Jeden Dienstag wird die Kneipe nebenan mit Getränke beliefert. Der Lieferant ist eine alteingesessene Brauerei mit großen Lagerkapazitäten, sodass sie die komplette Getränkeversorgung übernehmen kann. Den Kneipenbesitzer freut es, denn es muss nur einen Lieferanten beauftragen.
Also steht dienstags gegen 9 Uhr in der Früh ein mittelgroßer Lastwagen mit dem Firmenlogo der Brauerei zumeist im Parkverbot. Die zwei emsigen Männer rennen schnell in die Kneipe hinein, holen die leeren Fässer und Kästen heraus, packen die vollen Fässer und Kästen auf eine Transportkarre, bringen sie hinein und fahren wieder ab. Die gesamte Prozedur dauert keine 15 Minuten.
Doch nicht heute! Denn die Männer, die am heutigen Dienstag den LKW verlassen, sind als Vertretung eingeteilt. Die bekannten Gesichter haben nämlich Urlaub. Kaum sind sie ausgestiegen, geht das Theater los. Den LKW mehr schlecht als recht geparkt, wird erst einmal geraucht. Es ist ja auch schon mindestens 10 Minuten her seit der letzten Kippe. Dann wird die seitliche Wand des Vehikels geöffnet, um die vollen Fässer auszuladen. Diese werden selbstverständlich auf dem Gehweg abstellt, damit die Fußgänger einen Slalomparcours absolvieren dürfen.
Weiter geht’s mit der Abholung des Leerguts. Kaum den Ausgang der Kneipe hinter sich gelassen, fliegt eines der leeren Fässer mit lautem Knall von der Karre und rollt ein Stück. Verpasst um Haaresbreite eines der parkenden Autos – Sonst hätte es eine schicke Delle gegeben. Das Fass hat eine. Den leicht debil dreinschauenden Mitarbeiter kümmert es nicht. Ist ja nichts passiert.
Die Arbeit wird nach einer kurzen Gedankenpause, in der der eine Mitarbeiter im Inneren über Gott und die Welt philosophiert hat, fortgesetzt. Einzelne Flaschen mit Hochprozentigem werden vom LKW geholt und eine davon knallt auf den Boden. Natürlich zerbricht sie und Inhalt sowie Scherben verteilen sich vor dem Eingang eines Cafés. Ein Café-Mitarbeiter, der das Zerschellen mitbekommen hat, schaut aus dem Fenster. Reaktion des Lieferanten: „Jo, die Flasche ist zerbrochen“. Darauf wird nichts entgegnet. Und anstatt die Sauerei wegzuräumen, schiebt der Typ die Karre durch das Scherben-mit-Geschmack-Gemisch, womit er eine schicke Spur hinterlässt. Der Bürgersteig sieht aus, als hätte ein Haufen jugendlicher die ganze Nacht trinkend, tanzend und kotzend an diesem Abschnitt des Weges verbracht.
Nachdem die Transportkarre noch zwei weitere Male durch das Gemisch, welches temperaturbedingt am Stein antrocknet, geschoben wird, erscheint auch der zweite Typ, der mittlerweile seit 40 Minuten in der Kneipe abgetaucht ist, mit etwas geröteten Kopf auf. Er schaut sich die Sauerei an, die sein Partner angerichtet hat, weist ihn an, den LKW abfahrbereit zu machen, verweist ihn dann in Richtung Beifahrersitz und startet den LKW, welcher mit einer schicken schwarzen Dieselwolke die Parkverbotszone verlässt.
Auf dem Bürgersteig stinkt der Flascheninhalt. Scherben wohin das Auge sieht. Stinkende Spuren der Transportkarre bis zur Kneipe. Fassungslose Gesichter der Cafébetreiber.
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