Ich gehöre der zweiten vietnamesischen Generation an, die in Deutschland lebt und dies ist was ich euch zu sagen habe.
Meine Mutter war wie ihr wisst ein Herzensguter Mensch. Sie hat immer jedem geholfen, der Hilfe benötigt hat. Sie hat sich mehr um andere gesorgt als um sich selbst. Sie hat immer jedem Mut gemacht der traurig oder hoffnungslos war und niemals erzählte sie wie schlecht es ihr ging, wenn sie krank war. Sie wollte nicht, dass man sich um sie sorgen macht. Selbst als sie noch im Krankenhaus lag sagte sie, dass wir uns nicht sorgen sollten. Sie würde wieder gesund werden.
Letzte Woche Mittwoch Abend überkam mich aber ein komisches Gefühl. Ich hatte den Drang meine Mutter am Donnerstag unbedingt zu besuchen und weckte meinen Vater mitten in der Nacht auf um ihm bescheid zu geben. Auch meinem Bruder sagte ich bescheid. Normalerweise habe ich keine gute Intuition. Aber wenn es um meine Mutter geht, liege ich niemals falsch.
Da ich leider kein Auto besaß bzw. ich mir keines kurzfristig leihen konnte, sind mein Bruder und ich Zug gefahren.
Als wir das Krankenzimmer betraten und ich meine Mutter auf dem Bett sitzen sah, bemerkte ich ihr kraftloses Gesicht.
Sie sah uns beide überrascht an. Sie wusste nicht, dass wir kamen. Ich versuchte sie aufzumuntern, für sie stark zu sein und zeigte ihr stolz meinen Führerschein: „Dieses Jahr fliegen wir zusammen nach Vietnam und dann werde ich dich mit dem Roller fahren, wie du es einst mit mir getan hattest, als ich noch ganz klein war.“
Meine Mutter lächelte schwach. Ich setzte mich neben ihr. Umarmte sie und küsste sie zärtlich ganz oft auf die Wange.
„Das fühlt sich wirklich gut an.“, flüsterte sie. Sie spürte wie Tränentropfen ihre Wangen berührten und sah mich verwundert an „Aber warum weinst du denn, mein Schatz?, fragte sie. „Mach dir keine Sorgen! Alles wird wieder gut und ich werde wieder gesund!“, versuchte sie mich zu beruhigen.
Obwohl mir mein Gefühl dieses Mal sagte, dass es nicht stimmte, nickte ich ihr zu und sagte zu ihr lächelnd: „Ich weiß es doch Mutter. Ich will nur dass du weißt, dass ich dich wirklich, wirklich über alles liebe und dass ich sehr dankbar bin, dich zu haben.“, ich küsste sie wieder. Sie schloss die Augen und sah so zufrieden aus. „Ich liebe dich auch wahnsinnig. Dich, deinen Bruder und deinen Vater. Bitte pass auf die beiden gut auf. Besonders auf deinen Vater. Er hat nur noch euch.“
Ich nickte.
Um 16 Uhr schickte sie uns heim. Wir wollten nicht gehen aber sie meinte sie wolle sich noch ausruhen und schlafen.
Ich verließ widerwillig das Krankenhaus mit einen sehr komischen Bauchgefühl.
Ich erinnere mich noch daran, wie mein Bruder als wir auf unseren Zug warteten optimistisch zu mir sagte: „Mum wird das auch dieses Mal schaffen! Ich bin zuversichtlich.“, ich ihn aber nur traurig anschaute und sprach: „Dieses Mal ist es anders. Mein Gefühl sagt mir, sie wird bald gehen.“
Um 21.30 Uhr rief mich die Krankenschwester an und übermittelte mir die herzzerreißende Nachricht, dass meine Mutter von uns gegangen ist. Für einen Moment fühlte ich mich taub, alles um mich herum erschien plötzlich unrealistisch und die lebhafte Umgebung gab keinen Ton mehr von sich.
Von einer Sekunde auf die nächste überrollte mich eine Welle des Schmerzes. Mein ganzer Körper füllte sich mit Schmerz. Die Umgebung war laut. Ich war laut. Ich brach zusammen. Ich konnte es einfach nicht glauben obwohl ich mich innerlich bereits darauf eingestellt hatte, wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Zum Glück war ich in dem Moment nicht alleine. Danke an die Menschen, die mich an dem Tag unterstützt haben. Ich liebe euch.
In der Zeit, als meine Mutter im Krankenhaus lag, ist mir aufgefallen wie wenig wir unseren Eltern unsere Liebe und Zuneigung zeigen. Als ich noch ein kleines Kind war, umarmte ich meine Eltern tagtäglich, küsste sie, und sagte ihnen sehr oft diese 3 magischen Wörter.
Je älter ich wurde, desto weniger umarmte ich sie, desto weniger küsste ich sie, desto weniger zeigte ich ihnen meine Zuneigung und desto weniger fielen mir diese magischen Wörter über die Lippen. Natürlich wissen unsere Eltern, dass wir sie lieben aber Eltern können sich auch vernachlässigt von uns fühlen, wenn wir ihnen nicht sagen und zeigen, wie wichtig sie doch für uns sind. Mir fiel auf, dass jedes Mal wenn ich meiner Mutter sagte, wie sehr ich sie liebe, ihr Gesicht sich aufhellte und sie wirklich zufrieden und glücklich aussah. Das machte mich selbst immer sehr glücklich.
Wenn ich an ihr glückliches Gesicht jetzt denke, erwärmt es mein Herz noch immer.
Wenn eure Eltern noch leben, bitte umarmt sie lange und innig und sagt ihnen wie sehr ihr sie liebt. Vernachlässigt sie nicht. Auch sie brauchen ab und zu eure Aufmerksamkeit.
Ich möchte mich auch noch bei den Menschen bedanken, die unsere Familie in dieser schwierigen Zeit unterstützt hat.
Es hat mich sehr berührt , wie einige von euch sie jeden Tag besucht habt. Ihr Körper massiert und ihr gutes Essen gebracht haben.
Ich möchte mich auch noch bei allen Freunden bedanken, die immer für mich da waren. Ich schätze das wirklich sehr.
Und zum Schluss möchte ich meinem Vater und meinem Bruder, sagen, dass ich euch liebe.
Danke.