Die Volkwerdung des deutschen Volkes
Wie oben bei den Bajuwaren und allen anderen Stämmen bereits angesprochen und angeklungen, ist eine Volkwerdung nichts, was mal auf die schnelle geschieht. Vielmehr muss man bei einer Volkwerdung, Ethnogenese genannt, mit einem Zeitraum von rund 4 - 6 Generationen, also 100- 150 Jahre, rechnen. Dies bedeutet, dass man von einem voll ausgebildetem deutschen Volk erst um 750 sprechen kann.
Dies wird noch dadurch erhärtet, wenn man sich die Synodalakten einiger Synoden aus jener Zeit ansieht. In ihnen kommen oftmals althochdeutsche Wörter (z.B. beim Concilium in Austrasia habitum quid digitur Germanicum) und Ortsbezeichnungen (z.B. in der Notitia Arnonis) vor. Dies kann aber nur möglich sein, wenn bereits eine Sprache und ein dazugehöriges Volk existieren. Denn wozu sonst sollte man sie in die Akten aufnehmen wenn sie niemand verstehen würde? Noch ein weiteres ist bei diesen Akten wichtig, nämlich die Bezeichnung „theodisc“, von dem sich unser Name Deutsche ableitet. Man hat oft angeführt, dass diese Bezeichnung aus dem Germanischen stamme und soviel wie volkssprachlich bedeute. Daher wäre in den Akten nur von einer germanischen Volkssprache die Rede, aber nicht von der deutschen Sprache. Nun, die Herleitung ist schon zutreffend, ich darf aber an dieser Stelle anmerken, dass diese Akten in Latein abgefasst sind, und im Lateinischen bedeutetn die Vokabeln „vulgari vocabulo“, oder ähnlich, volkssprachlich. Da hier also keine lateinischen Vokabeln verwendet wurden, kann es sich naturgemäß nur um einen Eigennamen, in diesem Fall um die Bezeichnung der deutschen Sprache, handeln! Das wird auch dadurch erhärtet, dass ja deutsch etymologisch von theodisc abstammt!
Und das die Sprache dem Volksnamen voraus geht ist auch nicht ungewöhnlich. Man denke z.B. an die Franzosen oder an die Russen. In beiden Fällen gab es die Völker schon lange bevor es den Volksnamen gab.
Der entscheidende Beweis aber , ist das "Abrogans". Es ist das älteste deutschsprachige Buch überhaupt, und bezeichnender weise ein Wörterbuch, genauer gesagt ein Glossar. Entstanden wohl in Freising, Bayern, in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts!
Für das deutsche Volk sind drei Dinge von entscheidender Bedeutung. Zum einen die zweite Lautverschiebung (ab dem Jahr 600), zum anderen die fränkischen Teilreiche. Als drittes muss erwähnt werden, dass, im Gegensatz z. B. zu den Franzosen, bei uns Deutschen nur germanische Stämme zu einem neuen Volk zusammenwuchsen. Daher konnten sie schneller zusammen wachsen als andere Völker, da ihre Gemeinsamkeiten schon von Beginn an recht weit reichten, vor allem die sprachlichen.
Die Lautverschiebung, die sich von Süd nach Nord ausbreitete, erfasste zunächst nur die deutschen Stämme innerhalb des Frankenreiches. Also Alemannen, Bajuwaren, rheinische Franken und Thüringer. Die Sachsen als fünfter deutscher Stamm werden erst im 9. Jh. sprachlich assimiliert, obgleich auch die Lautverschiebung auf sie Einfluss ausübte, aber eben weit geringer und mit Verzögerung. Dies ist wohl auch der Grund dafür, warum sich gerade in Niederdeutschland so viele verschiedene Dialekte und Sprachen erhalten haben (z.B. Niederdeutsch oder Plattdeutsch).
Als sechsten deutschen Stamm zählt man dann noch die Friesen. Allerdings bin ich mir hier selbst nicht sicher, da einerseits deren Assimilierung das ganze Mittelalter hindurch andauerte. Andererseits gibt es heute noch ein friesisches Volk und eine friesische Sprache. Inwiefern sie das zu einem "deutschen" Stamm macht, erschließt sich mir allerdings nicht.
Alle drei fränkischen Teilreiche, Austrien, Neustrien und Franko- Burgund, garantierten das Zusammenwachsen dieses neuen Volkes. Zwar stimmt es, das die genauen Grenzen dieser Teilreiche sich steht’s änderten. Die Kernräume aber, und das ist entscheidend, blieben über Jahrhunderte hinweg die gleichen.
So war es dann auch möglich, dass sich in Austrien (Ostreich) das deutsche Volk entwickeln konnte. Denn Alemannen, Bayern, rheinische Franken und Thüringer gehörten über Jahrhunderte zum selben Teilreich.
Genauso wie in Neustrien (Neu- oder Westreich) das französische Volk entstand, und wie in Franko- Burgund das spätere Königreich Burgund oder Arelat des 10. und 11. Jahrhunderts entstand. Mit Provenzalisch entstand in Franko- Burgund ebenfalls eine eigene Sprache. Ebenso entstand in Aquitanien das noch heute bestehende Okzitanisch, was ebenso den häufigen Teilungen des merowingischen Reiches geschuldet ist.
Über Jahrhunderte hinweg gehörten dieselben Stämme, dieselben Kerngebiete zueinander. So verwundert es auch nicht, dass mit der Zeit das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Teilreiche so groß wurde, dass der Adel sogar auf dem Erhalt der Grenzen dieser Teilreiche bestand!
Einzig in dem Jahrhundert von Pippin III. bis zu Ludwig dem Frommen konnten die Karolinger noch einmal ein Gesamtfränkisches Reich mit einer „Zentralverwaltung“ errichten. Doch waren da die zentrifugalen Kräfte bereits immanent geworden.
Die germanischen Stämme aus denen unser Volk erwuchs hatten darüber hinaus den Vorteil, sowohl in Sprache als auch Kultur schon auf große Gemeinsamkeiten zurückgreifen zu können. Dies erlaubte ein leichteres und schnelleres Zusammenwachsen als zum Beispiel bei den späteren romanischen Völkern. Durch Ehen waren diverse Adelsfamilien miteinander verschwägert, Handelswege verbanden sie miteinander. Auch den militärischen Aspekt sollte man nicht geringschätzen. Während der gesamten slawischen Völkerwanderung und der Awarengefahr, mussten die alten Stämme immer wieder gemeinsam auf Bedrohungen reagieren, denen sie alleine nicht gewachsen wären. Auch dies trug zu einer Stärkung des Gemeinschaftssinnes bei.