Stell dir vor, es ist Bundestagswahl und du gehst - vielleicht - hin. So in etwa muß man sich die Sonntagsfrage vorstellen, die in regelmäßigen Abständen das mögliche Wahlverhalten bei einer Bundestagswahl zu ermitteln versucht. Über den Sinn oder Unsinn dieser Umfragen ist viel geschrieben worden. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Ergebnisse aufgrund methodischer wie faktischer Probleme immer ungenau bleiben werden und fehleranfällig sind. Immerhin werden nur 1.000 oder 2.000 Wähler tatsächlich gefragt und sollen mit ihrer Angaben über das wahrscheinliche Wahlverhalten von 60 Millionen Auskunft geben. Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Befragten sind überhaupt bereit, an der jeweiligen Umfrage teilzunehmen.
Beispielsweise kommt es auch darauf an, ob die Daten per Telefonanruf auf dem Handy, dem Festnetz oder online abgefragt werden. Diese Kommunikationswegen werden nicht über das Wahlvolk gleichmäßig verteilt benutzt. So sind Ältere z.B. immer noch weniger online und mit dem Handy zu erreichen. Gebildetere Personen nehmen lassen sich eher auf die Teilnahme an Wahlumfragen ein als weniger gebildete. Das gilt auch für Wähler, die sich sicher sind, überhaupt an den Wahlen teilnehmen, gegenüber Unentschlossenen oder Nichtwählern. Derartige Verzerrungen sind den Meinungsforschungsinstituten bekannt. Sie versuchen sie durch entsprechende Gewichtung der erhobenen Daten auszugleichen. Wie das genau erfolgt, ist jedoch ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Um eine Wahlumfrage wirklich analysieren zu können, müßte man deshalb im Grunde auch die Rohdaten betrachten. Aber ob der Befragte dann wirklich die Wahrheit sagt oder was anderes, z.B. weil sich jemand im Raum befindet, der das nicht hören soll, steht noch auf einer ganz anderen Karte.
Doch selbst die Datengewichtung kann offenbar nicht alle Verzerrungen ausgleichen: Probleme haben die Meinungsforscher immer noch mit Parteien, die viele Protestwähler anziehen. Da sie dann auch schon mal einige Prozentpunkte daneben liegen: Beispielsweise erhielt die AfD im Gegensatz zu den je nach Meinungsforschungsinstitut vorausgesagten 17 bis 19 Prozent 2016 bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt letztlich 24,2!
Viel schwerer als die Fehler in den Umfragergenissen selbst wiegt jedoch die Gefahr, daß die Ergebnisse der Wahlumfragen als auch einen gewissen Einfluß auf tatsächliche Wahlergebnisse haben können. Sie begünstigen nämlich taktisches Wählerverhalten. Wünscht sich z.B. ein Anhänger der SPD z.B. eine schwarz-grüne Koalition könnte er sich entscheiden die Grünen zu wählen, wenn diese nach den Umfragen an der 5%-Hürde für den Einzug in den Bundestag schrammen. Praktisch wird dieser Fall allerdings kaum jemals eintreten, was aber vor allem an der SPD liegen wird. Wahlumfragen können aber auch völlig in die Hose gehen, wie uns die Umfragen vor der letzten US-Präsidentenwahl oder der Brexit-Abstimmung zeigen. Außerdem zeigt der sog. "Schulz"-Effekt, daß eine scheinbar erfolgreiche Partei noch weitere, zusätzliche Wähler anzieht, die Teil dieses Erfolges sein wollen.
Nach alldem erscheint das Ergebnis der AfD bei der letzten Sonntagsfrage gar nicht mehr so zum Jubeln. Erstens ist längst nicht sicher, ob die Wahl dann auch so ausgehen würde und zweitens wird es zu gewissen Gegenreaktionen führen: Die Propaganda wird noch schärfer, Diffamierungen und Gewalt seitens der Gegner werden forciert und die politischen Gegner mobilisiert. Sobald die eigene Partei zu gut dasteht, besteht auch die Gefahr, daß in den Bemühungen um den Wähler nachgelassen. Auch könnten die Wähler ab einer gewissen Prozentzahl meinen, sie müßten jetzt nicht mehr zur Wahl gehen, da ja sowieso alles klar sei.
Natürlich sind die 18 Prozent Stimmanteil trotzdem ein Erfolg. Zeigen sie doch, daß die AfD auf dem richtigen und ihre Gegner auf dem falschen Weg sind. Nochmals an dieser Stelle meine Zukunftsprognose für unser Parteiensystem: Es wird auf einen Kampf zwischen AfD und Grünen hinauslaufen. Alle anderen werden in dieser ideologischen Auseinandersetzung bestenfalls zu Kopisten, Statisten und Technokraten. Spätestens bei der nächstens Bundestagswahl kommt es zum absoluten Show-Down. Vor allem die CDU wird sich entscheiden müssen: den Grünen oder der AfD folgen? Spielraum vor neue, eigene Inhalte gibt es nicht, da den die anderen vollumfänglich besetzt haben. Die SPD hat jetzt schon erhebliche Teile ihrer Wählerschaft an die Grünen und die AfD verloren. Es erstaun mich auch immer wieder, wie viele ehemalige SPD-Genossen sich mittlerweile der AfD angeschlossen haben.
Quellen:- Sonntagsfrage Bundestagswahl (Wahlrecht.de) - Diagramm selbst erstellt
- Stefan Fries: Demoskopen unter der Lupe - Wie Wahlumfragen politische Kultur beeinflussen ("Deutschlandfunk")
Veröffentlicht bei: https://olet-lucernam.de/2018/08/04/neue-hoehenfluege-fuer-die-afd-oder-eben-nur-wieder-eine-manipulative-wahlumfrage/