„Ich bin sprachlos“, sage ich einem Bekannten und schlürfe an meinem Kaffee. Wir sprechen über ebay-kleinanzeigen und die Nachrichten, die wir so zu unseren Angeboten bekommen. Er hat soeben über einen Nachrichtenverlauf berichtet, der sich über Wochen zog und am Ende wurde der Interessent beleidigend. „Sehr viel Zeit und Nerven verloren“, meint mein Bekannter.
Da ich selber quasi seit Anbeginn des von Ebay bereitgestellten Dienstes mit dabei bin und die rückschrittige Entwicklung in der Kommunikation in den letzten Jahren miterleben darf, kann ich das von ihm Geschilderte sehr gut nachvollziehen. Spannend ist dieses Thema insofern, als dass es auf das angebotene Produkt ankommt, wie sich eine Konversation aufbaut und entwickelt. Bestimmte Produktklassen triggern bestimmte Menschen, die mehr oder minder die Bedeutung des Wortes „verhandeln“ verstanden haben.
Früher war alles besser
Als das Projekt ebay-kleinanzeigen das Licht der Welt erblickte, fanden sich interessierte Menschen auf der Plattform, die in der Lage waren, das angebotene Produkt in seinem realen Wert zu bestimmten und ein passables Angebot zu äußern, sodass man in der Regel bereits in wenigen Minuten zu einem Konsens fand, mit dem beide Parteien zufrieden waren. Ebenfalls war es Usus, dass man respektvoll miteinander kommunizierte, Hallo und Tschüss sagte und sich bedankte, wenn es angebracht war. Eine schöne Zeit: Man hatte Spaß, Zeit und Energie in die Erstellung eines Angebots zu investieren, eine detaillierte Beschreibung und gute Fotos zu integrieren.
Ich erinnere mich, wie ich auf Bitten eines Bekannten seinen Oldtimer Mercedes verkaufen sollte, der seit Jahren in der Garage stand. Zwei Tage habe ich den Wagen geputzt, poliert, speziell dafür Chromepolitur besorgt. Zwei Stunden Fotos erstellt und sie bearbeitet. Den Wagen Probe gefahren und sichergestellt, dass alles funktionierte. Eine 3000-Wort-starke Beschreibung erstellt und erst dann die Anzeige veröffentlicht. Die Investition hatte sich gelohnt und es fanden sich schnell Liebhaber, die quer durchs Land fuhren, um den Wagen anzuschauen und anschließend für einen guten Preis zu kaufen. Alle waren zufrieden.
Und jetzt
Jetzt hat jeder ein Smartphone.
Jeder kann die App installieren. Jeder kann nebenher in den Kleinanzeigen fingern und die Verkäufer mit undurchdachten Nachrichten vollspammen. Das Resultat ist meiner Erfahrung nach oftmals sehr ernüchternd. Wenn es ein wirklich guter Tag ist, bekomme ich einen Einzeiler. Oft sowas wie: „Ist das Produkt noch da?“ oder als Variation: „Verkaufen Sie das noch?“ – Ich denke mir dann immer: „Ja, es ist da, schließlich hast du es ja gefunden und angeklickt/-toucht, omg“. Ich meine, was soll die Frage? Doch anscheinend hat die Masse das Prinzip tatsächlich leicht missverstanden. Daraus resultiert die Ergänzung in mittlerweile jeder fünften Beschreibung: „Solange das Produkt zu sehen ist, ist es auch noch da“, o.ä.
In dem letzten Jahr jedoch war ich bereits mehr als froh, einen ganzen Satz in der Nachricht lesen zu können. Denn mehr und mehr trudelten Anfragen im Umfang von zwei bis drei Worten ein. Beispiele? Gern:
Ja, Hlo, ehm... OK
Hallo auch. Gegen was denn? Glaube nicht, dass in der Beschreibung etwas von "tauschen" steht.
Und mein Liebling aus den letzten Nachrichten
Hallo 30€ (...)
Ja, was soll ich denn damit? Als es damit angefangen hat, habe ich reagiert, in dem ich freundlich nachgefragt habe, was denn gemeint ist. Doch die Gespräche mit solchen Interessenten verliefen meist im Nichts oder endeten in einer Frustration meinerseits.
Ich stellte immer wieder fest, dass es einfach nur verlorene Zeit ist, denn die Leute, die solche Anfragen schreiben, sind nicht wirklich an dem Produkt interessiert oder nur dann, wenn man es völlig unter Wert verkauft. Von vielen habe ich auf meine Reaktion keine weitere Nachricht erhalten.
Wo ist die Verhandlungskultur geblieben? Sogar auf einem türkischen Basar (im traditionellen Sinne) geht es gesitteter zu. Das liegt wahrscheinlich daran, dass einem der Mensch, mit dem man verhandelt, direkt gegenübersteht. In der Smartphoneära ist man distanzlos und der Respekt geht komplett verloren. Schade.
Aber wie eingangs bereits erörtert, man kann nach Produktklassen(-kategorien) differenzieren, wie und auf welche Art und Weise nachgefragt wird. Bei Kleinelektronik (wie Smartphones) kann ich mittlerweile eine sehr gute Vorhersage in Bezug auf textlichen Umfang und Ansprache des Interessenten treffen. Diese fällt nicht sonderlich positiv aus. Geht es dagegen zum Beispiel um Ersatzteile für das Rennrad, hebt sich das Niveau der Anfragen auf ein Maximum. Durch manch eine Konversation ist sogar mal eine interessante Bekanntschaft entstanden, ohne dass das eigentliche Produkt verkauft worden ist.
Leider habe ich vor einem Jahr nicht daran gedacht, die witzigsten Anfragen und Kommunikationshistorien zu sammeln. Das wäre heute eine beachtliche Spaßlektüre für Zwischendurch. Aber ab heute werde ich fleißig sammeln. Spaß muss sein!
Und nun?
Nachtrag
Zwei Stunden nach der Beitragsveröffentlichung fiel mir das Buch "Treffen sich zwei Träume. Beide platzen" von Patrik Salmen in die Hände. Und während ich darin blättere, stoße ich auf die folgende Seite (Klick aufs Bild mahts größer):
Welch ein Zufall ;)