Das karolingische Frankenreich
Das karolingische Frankenreich, benannt nach der Herrscherfamilie der Karolinger, konnte noch einmal für rund hundert Jahre die unterschiedlichen fränkischen Teilreiche unter einen Hut bringen. Möglich wurde dies dadurch, dass mit Pippin III., Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen drei Herrscher aufeinander folgten, welche alleine regieren konnten. Denn üblicherweise wurde ja das Erbe bei den Franken gleichmäßig geteilt.
Zur Machtübernahme durch die Karolinger kam es auf Grund von zwei einschneidenden Ereignissen.
Zum Einen waren die Merowinger im Lauf der Jahrhunderte zu regelrechten Schattenherrschern geworden, welche nur mehr geringen Einfluss auf die Politik des Reiches nehmen konnten. Dazu hatten ganz wesentlich die Teilreiche beigetragen, welche die Macht der Herrscher beständig verringerten. Dazu trug auch bei, dass viele Herrschaftspraktiken aus dem 6. Jahrhundert, im 8. Jahrhundert auf blankes Unverständnis stießen.
Zweitens, konnten sich durch diese Machtlosigkeit andere Adelsgeschlechter einen großen Spielraum verschaffen und diesen beständig ausbauen. Ebenfalls mit ein Grund für die häufigen Bürgerkriege im Frankenreich. Und die erfolgreichste dieser Sippen waren die Karolinger.
Die Vorgehensweise hingegen sucht in dieser Zeit seinesgleichen. Pippin III. ließ 751 beim Papst nachfragen wer das Recht hatte zu herrschen. Und der Schiedsspruch des Papstes lautete, dass derjenige König sein sollte, der auch in der Lage war zu herrschen.
Daraufhin wurden die letzten Merowinger geschoren, das heißt sie erhielten eine Tonsur, und wurden ins Kloster verbannt. In einer Zeit in der es eigentlich üblich war seinen Gegner mitsamt seiner Familie umzubringen, war dies ein bedeutender Akt der die mittelalterliche Geschichte prägen sollte.
In ihrer Position gestärkt und durch reibungslose Erbfolge unterstützt konnten die Karolinger das Frankenreich zu seiner letzten Blüte treiben.
759 wurde Septimanien erobert, bis 771 das, wir würden heute sagen autonome, Herzogtum Aquitanien voll ins Reich integriert. 774 wurden der bayrische Nordgau (alles Land nördlich der Donau) und das Langobardenreich erobert. Von 777- 97 wurde Sachsen erobert, 778- 812 die Spanische Mark. 788 fielen Bayern und Kärnten an das Reich. 796 wurde schließlich das Awarenreich besiegt und die Pannonische Mark errichtet. Im Jahre 800 erneuerten sie die Kaiserwürde. Um 805 herum werden Sorben und Böhmen tributpflichtig gemacht. Um 810/12 herum wird die Eider zur Grenze zu Dänemark für die nächsten tausend Jahre. Die slawischen Abodriten werden schließlich bis 830 tributpflichtig gemacht.
Das Frankenreich ist auf dem Zenit seiner Macht angekommen!
Auch kulturell wird ein gewaltiges Fundament gelegt. Durch das „pondus caroli“ wird eine einheitliche Währung geschaffen, über die Klöster und die Herrschersitze wird der Landesausbau gefördert. Klöster und Bistümer befördern einerseits die Wissenschaften, andererseits Baustil, Plastik, Malerei und Buchmalerei. Auch Lehnwesen und Rittertum werden, wenn auch rudimentär bei den Merowingern schon vorhanden, von den Karolingern zur dominanten Kriegerklasse für die nächsten 600 Jahre aufgebaut. Mit der karolingischen Minuskel wird sogar eine maßgebliche Schriftart entwickelt. Alles in allem entstand das, was man heute als Karolingische Renaissance bezeichnet. Und wenn sie auch keinen dauerhaften Bestand hatte, so liegt ihr Verdienst darin, das Fundament für die Europäische Entwicklung der nächsten 500 gelegt zu haben.
Denn, auch die Karolinger schafften es (wohl zum Glück) nicht, ihr Reich auf Dauer zu stabilisieren. Vor allem drei Gründe waren dafür verantwortlich.
Erstens die erneuten Reichsteilungen unter den Söhnen Ludwigs des Frommen. Dadurch wurde die Machtposition des Herrscherhauses erneut geschwächt, was vor allem die Macht der Partikulargewalten stärkte.
Zweitens, die Angriffe der Sarazenen aus dem Süden, der Wikinger aus dem Norden und der Ungarn aus dem Osten. Dadurch entstand eine Situation, in welcher jedes einzelne Teilreich selbst aufs schwerste bedroht war, und damit außer Stande den anderen Teilreichen zu helfen. Dies fiel wiederum auf den Kaiser zurück, da dessen zentrale Aufgabe darin bestand, das Land zu schützen.
Drittens, war das karolingische Reich, noch mehr als das merowingische, ein Vielvölkerstaat. Nach Ludwigs des Frommen Tod wurde dieser Vielvölkercharakter des Riesenreiches schlagend. Die einzelnen Völker wollten in „ihren“ Teilreichen zusammenbleiben. Bestenfalls waren sie gewillt eine fränkische Oberhoheit zu akzeptieren. Hier fand die Entwicklung der Völker Mittel- und Westeuropas seinen Abschluss.
In den Jahren 879/80 trugen die Karolinger dieser Entwicklung schließlich Rechnung und teilten ihr Großreich in drei festgelegte Teilreiche, in den Verträgen von Verdun und Ribemont. Es entstanden Ostfranken, Westfranken und Hochburgund mit Italien, ohne jedoch damals schon das Ausscheiden Niederburgunds zwischen Lyon und Marseille verhindern zu können.
Kaiser sollte fortan der je älteste sein und die Oberhoheit ausüben. Doch blieb diese nur theoretisch, da die äußeren Bedrohungen und die Zentrifugalkräfte bereits zu groß waren.
887 starben die Karolinger in Italien aus, und das Land wurde ein unabhängiges Königreich. 888 schied auch Hochburgund aus dem Reichsverband aus.
911 starben sie in Ostfranken aus. Mit Konrad dem Roten, Herzog von Franken, wurde noch einmal ein „Franke“ zum König gewählt. Doch er selbst war es, der Entwicklung Rechnung tragend, der Herzog Heinrich von Sachsen, zu seinem Nachfolger erkor. Damit schied, im Jahr 919 mit dem Tod Konrads, Ostfranken ebenfalls aus dem Gesamtreich aus. Das Deutsche Reich war geboren.
Einzig in Westfranken konnten sich die Karolinger noch, mehr schlecht als recht, behaupten. Als aber im Jahr 987 auch dort die Karolinger ausstarben, war mit Hugo Capet nicht nur eine neue Dynastie, sondern auch ein neues Land entstanden, Frankreich.