Puh, die letzten Kapitel 6 und 7 haben es noch einmal in sich. Das liegt zum Einen in der Natur der Sache. Nach dem Tod Abd al Maliks und seiner Söhne Sulayman und al-Walid zeichnen sich wieder einmal nach 125 (747) einige Jahre der Wirren ab. Zum anderen sind die Kapitel sehr gepresst, holen weitere Informationen rein, die schon im 7. Jhd. unterzubringen sind (geografisch östlicher und theologisch buddhistisch) und daher an anderer Stelle eventuell angebracht wären (andererseits vorige Darstellungen noch verkompliziert hätten) und es ist schließlich der Sammelband eins.
Ich werde mich bei Kapitel 6 darauf einschränken einmal nur Belege und Phrasen, die für uns wichtig sind (weil sie ein deutlich abweichendes Narrativ von der traditionellen Erzählung bieten) zu liefern und versuchen die Grundideen der (historischen) Entwicklung zu vermitteln, ohne eine Vielzahl an Namen zu werfen. Manches ist auch mir nicht völlig klar. Auf einen Namen und eine Gruppe kann ich dabei nicht verzichten. Das ist ‘Ali und die Aliden. Schon deshalb nicht, weil die Schiiten sich auf ihn bzw. sie beziehen. Falls es wer genauer wissen will: Raymond Dequin (der vom Wiki Eintrag Saarbrücker Schule) hat im Band 6 einen langen - und vor allem lesbaren (ohne die ?) - Beitrag zu ‘Ali geschrieben.
Kapitel 7 dann al Ma'mun.
Die Weiterentwicklung des muhammad-Konzepts im zweiten Jahrhundert der Ära nach den Arabern
Belege
Eine auf 766 datierte arabische Silbermünze aus dem 1999 bei Spilling auf Gotland geborgenen Schatzfund von 14 296 überwiegend arabischen Geprägen hat die Inschrift Musà rasul Allah (Moses ist der Gesandte Gottes). [...] vier weitere Exemplare von Prägungen im Namen Moses aus Wikingerfunden bekannt geworden.
Wiki
Die Münzen sind unpubliziert. Sie befinden sich in schwedischen Museen und werden von den dortigen Fachleuten fälschlich den Chazaren an der unteren Wolga zugeordnet. [...]
Wiki
Dieses Verhältnis von Moses als dem Propheten und Aaron als seinem Wesir findet auch Ausdruck in den frühen arabischen Felsinschriften im Negev [Israel/Palästina]. Dort finden sich formelhafte Anrufungen Gottes nach der Art: „Du bist der Weltenherr, Herr des Mose und Aaron“ [...]
In den Münzlegenden wird der Terminus Muslim zum ersten Mal [131,132/753,754] historisch fassbar.
Auch die auf das Jahr 135 der arabischen Ära datierte Bauinschrift am Heiligtum in Medina, später als Prophetengrab bezeichnet, verweist nicht eindeutig auf revolutionäre Veränderungen, [...] im Text dieser Inschrift wird Jesus noch erwähnt als muhammadun, die Definition der Inschrift im Felsendom von Jesus als „Gottesknecht und Apostel“ wiederholt.
Im weiteren Verlauf des inschriftlichen Textes wird historisch fassbar zum ersten Mal von einer [...] Sunnah des Propheten gesprochen. Diese Verwendung des Begriffs sunna deutet auf ein Verständnis im Sinne eines Deuteronomiums [s.u.] hin. Das kitab Allah [Buch Allahs] (das Geschriebene betreffs Gott [nicht: der Koran]) wird im gleichen Atemzug erwähnt wie die sunna [...]. Dies ist eine Abfolge, welche vom Alten Testament her bekannt ist. Den vier Büchern Mosis [wie kitab Allah] folgt der Bericht des Deuteronomiums (griech. zweites Gesetz) [wie sunna oder Mischna]. Was unter der sunna des Propheten zu verstehen ist, wird erst nach der Instrumentalisierung dieses Begriffs zu Zeiten al-Ma’muns deutlich. Seit der Zeit al-Ma’muns lässt sich die sunna [...] als eine islamische Mischna [s.u.] verstehen. [...] Es wäre somit nur ein Hinweis auf die Geltung des mosaischen Gesetzes, so wie es im Deuteronomium niedergelegt ist. In diesem Sinn ist das mosaische Gesetz auch noch heute von äthiopischen Christen zu befolgen.
Zu Deuteronomium, Mischna, Tora und Talmud gleich ein erklärender Exkurs via Wiki.
Davon abgesehen handelt die Inschrift [über alles mögliche] [...], zuvörderst aber vom Respekt gegenüber der Verwandtschaft. Welch Unterschied [zu] [...] der Ekthesis ‘Abd al-Maliks im Felsendom, welche sich an die „Leute/Völker der Schrift“ wandte [...]
Nach einer solchen Fülle von Ankündigungen erwartet man den Namen des neuen Herrschers, des ersten Vertreters der Abbasiden. Allein, es findet nur das Protokoll [Titulatur] des arabischen Herrschers ’abd Allah und der Titel Amir al-mu’minin Erwähnung auf den Münzen. Der neue Herrscher bleibt anonym, wie zuvor die marwanidischen [s. dazu unten] Sayyids, deren Namen nach 77 resp. 78 der arabischen Ära auch nicht auf den Gold- und Silberprägungen erwähnt werden [Das ist ein Rückblick zum letzten Teil].
Exkurs.
Wiki „Das 5. Buch Mose, [...] Deuteronomion, [...] („zweites Gesetz“) genannt, ist das fünfte Buch des jüdischen Tanach wie auch des christlichen Alten Testaments und damit das fünfte Buch der verschiedenen Bibelkanons. In der rabbinischen Literatur wird das Buch auch Mischne Tora („Wiederholung der Weisung“) genannt.“
Wiki „Die Mischna ([...] „Wiederholung“) ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und als solche eine der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen des rabbinischen Judentums, [...] Die Mischna bildet die Basis des Talmud. [...] Die Mischna [...] bildet damit die Grundlage der späteren talmudischen Argumentationen (Gemarah). Redigiert wurde sie Anfang des 3. Jahrhunderts in Galiläa [...] und im sogenannten Mischna-Hebräisch verfasst, aramäische Sätze sind darin selten.“
„Nach orthodoxer jüdischer Auffassung hat Gott die Tora [...] [Moses] in zweifacher Form offenbart: zum einen als „schriftliche Tora“ [...], also in Form der fünf Bücher Mose, die den Anfang auch der christlichen Bibel bilden; zum anderen als „mündliche Tora“ [...], die sich mit der Auslegung der schriftlichen Tora befasst. Die mündliche Tora wurde in der Folgezeit von einer jüdischen Gelehrtengeneration zur nächsten mündlich tradiert. [...] Es begann der Prozess der Verschriftung der ursprünglich mündlichen Lehre. Diese mündliche Lehre ist der Talmud. Der Talmud setzt sich wiederum aus zwei Teilen zusammen. So der Mischnah dem ältesten Teil und Text im eigentlichen Sinne. [...] Die Gemarah [zweiter Teil des Talmud] wiederum ist die Diskussion und der Kommentar zur Mischna.“
Es gibt einen babylonischen und einen Jerusalemer/Palästinischen Talmud. „Wenn einfach vom Talmud gesprochen wird, ist in der Regel der Babylonische Talmud gemeint.“
„[D]ie Gemara (aramäisch: [...] ‚Lehre‘, ‚Wissenschaft‘), die aus Kommentaren und Analysen zur Mischna in aramäischer Sprache besteht.“
[Alle Hervorhebungen entfernt und meine hinzugefügt.]
Exkurs Ende.
Zum Beth-el/Yegar sahaduta Stein (Haus Gottes) gibt es in den letzten Kapiteln kein Wort mehr. Auf Anhieb kenne ich auch keine direkte Verbindung zur Kaaba. Vorstellbar wäre es ja. Eigentlich schade. Es kommt fast wie Zeitverschwendung vor, diese Prägung eines Steins oder von Steinstapeln anstelle eines Kreuzes für einen gewissen Zeitraum so ausgeführt zu haben, wenn das eventuell nur das einzige ist, was man davon mitzunehmen hat.
Muhammad und Abdallah haben sich auch als Namen etabliert. Wobei mit Muhammad (Gepriesener/Erwählter) theologisch sowohl Jesus als auch Moses (und noch andere (Propheten), aber die beiden hauptsächlich) gemeint sein können.
Entwicklung
Vorbemerkung zu Marwaniden.
Die Marwaniden wurden letztes Mal schon erwähnt. Der Bruder von Abd al Malik ist ‘Abd al-’Aziz ibn Marwan, ein Marwanide. Abd al Malik ist schließlich selbst Marwanide. Auch der Sohn Abd al Maliks wurde dort als Marwanide bezeichnet.
Wenn ihr Marwaniden bei Wiki nachschlagen wollt, erhaltet ihr „Dieser Artikel [„Marwanide"] hat eine kurdische Regionaldynastie [990-1096] als Thema. Als Marwaniden werden auch die auf den Kalifen Marwan I. zurückgehende Seitenlinie der arabischen Umayyaden sowie die über das spanische Badajoz herrschenden Nachkommen des Ibn Marwan bezeichnet.“
Um diese Marwaniden um Marwan I., Abd al Malik und Marwan II. geht es Popp. Er sieht sie dabei als eigenständige Herrschaftsgruppe oder Dynastie, wie (nach TL) die Abbasiden und Umayyaden (und Aliden und Barmakiden), nicht als bloße Untergruppe der Ummayaden (TL). Diese Dynastien befinden sich im Streit.
(Eine Verbindung der Marwaniden zur Stadt Marw wird nicht gemacht.)
Nach dem Tod des letzten der Söhne ‘Abd al-Maliks 125 nach den Arabern kommt es zu Wirren unter den marwanidischen Sayyids, und eine andere Gruppe arabischer Sayyids aus dem Osten übernimmt die religiöse Führung der Araber. Die religiösen Zentren der marwanidischen Sayyids erfahren eine Rückstufung im Rang. Ihr Zentrum Damaskus verfällt der Nichtbeachtung, Jerusalem muss hinter das neue Zentrum im Hijaz, Medina, zurücktreten.
Die Herrschaftspragmatik besteht noch etwas weiter fort als die religiöse Führung.
[...] [Es] funktionierte die marwanidische bürokratische Praxis im Westen des Arabischen Reichs, in Karthago, unverändert weiter bis zum Jahr 137 der arabischen Ära, im Osten, [...] bis zum Jahr 138 [...]
Edit: Ein spezifisches 'Ali Bild von 2000 im Vgl. zu einem Christusbild 18. Jhd., S. 13 (letzte). Schon bekannte Quelle Heger.
Für was jetzt kommt, werden zwar schon Begründungen geliefert, aber ich lasse es so als Behauptung stehen (weil die Begründungen zu kurz, kompliziert (und mir an der Stelle zu wenig einleuchtend) sind).
Die Weiterentwicklung des Muhammedanismus erfordert die Bildung einer Paarung, welche die Verkündigung und ihre Umsetzung repräsentiert. Dem Erwählten (muhammad) wird ein Erhabener (‘Ali) beigesellt, welcher der Bevollmächtigte des Propheten und Executor seines Willens ist. So kann nicht verwundern, dass der Erhabene als wali Allah [Freund/Vertreter Allahs] tituliert wird. [Wali Allah wurde letztes Mal nur erwähnt, auch diesmal nicht mehr dazu.]
Die Anhänger der Familie des Erhabenen [Aliden] können im Osten des Arabischen Reichs an Einfluss gewinnen, nachdem die Familie des Erwählten [Marwaniden] im Westen in eine Legimitätskrise geraten ist. Die marwanidischen Sayyids im Westen des Arabischen Reichs vermögen es nicht, über das Ende der Söhne ‘Abd al-Maliks hinaus ihre theokratische Vorrangstellung zu behaupten. Im Verlauf des Umsturzes [Anmerkung: Das müsste dann 137/8, 749/50 sein?] werden ihre [haram]s [haram s. Teil 3 und Teil 2; der Plural lautet anders, der Einfachheit halber nur ein s rangehängt] erobert. Die Pilgerfahrt nach Jerusalem und Rusafa wird beendet. Die Stadt des Täufers, Damaskus, verliert ihre herausgehobene Stellung als Hauptstadt.
Nach arabischer Tradition geht die Leitung der Gemeinde an die Nachkommen des nächsten Verwandten des Erwählten über. Jesus [Erwählter] hatte keine männlichen Nachkommen. [...] Seine arabische Erscheinungsform Muhammad kommt analog dazu ebenfalls ohne männlichen Nachwuchs aus. Damit kann man sich noch arrangieren, aber die Abstammung nach Maria muss korrigiert werden, sei es durch Adoption, sei es durch das Bekanntmachen des leiblichen Vaters. An die Stelle eines „muhammad“ ‘Isà [Jesus] ibn Maryam, welcher ein „’abd Allah“ ist, tritt Muhammad ibn ‘Abd Allah [Abdallah als Name des Vaters]. Der Erhabene [‘Ali] mutiert zum Schwiegersohn, damit das arabische Verständnis der Nachfolge im Rahmen der Verwandtschaft bedient werden kann. Die alidischen Sayyids lenken die Verehrung der Heiligen an neue Orte, die Stätten der Märtyrer aus der Familie ‘Alis in Mesopotamien, Karbala und Najaf.
Erstaunen muss [für TLler], dass alle religiösen Turbulenzen einen iranischen Hintergrund haben. Die muhammad-Mission [dawa] ‘Abd al-Maliks hatte ihren Ausgang im ostiranischen Raum, die Anhänger der Familie nach ‘Ali [ebenso] [...] weiter im Osten.
[Keine von zwei streitenden Parteien (nicht Marwaniden und Aliden)] [...] können ihre Vorstellungen zwischen 128 bis 135 der arabischen Ära allgemein erfolgreich durchsetzen. Der Sieg fällt einer dritten Partei zu, welche den sassanidischen Hof an seinem alten Ort [Ktesiphon, gemeint ist aber Bagdad, was sehr in der Nähe ist] wieder aufleben lässt und mit geringen Modifikationen die marwanidischen Aussagen (die christologischen werden entfernt, ob Gott einen Sohn hatte oder nicht ist nicht mehr von Bedeutung für den Fortgang der Debatte) in den Münzinschriften übernimmt. Es fällt auf, dass der Hinweis auf Gehorsam den Wandel überlebt.
Ich habe erst den Fehler gemacht die dritte Partei Abbasiden nennen zu wollen. Aber wenn ich Popp richtig verstehe, haben wir gar nicht unbedingt den Namen einer anderen Dynastie. Von Abbasiden sprechen wir nur, weil die TL sie so benennt, die aber eine viel größere Gruppe an Personen meint.
Die iranischen Hunnen (Sie sind nicht zu verwechseln mit den Hunnen.), (Turan) und Tibeter machen aus dem Osten wieder (noch?) wie zu den Zeiten der Sassaniden (persische Herrscher bis 622 bzw. 651) Druck. Daher verbündet man sich mit den Buddhisten.
Die Abbasiden/neuen Herrscher haben ihren neuen (Herrschafts-)Hof in Bagdad. Dort sind sie mit den Barmakiden, das sind die Buddhisten, verbündet.
Die Wesirsherrschaft [Wesir steht für so viel wie Helfer, Repräsentant, Ausführer; Popp macht einen Vergleich von Aaron (Wesir) zu Moses (Prophet)] der buddhistischen Tempelherren in Bagdad ist durch vielfältige numismatische Zeugnisse belegt. [...] Das Oberhaupt des buddhistischen Klosters Nawbahar, [...] trug den Titel parmak [barmak], d. h. Oberhaupt, Vorsteher. Das Kloster war bis nach China hin bekannt und wird in der chinesischen Pilgerliteratur erwähnt[.] (Die von den Taliban gesprengten Buddhastatuen von Bamyian waren ebenfalls Zeugnisse einer Präsenz des Buddhismus im ostiranischen Raum).
Wiki.
In einem anderen Text Inârahs findet man wieder, dass die Umkreisung der Kaaba in Mekka, das Hin-und-Her laufen zwischen den Hügeln und weitere Rituale wahrscheinlich mit dem Einfluss des Buddhismus zu tun haben werden.
Von den Abbasiden stehen viele in Verbindung mit den Barmakiden. Es wird nicht aufgedröselt wie die ganzen Namen womöglich realiter in Verbindung standen, nur auf Schwierigkeiten der TL dort hingewiesen. Vielleicht ist/war die Forschung noch nicht so weit. Die Namen erspare ich euch, nur den wichtigsten nenne ich (evtl. auch allgemein bekannt; Stichwort Karl der Große): Harun ar-Raschid (Harun=Aaron).
Wiki.
Im Jahr 186 der arabischen Ära soll Harun al-Rašid die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen haben. Damit wird deutlich, dass bereits Harun als der Wächter der Heiligen Stätten in Mekka gesehen wird. Auch dies dürfte eine spätere Projektion sein.
Haruns Sohn ist al-Ma’mun (der folgt in Kapitel 7).
Jihad
In der Berichterstattung nach den Vorstellungen des „Traditionellen Berichts“ wird auf die Bedeutung Harun al-Rašids als Führer des Jihad gegen die Ungläubigen verwiesen. Die Gründe für die Kriegszüge, die später zum islamischen Jihad umgedeutet wurden, mögen ganz anderer Art gewesen sein. Es ist nahe liegend, diese Kriegszüge als einen Teil der Fortführung der sassanidischen Politik gegenüber Byzanz zu sehen. Angesichts der inneren Unruhen in weiten Bereichen Irans verschaffte die Fokussierung auf den traditionellen äußeren Feind dem Herrscher in Baghdad die Bestätigung in einer historisch gewachsenen Führungsrolle. Der Angriff auf ein an einer inneren Schwäche leidendes Byzanz steht in der Tradition der opportunistischen Eroberungen zur Zeit der Marwaniden in Nordafrika und Spanien.
Seine eigene Ehefrau Zubayda hatte sich schon das Recht zur Münzprägung verschafft. Auf ihren Münzen wird Harun al-Rašid nicht einmal mehr erwähnt. Dreizehn Jahre prägte sie fortlaufend in eigenem Namen. Für Haruns Ehefrau war im Jahr 185 der arabischen Ära nur noch die Regelung der Nachfolge von Bedeutung. Den drohenden Konflikt zwischen Haruns Sohn al-Ma’mun und ihrem später geborenen Sohn al-Amin hat die Enkelin al-Mansurs versucht zu entschärfen, indem sie in der Münzinschrift einen koranischen Text zitiert: (Koran 15:47-48) [...] Es sollten demnach in Zukunft paradiesische Zustände herrschen. So verwundert es nicht, dass der Hof in Baghdad den Sohn der Zubayda, al-Amin, als Nachfolger Harun al-Rašids begrüßte.
Al-Ma’mun
Wiki.
Mittels einer Vielzahl Verbündeter hatte al-Ma’mun den vom Hof gekürten Sohn der Zubayda [al-Amin] verdrängt. Im Verlauf der Auseinandersetzungen hatten sich alle Parteien verschlissen, bis nur noch die Aliden als Gegner al-Ma’muns auf dem Plan waren. Al-Ma’mun entledigte sich ihrer mittels einer Umarmungsstrategie [Ein Teil dieser folgt gleich nach dem Satz zur Apokalypse; der Alide ist ein anderer als al-Ma'mun.].
Auch um 200 gibt es wieder Weltuntergangsfantasien (Endzeit, Apokalypse). Z.B. wird in Homs (Hims) ein Messias erwartet.
In den Inschriften dieser Emission mit der Nennung des Aliden als Thronfolger bezeichnet sich al-Ma’mun als Kalifat Allah. Hier taucht das Protokoll des Kalifen in der bereits von ‘Abd al-Malik unter anderen Vorzeichen verwandten Form wieder auf. Die Bezeichnung Kalifa ist zuvor schon häufig verwandt worden in Verbindung mit den Namen der Abbasiden. Der Begriff Kalifat Allah hingegen erscheint aber erst zur Zeit al-Ma’muns im Zusammenhang mit Prägungen, welche den Aliden als Thronfolger benennen. Die Vorstellung von Kalifat Allah als Sprecher für Gott war eine Reaktion des Marwaniden ‘Abd al-Malik auf den Anspruch des byzantinischen Kaisers gewesen, sich als servus christi zu präsentieren. [Eine Erinnerung an bereits Geschriebenes.] Al-Ma’mun greift diese Formel jetzt wieder auf, füllt sie aber mit neuem Leben [...]
Die Vorstellung von der durchgängigen Existenz eines Amtsverständnisses von God’s Caliph, von einer mythischen Frühzeit bis hin zu den Abbasiden, ist nach dem Zeugnis der Inschriften nicht zu belegen. Kalifat Allah zur Zeit ‘Abd al-Maliks ist nicht gleich Kalifat Allah zur Zeit Ma’muns [...]
[...] al-Ma’mun hatte bereits im Jahr 194 der arabischen Ära den Titel imam [so viel wie geistlicher Anführer, Vorsteher] ursupiert.
Somit verkörperte al-Ma’mun als imam und Kalifat Allah hinfort den Typ des weltlichen und geistlichen Führers, wie ihn die Literatur der Abbasidenzeit bereits von den ersten Kalifen in der mythischen Heimat des Propheten der Araber verkörpert sieht.
Wohin sein Blick ging, zeigt uns die Veränderung des Münzbildes seit 204 nach den Arabern. Diese anonyme Prägung findet sich später im Osten und im Westen, in Marw und [...] Al-Ma’mun zeigt sein Interesse an den Verhältnissen unter den marw[a]nidischen Sayyids an, als der Herrscher nicht regierte, sondern als religiöser Vordenker verehrt wurde und eine anonyme Verwaltung effizient arbeitend vielerorts im Arabischen Reich anonyme Münzen mit der religiösen Botschaft emittierte. [Erinnerung an den letzten Teil.]
Bagdad
Baghdad war zur Zeit von al-Ma’muns Rückkehr im Jahr 204 der arabischen Ära (826 AD) ein urbanes Kraftfeld mit einer vielfältigen Einwohnerschaft und ein Zentrum der Intellektuellen.
Es existierte dort eine bedeutende jüdische Gemeinde, welche nicht nur Talmudstudien trieb, sondern auch an der Ausbildung der Mischna (arab. sunna) arbeitete. Manichäer hatten das „ Buch“ ihres Kirchengründers Mani bekannt gemacht. Die Zoroastrier waren dem Vorbild der Christen gefolgt, welche ihr Heiliges Buch (eine Harmonie des Neuen Testaments in einem Band) verbreiteten. Der Autor dieser Bearbeitung des Neuen Testaments, der aus dem Nordirak stammende Tatian, hatte bereits im zweiten Jahrhundert großen Erfolg mit seiner Evangelienharmonie, dem Diatesseron [...]
Das Diatessaron ist eine Fassung der vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in einem zusammenhängenden Band, es wird zu Beginn des 5. Jhd. verboten; die Peschitta, die ebenfalls diese vier Evangelien enthält, die dort aber für sich allein, separat stehen können (und andere Unterschiede) löst es im 5. Jhd. im syrischen Raum ab.
Die Zoroastrier hatten die Schriften ihrer Kirche gesammelt und kanonisiert. Nach ihrer Tradition wurden die Fragmente der Awesta zur Zeit des Sassaniden Schapur I. (241-272) gesammelt. Das Schriftbild der Awesta in dieser frühen Fassung war nicht mehr als eine mnemotechnische [Gedächtnis-künstlerische/stützende, Beispiel heutzutage: Eselsbrücken] Konstruktion, um dem Gedächtnis der Priester aufzuhelfen. Dies führte einige Jahrhunderte später zur Schaffung eines Alphabets, welches nur für die Schreibung der religiösen zoroastrischen Texte [erinnert an koranischen rasm] verwandt wurde.
Zur Zeit al-Ma’muns war die Verschriftlichung der Prophetenliteratur soweit gediehen, dass [...]
Juden, Manichäer, Zoroastrer und Christen (in Form des Alten Testaments + Diatessarons oder der Peschitta) ihre Bücher vorlegen konnten.
Die letzteren beiden Schriften waren womöglich
[...] wohl Grundlage der späteren islamischen Diskussion über die „Verfälschung“ der Schrift[.]
[D]ie Verschriftlichung der Prophetenliteratur soweit gediehen, dass [...]
die „Araber“ [...] ihre religiöse Tradition nur mittels koranischer Materialien belegen konnten. Diese Materialien hatten sich noch nicht zu der Vorstellung von einem eigenständigen Buch weiterentwickelt, sondern galten noch als Apokryphe (kitab Allah) [Apokryphen sind kurze jüdische/christliche Schriften außerhalb des (heutigen) Biblischen Kanons]. Das ursprünglich aramäische Wort Qur’an [wird hier nicht weiter ausgeführt] findet sich in den frühen arabischen Inschriften nicht. Der einzige Verweis auf Schriftgut (kitab Allah) ist der Hinweis in der Inschrift von Medina vom Jahr 135 der Ära der Araber.
Ziel al-Ma’muns als Imam und Kalifat Allah musste daher die Schaffung einer eigenständigen, nicht erkennbar vom Christlichen (dafür waren weiterhin die Kirchen zuständig) abgeleiteten Tradition seiner geistlichen Herrschaft sein. Sein Vater, Harun al-Rašid, hatte noch am arabischen Unterbau gearbeitet, indem er die Funktion des Herrn des harams von Mekka übernahm; desgleichen seine Ehefrau Zubayda, indem sie die Pilgerfahrt durch Ausbau des Pilgerwegs beförderte. Al-Ma’mun wandte sich jetzt dem Überbau zu, welcher die Überwindung der Stammesstrukturen [...] ermöglichte.
[D]ie umma, die eigene Gemeinde, [gilt nun] [...] als Religionsgemeinschaft, [...] nicht mehr die Stammesgemeinschaft [...]
Die Traditionsfindung musste dergestalt ausfallen, dass alle religiösen Bewegungen „arabischen“ Ursprungs im Panorama der theologischen Geschichte verortet werden konnten und somit Ansprüche von in Zukunft bekannt werdenden Verwandten des Propheten ausgeschlossen waren.
(umgekehrter und an biblischer Geschichte orientierter) Alexanderzug Al Ma'muns
Länger als zehn Jahre hatte sich al-Ma’mun im Osten des Arabischen Reichs, in Qurasan (Chorasan) [Nordpersien, u.a. Afghanistan], aufgehalten, bevor er sich in Baghdad niederließ. [...] Der Islam, so wie er nach ihm verstanden wurde, war sein Werk.
Das war also vor 200, und so wie ich es verstehe, wird seine Abwesenheit wohl mit Grund dafür gewesen sein erst al-Amin als Nachfolger von Harun in Baghdad einzusetzen bzw. einsetzen zu wollen.
Der Aufenthalt im Osten, in Gebieten, welche an die Grenzen Chinas reichten [...] Wie einst Alexander reiste auch er mit einer Entourage von Wissenschaftlern und Philosophen. War der Aristotelesschüler Alexander [...] aufgebrochen aus einer westlichen Heimat und als Gottkönig in Babylon gestorben, so brach der „Sohn der Perserin“, al-Ma’mun, nach einem Umlauf im Osten [...] nach Westen auf.
So wie Alexander dem Hellenentum den Osten geöffnet hatte, so öffnete al-Ma’mun den Mitgliedern seiner Schule den Westen und nahm auf einem Zug nach Ägypten die westliche Tradition der Araber in Besitz. [...] Nun wurde auch die Tradition der syrischen Araber wieder wahrgenommen und in der von der Akademie [vermutlich in Bagdad] al-Ma’muns angestrebten Synthese der Idee des „Arabers“ sowie des „Propheten der Araber“, seiner Sprache und theologischen Geschichte berücksichtigt.
Der Imam reiste unter militärischer Eskorte mit seinem wissenschaftlichen Stab auf der Route Abrahams nach Westen. Vom Zweistromland führte ihn der Zug nach Abrahams neuer Heimat in Harran. [...]
Nach einem militärischen Zwischenspiel auf byzantinischem Gebiet begab sich der Imam nach Damaskus und besuchte die Ruinen der marwanidischen Bauten, sowie die masgid al-Walid, die heute Umayyadenmoschee genannte Gebetsstätte [al Walids, Sohn Abd al Maliks]. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie die beiden Inschriften sorgfältig gelesen und aufgenommen wurden. Im Text der Inschrift vom Jahr 86 nach den Arabern in Damaskus fand sich eine Bestätigung für das Wirken des Propheten der Araber, Muhammad. Der Text setzt in der siebten Zeile der Inschrift ein mit wa-nabiyuna muhammad… / und unser Prophet ist Muhammad [bzw., früher unter al-Walid so verstanden] [...] „Unser Prophet (Jesus) ist auserwählt / gepriesen“.
Die Expedition begab sich von dort nach Ägypten. Wie fast ein Jahrtausend später [Napoleon] Bonaparte stand der Imam vor den Pyramiden. [Weiter zum Nil.] [...] Der Herrscher Mesopotamiens stand an den Ufern [...] Hier war Moses ausgesetzt worden. Hier war Moses gerettet worden. Al-Ma’mun sah alles mit eigenen Augen.
Zum Abschluss der wissenschaftlichen Expedition durch die Welt des Korans besuchte al-Ma’mun Jerusalem. In al-Quds (Jerusalem) ließ sich al-Ma’mun die Inschrift im Felsendom erklären. Als handele es sich um eine Abfolge von Name und Vatername las man ihm vor, was auf der Innenseite des Oktogons in Richtung Süden geschrieben steht: „Muhammad ([i]bn)’Abdallah“. An Stelle der früheren Lesung dieser Textstelle, der Erwähnung des „erwählten / gepriesenen Gottesknechtes“ wurde Dank der Eigenart der Schreibung des Arabischen und der Eigenart der arabischen Namenschreibung – der Vatername folgt immer auf den Personennamen – der Nachweis von der Existenz eines „Muhammad, Sohn des ‘Abd Allah“, möglich.
Al-Ma’mun besiegelte dieses Vermächtnis einer Verkündigung in reiner arabischer Sprache. Die Nennung des Namens von ‘Abd al-Malik wurde [...] entfernt. Inmitten von ‘Abd al-Maliks Protokoll [Titulatur] setzte al-Ma’mun seinen Titel [Imam] und Namen und besiegelte damit die Gültigkeit der Ekthesis nach seinem Verständnis.
Die Datierung auf das Jahr 72 wurde beibehalten. Der Imam al-Ma’mun konnte diese Datierung nun als eine Zeitangabe nach dem arabischen Festkalender verstehen, beginnend mit der Hidschra Muhammads, des Propheten der Araber, von Mekka nach Medina.
Zusammenfassung
- Nach dem Tod der Söhne des Marwaniden Abd al Malik 125 entstehen Wirren.
- Marwaniden, Aliden, Barmakiden (Buddhisten aus dem ferneren Osten in Bagdad; Wesire) und weitere dynastische/adlige Herrschaftsgruppen - die nicht unbedingt benannt werden können - stehen sich gegenüber.
- Harun bzw. schlussendlich sein Sohn al Mamun setzen sich gemeinsam mit den Barmakiden durch, die Aliden werden dabei "umarmt/einverleibt" (bleiben also bestehen).
- muhammad für Gepriesener/Erwählter (damit entweder Jesus oder Moses oder ggf. als genereller Begriff für einen Propheten), abd Allah, rasul, wali Allah und solche Begrifflichkeiten sind längst Alltag.
- diese Vorstellungen werden nun nur noch vertieft (Wesir Aaron zu Prophet Moses; ‘Ali als Titel Erhabener zum Erwählten (muhammad); Imam für das herrschende (geistliche) Oberhaupt genauso wie Kalif; Sunna vergleichbar zur jüdischen Mischna (Wiederholung der Weisung)); eine Abgrenzung zu Byzanz als ähnliche Glaubensrichtung ist nicht mehr die Betonung, diese ist längst abgeschlossen.
- „Alte“ Pilgerstätten (gemeint sind die masgids der direkten Vorgängergenerationen) verlieren an Wichtigkeit/Bedeutung (Jerusalem, Damaskus). Karbala und Nadjaf werden für Aliden (Vorgänger Schiiten) wichtig und statt Damaskus werden Pilgerstätten in Yathrib (Medina) und wohl schon mit Harun ar-Raschid Mekka für alle Muslime wichtig/gebaut.
- Haruns Sohn Al Mamun geht auf (umgekehrten) Alexanderzug auf den Spuren der biblischen Reise Abrahams von Nordosten nach Südwesten und schaut sich die verschiedenen Gebiete und Städte mit deren Stätten und Inschriften an.
- Herrschaftsstätte Baghdad ist blühendes kulturelles Zentrum verschiedener Religionen. Diese haben bereits ihre Schriften in Bücher kompiliert oder sind abschließend dabei.
- Anhand der alten biblischen Texte und Apokryphen, die die Araber kennen und benutzen (koranische Materialien), den vertieften religiösen Überzeugungen und den dazu gewonnenen tieferen Erkenntnissen auf dem Alexanderzug beginnt al Mamun ebenfalls einen Koran zu kompilieren bzw. in der Akademie kompilieren zu lassen (diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, der größte Teil passiert mit sunna (Hadithen) und siras (Biographien) dazu im 9. und 10. Jhd.). Islam, wie im Felsendom, wird diese Glaubensüberzeugung dann später für alle Welt heißen.
Die „ältesten Texte, die eine Zarathustra-Vita enthalten, stammen aus dem 9. Jahrhundert u.Z.“ [...] – interessanterweise die gleiche Zeit, in der die Mohammedbiographien entstanden sind. Diese Zarathustra-Vita, von der die ältere Literatur nichts weiß, bietet genaueste Details, „präzise nach Tagen und/oder Monaten datiert“, und darüber hinaus „eine 14 Generationen zurückreichende Genealogie,“ ein wahrhaftig erstaunlicher „Wissenszuwachs“, gebildet ohne irgendwelche Quellen. [Quelle selbe wie zu Religion.]
- muhammad (Gepriesener/Erwählter) und abd allah (Knecht Gottes) sind vernamentlicht, ‘ali (Erhabener) wird vernamentlicht - und damit später eine mythische Person für die Schiiten, genau wie Muhammad für alle Muslime.
Kommentar
Der Abschluss (Kapitel 6 und 7, teilweise schon ab Mitte Kapitel 4) ist etwas frustrierend. So einiges bleibt verwirrend und unklar. Die Gebiete außerhalb des Kernlands (Africa, Spanien) spielen keine weitere Rolle. Ebenso Yegar Sahaduta.
Wenn in vorigen Kapiteln noch immer wieder gesagt wurde, das in den späteren Jahren (wozu diese von Harun und al Mamun gehören), keine Personen, sondern nur noch Inschriften, abgebildet werden, wird das nun, wo es der Fall ist, kaum erwähnt.
Vieles ist gepresst. Kaiserin Irene (Byzanz) z.B. habe ich deswegen ausgelassen. Die theologischen Überlegungen erscheinen mir sprunghafter und haben nicht so viel Tiefgang bzw. sie haben (zu) großen Tiefgang, nur wird dieser nur oberflächlich erläutert und wenig belegt.
Der Koran (koranische Materialien) wird zudem häufiger angerissen. Das passt aber eigentlich nicht hier rein, weil es um diese nicht ging. (Nur um Inschriften, Schlüsselformeln wie basmala und Schlüsselpersonen wie Muhammad, 'Ali und die Herrscher "Kalifen" Mu'awiya, Abd al Malik und Söhne und Verwandte (Marwaniden), Harun ar-Raschid, al-Ma'mun.)