Mein Weihnachten fand am Heiligen Abend statt. Da war ich bei der Familie meiner Tochter eingeladen. Habe ja mittlerweile auch zwei Enkelchen im Alter von 3 1/2 und 1 1/2 Jahren. Da gab es wirklich noch so eine große Bescherung, wie es in meiner Kindheit unterm hell erleuchteten Weihnachtsbaum üblich war. Meine eigene Familie ist mittlerweile sehr geschrumpft, Vater tot, Mutter auf der Demenzstation im Seniorenheim und zu meinem Bruder habe ich wenig Kontakt. Und da ich ja von meinen Exen getrennt bin, gibt es auf deren Seiten auch keine Beziehungen mehr, wie das halt so ist. Es war ein ganz lustiger Heilig Abend, besonders da das Ganze sehr französisch angehaucht war. Meine Tochter ist mit einem deutsch/französischen Mann verheiratet. Er ist zwar Deutscher, hat aber auch einen französischen Pass und spricht auch diese Sprache. Seine Mutter ist zu 100 % Französin, sein Vater zu 100 % deutsch und sein Bruder, genau wie er 50:50. Der Bruder hat vor einem Jahr eine französische Studentin kennengelernt und die beiden haben jetzt ein Baby bekommen. Zu Besuch ware ebenfalls Großmutter und Großvater aus den Tiefen Frankreichs angereist, waschechte Franzosen. Und so schrumpfte der Deutschanteil auf diesem Familienfest immer weiter. Beim Versuch, den prozentualen Anteil der einzelnen Familienmitglieder zu errechnen, haben wir aber dann schnell aufgegeben und die erste Flasche guten Wein geöffnet.
Da ich dann am ersten Weihnachtstag keine großen Pläne mehr hatte, machte ich mich, animiert vom erlebten Heiligen Abend, dann auf den Weg zu der Straße in Aachen, wo ich als Kind einmal gewohnt habe. Natürlich auch sehr interessiert an meiner Vergangenheit, durch den Umstand, dass ich mich nach der Trennung von meinem Ex, und es war leider nicht die erste Trennung in meinem Leben, jetzt doch mal verstärkt mit meinem inneren Kind beschäftigt habe. In meinem Fotoalbum fand ich also ein Bild vom Heiligen Abend in dem Haus, wo ich als Kind gewohnt habe. Ich packte mir meine Hündin Runa in mein VW Beatle Cabrio und fuhr in die Königstraße in Aachen um dort mal ein wenig um die Häuser rum spazieren zu gehen.
Und jetzt nach dem Korrekturlesen, muss ich feststellen, dass dieser Text hier wohl von dem kleinen Mädchen in mir verfasst wurde, das sich an das ein oder andere wieder erinnert hat. Ich bitte deshalb, meine Wortwahl und die Satzstellung zu entschuldigen, denn ich würde das mit meinem jetzigen Alter alles etwas anders schreiben :-)
Das Haus Königstr. 68 gehörte damals meinem Opa und wurde von uns als eine Art Mehrgenerationenhaus benutzt. Nicht nur wir, also meine Eltern, mein Bruder und natürlich ich, wohnten da, sondern auch noch Oma und Opa und die Urgroßeltern. Mein Opa hatte damals einen Dachdeckerbetrieb und die "Bude", so nannten sie die Werkstatt, lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite, direkt am "Alten Zollhaus" angebaut. Vieles hat sich hier verändert. Unser Haus ist vor vielen, vielen Jahren verkauft worden und ich weiß auch nicht, wem es jetzt gehört. Aber es wurde sehr schön restauriert und das Dach wurde ausgebaut.
Ich habe damals im Alter zwischen 3 und 6 Jahren hier gewohnt und kann mich noch gut an viele Geschichten erinnern. Damals waren hier noch sehr viele Häuser wegen dem 2. Weltkrieg stark beschädigt. Ganz besonders schlimm sah die Bärenstraße aus. Da standen nur Trümmerbauten, in denen trotzdem Menschen wohnten. Später wurden die alten Häuser abgerissen und die TH hat dort Studentenwohnungen errichtet. Zur damaligen Zeit, war die obere Königstraße nicht gerade die bevorzugte Wohngegend von Aachen. Ich durfte auch nicht alleine raus um auf der Straße mit den anderen Kindern zu spielen. Und in der Bärenstraße wohnte damals "Pack", wie meine Oma es beschrieb und deshalb wurde mir auch verboten, dort hin zu gehen. Und deshalb musste ich immer wohlbehütet, schön festgehalten an der Hand, mit meiner Oma in die Stadt zum Einkaufen gehen. Wenn ich einmal ausgelassen war und mich vom festen Griff aus Omas Hand befreien wollte, dann kam sofort von ihr die Warnung, dass sie mich dem Seifenmann übergeben würde und der würde aus Kindern Seife machen. Damals habe ich das natürlich alles geglaubt . Und schon war ich wieder artig. Auf unserem Weg in die Stadt kamen wir auch an einem Milchladen vorbei. Das kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Da lief die Milch aus einem Hahn und Milchflaschen und Milchkannen wurde so gefüllt. Einmal pro Woche ging meine Oma nach Vaals, das war schon Holland, um dort Butter und Kaffee zu kaufen. Aachen und Vaals gehen fast ineinander über. Meine Mutter ging oft mit mir und meinem kleinen Bruder in die umliegenden Parks. Da gab es den Westpark, den es heute auch noch gibt und den Park am Pulverturm und den Kaiser-Friedrich-Park. Diese beiden Parks sind leider dem Ausbau der Turmstraße zum Opfer gefallen. Der Pulverturm wurde in "Langer Turm" umbenannt.
Unten Parterre da wohnten zuerst meine Uroma und mein Uropa. Später hatte mein Opa dann sein Dachdeckerbüro dort. Ich fand den Marmorkamin immer so schön.
Meine Urgroßeltern sind sehr alt geworden. Meine Uroma sogar 95 Jahre alt. Sie hat aber dann im Altersheim gelebt, hat sich aber bis zu ihrem Tod noch immer gerne mit den anderen Bewohnern gestritten. Ich hoffe, ich habe was von ihren Genen abbekommen, natürlich nur was das gesund alt werden betrifft.
Das Gelände vom Pulverturm grenzte früher direkt an das Nachbarhaus. Dort gingen dann Stufen hoch bis zum Turm. Ich fand es immer sehr düster dort. Oben auf dem Berg lag der Spielplatz. Irgendwann ging das Gerücht um, dass ein Kindermörder oben am Spielplatz sein Unwesen trieb. Ob das aber jetzt stimmte, oder nicht, kann ich nicht sagen. Es kann auch wieder so eine Geschichte von meiner Mutter oder meiner Oma gewesen sein, um mir damals Angst zu machen, da ich gerne schonmal alleine unterwegs war, was mir aber strengsten verboten wurde. Auf jeden Fall ist meine Mutter nicht mehr mit uns dort hin gegangen. So sah der Pulverturm damals noch aus.
Auch wenn der Pulverturm, oder heute "Langer Turm" genannt, jetzt heller und lichter da steht, löst er in mir jedoch immer noch finstere Gefühle aus. Wer weiß, was hier alles schon passiert ist? Und spirituell gesehen, würde ich jetzt sagen: Da sind aber keine guten Schwingungen :-)
Gegenüber lag früher der Kaiser-Friedrich-Park, neben dem alten Zollhaus, wo mein Opa angrenzend die Dachdeckerwerkstatt hatte. Als Kind bin ich da gerne auf den Balken, Dachlatten und Teerknubbeln rumgeturnt. Mit dem Mädchen aus dem alten Zollhaus, das ungefähr so alt, wie ich war, hatte ich mich angefreundet und durfte sogar mit ihr spielen. Das war meine erste Freundin. Hier sieht man noch den Eingang zu diesem, heute vergessenen, Park.
Und hier jetzt noch ein altes Bild aus vergangener Zeit vom "Zollhaus". Nebenan gab es damals einen Abschleppdienst. Ich gaube, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, es war die Firma Strang. Das ist der Blick vom Pulverturm auf die Rückseite unseres Hauses (diesmal 2. von rechts) und auf das alte Zollhaus (ganz rechts im Bild) und die angrenzende Werkstatt meines Opas.
Ich habe die Ansicht vergrößer und da sieht man das Tor zur Werkstatt. Da kommen so viele schöne Erinnerungen hoch. Damals wurde ja der kleinste Platz genutzt. Und hierbei handelte es sich eigentlich um ein Bahngelände, das bis auf den letzten Quadratmeter genutzt wurde. Also von meinem Opa mit seiner Werkstatt und dahinter waren sogar noch Hundezwinger von einem Hundeverein. Da ich als Kind auch schon immer sehr tierlieb war und mir nichts sehnlicher als einen Hund gewünscht hatte, durfte ich dann auch ab und zu mit den Besitzern der Hunde und den Hunden mit ins Feld zum Gassi gehen. Ich wünschte mir so sehr einen eigenen Hund. Mein Vater tröstete mich immer und versprach mir, wenn es mal schwarz schneit, dann bekommst du einen Hund. Damals habe ich ja, wie bereits gesagt, alles geglaubt und besonders das, was mein Vater sagte. Mein Vater war jedoch noch ein größerer Hundefreund als ich, und so bekamen wir, als wir in unser neu gebautes Haus in die Eifel zogen, unseren ersten Dackel. Auch ohne, dass es schwarz geschneit hat.
Und so sieht das "Alte Zollhaus" heute aus:
Hier sieht man sogar noch das Bahngelände, wo früher die Werkstatt meines Opas und die Hundezwinger standen:
Ich wohnte also bis zu meiner Einschulung mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in dem Haus Königstraße 68 auf der ersten Etage. Unten wohnte noch die Uroma, dann war da noch das Dachdeckerbüro von meinem Opa und Oma und Opa hatten auch noch eine Wohnung in diesem Haus. Damals gab es ja noch keine Badezimmer, wenigstens nicht in solchen Häusern, wie dem in dem wir wohnten. Auch hatten die Wohnungen noch keine eigenen Toiletten. Auf jeder Etage gab es ein Gemeinschaftsklo. Und zum Baden wurde einmal in der Woche die Blechwanne ins Wohnzimmer gestellt und mit heißem Wasser gefüllt. Zuerst die Kinder rein, dann die Mama und danach der Papa ins gleiche Wasser, das dann immer dunkler wurde. Heute unvorstellbar. Aber früher war es so. Montags war Waschtag. Das fand ich immer besonders interessant. Die Häuser hatten im Keller eine Waschküche. Da stand ein Waschkessel in dem man unten Feuer machen konnte und dann wurde die Wäsche gekocht. Dann standen da noch verschiedene Wassertröge in denen die Wäsche gespült wurde. Die ganze Waschküche versank im Nebel. Und wenn man eine Mama hat, die Angst vor Mäusen und Ratten hatte, dann war das alles ganz besonders spannend. Denn durch den Dunst und den Nebel konnte sie nur verschwomen sehen, ob sich da jetzt wirklich etwas bewegt hatte oder ob sie es sich nur einbildete. Und so hatte ich immer ganz viel Spaß, wenn ich sie aufschreien hörte. War die Wäsche dann sauber, ging es hoch damit bis auf den Dachboden, wo sie dann zum Trocknen aufgehängt wurde. Und diese Prozedur wiederholte sich jeden Montag. Was haben wir es da heute einfacher. Nicht mehr auszudenken, was wir heute ohne Waschmaschine machen würden.
In dem roten Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte Franzi. Das Haus sieht heute noch genau so aus, wie früher.
Da ich ja nicht alleine draussen spielen durfte, saß ich oft an unserem Fenster und schaute einfach nach draußen. Ich auf der ersten Etage und gegenüber, ebenfalls auf der ersten Etage, schaute ein kleiner Junge, namens Franzi auch immer aus dem Fenster raus. Wir sind uns nie wirklich begegnet, haben uns nur immer vom Fenster aus gesehen. Franzi aß immer am Fenster Apfelsinen. Aber er hatte eine ganz besondere Art, sie zu essen. Die Apfelsinen waren mit der Schale geviertelt und er knabberte Viertel für Viertel das Fruchtfleisch von der Schale ab, so dass nur noch die Schale übrig blieb. Jahre später, wenn es bei uns zu Hause Apelsinen gab, und selbst heute noch, möchte ich sie gerne so essen, wie Franzi. Irgendwann habe ich erfahren, dass der kleine Junge behindert war und deshalb immer nur am Fenster saß und nie raus kam. Wer weiß, was aus ihm geworden ist.
Unterhalb der Bärenstraße befindet sich die Eisenbahnbrücke. Sie sieht auch noch genau so aus, wie früher. Dunkel, rußgeschwärzt von den Dampflocks, die hier früher fuhren.
Manchmal, wenn meine Eltern mal ins Kino gehen wollten, dann kam mein anderer Opa aus der Eifel und schlief bei uns, um auf uns Kinder aufzupassen. Er war die Eifelruhe gewöhnt und machte nachts kein Auge zu, wenn die ganzen Dampflocks über die Brücke knatterten. Ich hatte mir als Kind immer gewünscht, einmal mit der Eisenbahn über diese Brücke zu fahren. Und eines Tages hat mein Papa mir diesen Wunsch erfüllt und fuhr mit mir mit der Eisenbahn über diese Brücke.
In unserem Haus gab es auch Mansardenwohnungen, so nannte man die damals. Ich weiß gar nicht, ob es diesen Ausdruck heute noch gibt. Die waren auf jeden Fall an Studenten vermietet. Damal in meiner Kindheit waren Ausländer ja sehr selten, aber in Aachen gab es einige, die an der TH studierten. Und ich war sehr fasziniert, Afrikanern und Persern zu begegnen. Was vielleicht auch schon ein Grund für meine spätere Partnerwahl war. An einen Studenten, das war aber ein Deutscher, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Die Studenten kamen mir damals alle schon sehr alt vor, und die rochen auch fast alle nach Schweiß, klar ich war ja auch noch ein kleines Kind. Während meine Mutter wieder unsere Wäsche auf dem Dachboden aufhing, wurde es mir etwas langweilig und so besuchte ich den deutschen Studenten in seinem Mansardenzimmer. Er hob mich auf den Arm, ging mit mir zum Dachfenster, öffnete es und streute Zucker auf den Dachsimms. Das ist für den Klapperstorch. Wenn man immer etwas Zucker aufs Dach streut, dann bringt er dir ein Geschwisterchen. Das habe ich natürlich auch wieder geglaubt und nachher überall herum erzählt.
Er hatte aber wohl zu wenig Zucker verstreut, denn ich bekam kein Geschwisterchen mehr.
So. jetzt ist der Rundgang in meiner Königstraßenvergangenheit beendet. Habe mir damit schön den 1. Weihnachtstag vertrieben. Bin dann noch mit meiner Runa in die Stadt gegangen um dort irgendwo einen Kaffee zu trinken. Ich hätte es mir ja fast denken können, am 1. Weihnachtstag sind alle Lokale zu. Habe aber trotzdem Glück gehabt und im Café Madrid noch einen leckeren Kaffee mit Sahne genießen dürfen.
So, wieder in der Bärenstraße Ecke Königstraße, ab ins Auto und nach Hause in schönen Erinnerungen schwelgen.
Meine Erkenntnisse aus diesem kleinen Trip:
- in der Königstraße entdeckte ich meine Liebe für Hunde
- in der Königstraße habe ich alles geglaubt, was man mir erzählte
- in der Königstraße, habe ich gelernt, wenn ich immer lieb und artig bin, dann passiert mir nichts
- in der Königstraße wurde der Grundstein zu meiner Liebe zu exotischen Menschen gelegt
- in der Königstraße bin ich auch schon gerne ausgebüxt um neue Wege zu gehen :-)