplett in sein Gegenteil verkehrt wurde, sieht man innerhalb der Neuen Rechten ein Kontinuum zwischen Eugen Richter und Julius Faucher einerseits und Kathrin Göring-Eckard andererseits (was schon allein deswegen tragisch ist, weil es wohl keine totalitärere Partei als jene der ökosozialistisch-multikulturellen Grünen gibt, die sich zwar „liberal“ nennt, aber sich im Angesicht von selbstdenkenden Menschen vermutlich schon die Umerziehungslager der Toleranz herbeiwünscht).
Wir sehen also, dass es gewisse Definitionen gibt, die sich auf beiden Seiten des Grabens unterscheiden und somit die Grundlage für spätere Missverständnisse bilden. Hinter diesen oft begrifflichen Differenzen verbergen sich jedoch auch einige Gemeinsamkeiten und nicht-unwesentliche ideologische Schnittmengen. So haben weder Rechte noch Libertäre ein Problem damit, die menschliche Biodiversität als unumstößliche Tatsache hinzunehmen. Sie versuchen weder sie kleinzureden, noch Redeverbote zu erlassen, die eine ehrliche Diskussion zu dem Thema unmöglich machen. Sie sind in ihrem Kern anti-egalitär, akzeptieren also, dass sich Menschen in allen Lebensbereichen und jeder nur erdenklichen Art voneinander unterscheiden. Diese Vielfalt durch eine staatliche Einfalt zu ersetzen, sei es durch Gender Mainstreaming oder eine die Nationen der Ersten Welt auflösende Einwanderungspolitik, ist in ihren Augen weder moralisch gerechtfertigt, noch erstrebenswert.
Basierend auf dieser Feststellung lässt sich ein gemeinsamer Feind benennen: Jede Ideologie, die unter der Zuhilfenahme weitreichender staatlicher Strukturen versucht, die ihr untergeordneten Menschen gemäß des eigenen Weltbildes umzuerziehen. Mit anderen Worten: Jede Art des Totalitarismus.
Nun schreckt die Neue Rechte nicht davor zurück, festzustellen, dass auch die heutige BRD von einem „sanften Totalitarismus“ durchzogen ist. Dazu heißt es beispielsweise in einem Werbevideo der Identitären Bewegung Bayerns: „Unsere Freiheit wird zunehmend eingeschränkt. Der Staat greift nach den Seelen unserer Kinder – Für die Umsetzung einer Ideologie, die entgegen der Realität umgesetzt wird.“ Wollte man Gemeinsamkeiten mit jenem Lager ausfindig machen und einen freiheitlich-patriotischen Schulterschluss suchen, so ließe sich genau hierauf aufbauen. Was eingangs wie eine unüberbrückbare Kluft zwischen Libertären und Neu-Rechten erschien, wird nun zur simplen Uneinigkeit bezüglich der Frage, wo die Wurzeln solcher Totalitarismen liegen.
Libertäre dürften sich recht einig darin sein, dass der in Tippelschritten zum Sozialismus schreitende Staat einiges damit zu tun hat. Ganze Nationen lassen sich nun einmal nicht umerziehen, wenn es keine staatliche Strukturen gibt, die jeden Lebensbereich durchdringen und derer sich die Gesellschaftsklempner nach ihrem Gutdünken bedienen können. Gäbe es sie nicht und würde beispielsweise eine private Schule versuchen, ihren Schülern die geschlechtliche Identität auszutreiben, würden deren Eltern sich auf dem Markt sofort nach Alternativen umsehen. Erst wenn Bevölkerungen durch die ihnen aufgezwungenen „Wohlfahrts“-Staaten so weit infantilisiert und ihre natürlichen Abwehrkräfte fast vollends abgetragen wurden, wird es für Politiker möglich, sie wie Mäuse in einem Labor zu manipulieren und herumzukommandieren.
Zugegeben: Neu-Rechte würden das so nicht formulieren. Doch auch hier, bei der Suche nach der totalitären Wurzel, offenbaren sich rasch Gemeinsamkeiten, wenn man einmal über das oberflächliche Geschimpfe zum „Liberalismus“ hinwegsieht. Eine sehr gute Zusammenfassung des rechten Standpunktes findet sich in dem von der Blauen Narzisse verlegten Büchlein „Rechts!?“, wo ein junger Mann namens Gereon Breuer schreibt: „Wenn es um die Frage geht, was rechts ist, dann ist es deshalb nicht politisch. Rechts ist mehr als eine politische Kategorie, zu der es heute herabgewürdigt wird. Es ist das, was die Welt im Innersten zusammenhält, was ewige Gültigkeit hat. Rechts ist nicht einfach das Gegenteil von links, sondern das, was schon existierte, lange bevor ab 1789 die Linke als Krebsgeschwür der Weltgeschichte populär wurde.“ Im darauf folgenden Absatz heißt es: „In der menschlichen Natur ist die Fremdbestimmung nicht vorgesehen, solange sie den Interessen des Menschen nicht dient. Das ist, was ein Rechter zuerst im Blick hat: Die Interessen des Menschen und das sind vor allem seine eigenen Interessen. Über die Jahrtausende bis zur Französischen Revolution war es für die Rechte eine Selbstverständlichkeit, als Herr und Souverän ihrer selbst und der ihnen anvertrauten Menschen zu wirken.“
In diesen Worten scheint durch, was heutige Rechte (die, zugegeben, auf eine immer autoritärere Linke und ihre Zerstörungswut reagieren müssen) oft vernachlässigen oder gleich ganz vergessen. Rechts zu sein, heißt, einen Gegenpol zu all jenen Luftschlössern zu bilden, die entgegen der menschlichen Natur errichtet werden. Anstelle der totalitären Unterdrückungsapparate, die im Zuge der linken Bestreben immer errichtet werden müssen, strebt man die Selbstbestimmung der Menschen an, die durch natürliche Autoritäten bestmöglich geschützt werden soll. Dass jene aristokratischen Hierarchien nach 1789 mehr und mehr verschwanden und durch die „Tyrannei der Mehrheit“ (Alexis de Tocqueville) ersetzt wurden, ist aus traditionell-rechter Sicht die Wurzel des Problems.
Anti-totalitär und anti-egalitär - Vermutlich gibt es niemanden, der diese stillen Gemeinsamkeiten von Libertären und Neuen Rechten so gut verkörpert hat wie jener Mann, der von seinen Freunden liebevoll „der Ritter“ genannt wurde, der in den Augen Ernst Jüngers eine „einsame Stechpalme“ darstellte und dessen Name bereits in der Überschrift dieses Artikels fiel: Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn.
Kühnelt-Leddihn wurde am 31. Juli 1909 im österreichischen Tobelbad geboren. Noch bevor er im Alter von 18 Jahren begann in Wien Jura zu studieren, schrieb er bereits für die englische Zeitung „The Spectator“, was den Beginn seiner langjährigen journalistischen Karriere markieren sollte. Es folgten ein Studium der Volkswirtschaftslehre und der Politikwissenschaften in Budapest, ein nun wieder in Wien absolviertes Theologiestudium, eine Tätigkeit als Lehrer am Beaumont College in Großbritannien sowie eine (der damaligen politischen Lage geschuldete) Übersiedlung in die USA. Auch dort lehrte er an mehreren Universitäten, bevor er nach dem zweiten Weltkrieg nach Österreich zurückkehrte.
Sowohl in dieser Zeit als auch den Jahrzehnten danach schrieb Kuehnelt-Leddihn eine Vielzahl von Sachbüchern, Romanen und Artikeln, die ihrerseits die Themenfelder Politik, Soziologie, Geschichte und Religion abdeckten und ihm rasch den Ruf eines unabhängigen Universalgelehrten einbrachten. Wollte man nun seine Überzeugungen und seine Weltsicht in wenigen Sätzen zusammenfassen, käme man nicht umhin, zuerst auf sein Verständnis der politischen Einordnungen „links“ und „rechts“ einzugehen. „Links“ – das war für ihn alles von Totalitarismus, Sozialismus, Militarismus und der politischen Zentralisierung bis hin zu Materialismus, medialer Gleichschaltung und der Glorifizierung des Fortschritts (Eine detaillierte Liste ist in dem Buch „Die rechtgestellten Weichen“ aufgeführt und wurde von André F. Lichtschlag in einem 2009 veröffentlichten Artikel wiedergegeben, welcher weiter unten verlinkt sein wird). Dem gegenüber stellte er den Begriff „rechts“, der für das Gegenteil all dieser Dinge stand und ihrer kollektivistischen Einfältigkeit die oben bereits angesprochene Selbstbestimmung des Individuums entgegensetzte. Darüber hinaus sah er in der Massendemokratie eine Gefahr für die Freiheit (wie es im übrigen jeder tut, der sein Magnum Opus „Freiheit oder Gleichheit“ gelesen hat) und schlussfolgerte (ganz ähnlich wie Hans-Hermann Hoppe) daraus, dass die Monarchie eine der Demokratie überlegende Herrschaftsform darstellt.
Warum gehen wir nicht mit dieser Art des „rechts“ in die Offensive? Diese Neuordnung des politischen Spektrums hätte nicht nur den Vorteil, dass Libertäre und Identitäre auf einmal Schulter an Schulter ständen, sondern würde auch dazu führen, dass man „den Gegner“ nun endlich und mit einer Stimme als totalitär bezeichnen könnte – Ein Label, das man sich auf Seiten der Eine-Welt-Traumtänzer wahrlich verdient hat.
Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn – Katholisch, rechtsradikal und liberal
http://ef-magazin.de/2009/07/31/1382-erik-maria-ritter-von-kuehnelt-leddihn-katholisch-rechtsradikal-und-liberal
Erik von Kühnelt-Leddihn - Liberty Or Equality (.pdf)
https://mises.org/library/liberty-or-equality-challenge-our-time
Ludwig von Mises – Nationalismus, das Recht auf Selbstbestimmung und die Einwanderungsproblematik (Teil 1)
http://www.misesde.org/?p=15461