Die Thüringer
Ueber den Stamm der Thüringer ist, von allen deutschen Stämmen, am wenigsten bekannt. Dies dürfte wohl daran liegen, dass die Thüringer als einziger der deutschen Stämme nie an das Römische Reich gegrenzt hat und sich daher keinerlei schriftliche Aufzeichnungen erhalten haben. Daher ist man ausschließlich auf archäologische Untersuchungen angewiesen.
Es gibt einige Theorien über die Volkwerdung der Thüringer, hier seien aber die beiden bekannteren angeführt.
Die ältere ging davon aus, dass sich die Thüringer aus den älteren Hermunduren entwickelt hätten. Die neuere geht davon aus, dass die Thüringer aus dem westgotischen Stamm der Terwingen hervorgegangen seien. Welche nun stimmt ist schwer zu sagen.
Erstere dürfte aber am unwahrscheinlichsten sein. Zwar stimmt es das die Hermunduren auf dem Gebiet des heutigen Thüringen siedelten, allerdings gibt es ab dem Ende der Markomannenkriege im Jahr 182, keinerlei Nachweis mehr von ihnen. Die erste schriftliche Erwähnung der Thüringer datiert aber aus der Zeit um 400. Und von den Grabungsfunden ausgehend dürfte Thüringen noch in seiner Königszeit um 500 herum nur recht spärlich besiedelt gewesen sein, was nicht gerade für eine lange Siedlungstradition spricht.
Die zweite Theorie ist da schon schlüssiger. Insofern nämlich, als die Thüringer in ihrer Königszeit sowohl mit den Langobarden als auch mit den Ostgoten in einem engen Bündnissystem lebten. Durch Abstammung den Ostgoten verbunden könnte dies manches erklären. Auch das sie im Zuge der Hunnenkriege und der Völkerwanderung nach dem heutigen Thüringen gelangt sind ist dabei ebenso denkbar. Man denke an die Vandalen, welche aus dem heutigen Polen bis nach Nordafrika kamen! Dies wird durch Grabungsfunde zumindest angedeutet, es bleiben aber dennoch viele Fragezeichen.
Fest steht aber in jedem Fall dass die Ethnogenese weniger aus schon ansässigen, sondern vielmehr von zugewanderten Germanen ausgelöst und vollzogen wurde.
Wirklich gesicherte (aber dennoch spärliche) Informationen über die Thüringer erhalten wir erst aus der Zeit um 500 mit der Nennung ihres ersten Königs Bisinus oder Bessinus. Hier kann man auch eine Parallele zu den Bajuwaren ziehen; auch von diesen haben wir erst gesicherte Kenntnisse als sich ihre Stammesbildung bereits vollzogen hatte.
In der Königszeit herrschten die Thüringer über ein lang gestrecktes Gebiet welches sich in etwa von Salwedel bis zur Donau, und von der Saale bis zur Weser erstreckte.
Wie schon oben erwähnt, war das Gebiet allerdings nur sehr spärlich besiedelt, was der Stabilität des Reiches stark zuwider lief.
Die Selbstständigkeit der Thüringer endete bereits 531 bzw. 533. Einem fränkisch- sächsischen Angriff waren sie nicht gewachsen. Ihr Reich wurde zerschlagen, den Norden bekamen die Sachsen, den Westen und Süden eigneten sich die Franken an, der Rest wurde wohl als tributpflichtiges Land ein loser Teil des Frankenreiches. Es kam aber durch die Zerschlagung des Reiches zu einem Konzentrationsprozess der Bevölkerung. Zwar gingen rund zwei Drittel des Landes verloren, viele waren gefallen oder waren geflohen, doch die Zurückgebliebenen sammelten sich im verbliebenen Land, und stärkten damit die Einheit von Land und Stamm.
Zwar blieb das Land nun Grenzland gegen die Slawen und Sachsen, wurde aber in seinem Umfang nicht mehr angerührt und blieb so, vo allem rechtlich und kulturell, als Einheit erhalten. Dafür spricht auch das Thüringische Stammesrecht welches unter Karl dem Großen um 810 aufgezeichnet wurde.
Um 630 herum wurde Thüringen vorübergehend auch als Herzogtum errichtet, doch wurde dies schon am Ende des 7. Jahrhunderts wieder aufgehoben. Grund dafür dürfte wohl die herrschaftliche Zersplitterung des Landes gewesen sein, welche ihre Hauptursache in der Zerschlagung der königlichen Zentralgewalt des alten Reiches haben dürfte. Auch die wiederholten Erbstreitigkeiten unter den Merowingern haben, wie in all den anderen Fällen auch, mehr den Partikularherrschaften als den Zentralgewalten geholfen.
Dank seiner territorialen, kulturellen und rechtlichen Einheit konnte das Land aber mit zur Keimzelle des Deutschen Volkes werden.