Ich bin ein sehr friedliebender Mensch, meine erste Wahl ist immer die Konfliktvermeidung. Eines meiner besten Kampfmittel ist das Ignorieren von Problemen, bis sie sich von selbst erledigen.
Brenzlig wird es allerdings, wenn man mich ungefragt von hinten belästigt, wie es in dieser Geschichte der Fall ist. Unter normalen Umständen kann ich auch in solchen Ausnahmesituationen die Fassung bewahren, nicht aber, wenn ich emotional unausgeglichen bin, was sehr selten vorkommt - vielleicht einmal im Jahr.
Mein Hund Simba hat mittlerweile ein stattliches Alter von zehn Jahren erreicht und zu seinen größten Talenten gehören bislang im Weg stehen, den meisten Platz auf der Couch einnehmen, Bonbons mit Papier verdauen und selektiv hören.
Wenn ich mich, wie an besagtem Abend, in emotionaler Unpässlichkeit befinde, kann es leicht passieren, dass der Hund mich irre macht und es würde mich auch nicht überraschen, wenn er das absichtlich tut, um sich auf meine Kosten zu bespaßen. Auf meine Ungeduld reagiert er zum Beispiel, indem er Selbige noch mehr herausfordert.
Hier kommt ein weiteres ganz großes Talent zum Vorschein: das Trödeln. Fußläufig von mir befinden sich drei Seniorenresidenzen, und es ist schon des öfteren vorgekommen, dass wir von Rollatoren überholt wurden. Manchmal muss ich ihn ein bißchen schieben, um voranzukommen. Wenn es im Sommer sehr heiß ist, lässt er sich auch mal ganz gerne mitten auf dem Weg oder vor Einfahrten fallen.
Um die Kunst des Trödelns auf die Spitze zu treiben, tut er so, als hätte er eine extrem interessante Stelle entdeckt, die ausgiebig und sorgfältig berochen werden muss. Diese Verzögerungstaktik wird mit mehrmals wiederholtem Ansetzen zum Beinheben komplettiert, um eine die Situation abschließende Markierung anzudeuten.
Nachdem er das so lange wie möglich ausgereizt hat, schleicht er letztendlich weiter, ohne einen einzigen Tropfen vergossen zu haben, wobei er es sich nicht nehmen lässt, mich vorwurfsvoll und triumphierend zugleich anzusehen.
Am Abend des Geschehens hatten wir uns gerade auf diese Weise gegenseitig hochgeschaukelt, was dazu führte, dass ich ihn einfach hab stehen lassen und vorausgelaufen bin. Das tue ich normalerweise nicht, weil es sonst sein kann, dass ich letztendlich ewig auf ihn warte und am Ende doch wieder zurück laufe, um ihn zu holen.
Es waren nur noch ungefähr fünfzig Meter bis zur Haustür, die unter extremen Umständen eine viertel Stunde dauern können und dazu fehlte mir entschieden die Geduld. Ich wollte nach Hause und hatte keine Lust auf Diskussionen. Schnaubend stapfte ich also voran, innerlich fluchend und tobend. Ich war schon an der Einfahrt zum Haus angekommen, als ich eine unangenehme Frauenstimme hörte: „Wer macht denn da hinten die Hundescheiße weg?“
Noch bevor ich mich umdrehen konnte, war das Feuer schon ausgebrochen, dessen Flammen ich nicht unter Kontrolle hatte.
„Wer die Hundescheiße wegmacht, wollen Sie wissen? Ja?! Ich sag Ihnen, wer die Hundescheiße wegmacht! Ich! Ich mach die Hundescheiße weg!“, schrie ich sie an, die vor Schreck mitten auf der Strasse über ihrem Hollandrad stehenblieb.
Wie eine Irre rannte ich auf sie zu, stellte mich vor ihr auf und fuchtelte mit dem gefüllten Hundekotbeutel, den ich zufällig bei mir trug, vor ihrer Nase herum, wobei ich sehr viele Dinge sagte, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Hauptsächlich ging es in dem Vortrag darum, die ursprüngliche Frage möglichst eindringlich und anschaulich zu beantworten. Ich wollte die Szene mit einem dramatischen Abgang krönen und versuchte, die Tüte in ihrem Fahrradkorb zu platzieren, konnte aber in der Dunkelheit nicht sofort erkennen, dass der Korb einen Deckel hatte. Dieser ließ sich auch nicht öffnen.
Doch musste beendet werden was begonnen war und ich suchte nach Alternativen, mich des Beutels zu entledigen. Was konnte da dramataischer sein, als der Wurf ins Gesicht! Ich habe ihr den gefüllten Hundekotbeutel natürlich nicht ins Gesicht geworfen, sondern an die Brust gedrückt, woraufhin sie den Beutel instinktiv fasste und dann weit von sich warf. Ich denke, die Antwort auf die Frage, wer denn die Hundescheiße wegmacht, konnte ich erfolgreich darstellen.
Ich habe danach drei Tage gebraucht, um mich von diesem Ausbruch zu erholen. Man verbrennt in den Flammen, die man nicht kontrollieren kann.
Am nächsten Tag sprach mich die eine Mitarbeiterin aus dem Laden im Erdgeschoß des Hauses an, ob ich gestern Abend nach zehn mit dem Hund draussen gewesen wäre. Eine Frau war im Laden und hätte behauptet, dass sie dort auf der Strasse von einer Frau wie mir mit einem Hund wie meinem vom Rad gestoßen worden wäre, und daß diese Frau anschließend in dieses Haus gegangen sei, und dass sie jetzt Anzeige erstatten möchte und wissen wolle, wie diese Frau heißt. „Ich hab ihr gesagt, nein, so eine Frau wohnt hier nicht.“ Daraufhin erzählte ich ihr die wahre Geschichte.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Frau mit dem Hollandrad die Pächterin der Tankstelle an der Ecke ist und im schönsten Haus der ganzen Straße wohnt. Jedesmal, wenn ich daran vorbei gehe, rufe ich ihr innerlich zu: Pass nur auf du kleine Hexe, manchmal werden Märchen wahr.