Ich bin als ganz normales durchschnittliches Mädchen der unteren Mittelschicht aufgewachsen. Meinen ersten Job hatte ich mit 14 Jahren in einem Vertriebsservice der mir so verhassten Dorf-Tageszeitung. Aber die Bezahlung war gut, man konnte neben dem Abtelefonieren potentieller Interessenten eines kostenlosen Probeabos wunderbar Schularbeiten erledigen und sich auf den nächsten Tag vorbereiten. Für ein Teenieleben mit Klamotten von H&M, einer Menge Bücher und Ausgehen hat es locker gereicht.
Irgendwann kam das Abiturjahr und der erste feste Freund, den ich zwar von Herzen liebte, der aber etwas arbeitsscheu war. Für zwei reichte das Geld plötzlich nicht mehr. Die Ansprüche wurden größer, die Unternehmungen, Partys und Urlaube teurer.
Als „coole“ Abiturienten war es natürlich auch wichtig, mit den anderen mithalten zu können. So kleidete ich erst meinen Freund stylish ein und dann mich. Der Telefonjob reichte dafür schon lange nicht mehr; es musste ein zweiter Job her.
Auch bei diesem ging ich den einfachen aber erfolgreichen Weg: dank einer Freundin bekam ich ohne Ahnung und Erfahrung einen Job in einer Bar. Ein Tresenjob? Wer mich wirklich kannte, bekam Zweifel, dass das zu mir passte. Das schüchterne Mädchen, das versuchte, dazuzugehören. Aber ich überwand die Zweifel und fand gefallen daran, eine neue Umgebung und neue Leute kennenzulernen, auf Partys zu feiern mit dem schützenden Tresen zwischen sich und den anderen. Mit der Stimmung und dem Alkoholpegel stiegen die Trinkgelder, wodurch bis zu 400 € pro Abend zusammenkamen.
Ich begann mein Jurastudium und pendelte nach München. Denn mein Freund blieb in der Heimatstadt, ich hatte da den super Job und viele meiner Freunde blieben auch. Ich hatte eine sehr gute Zeit mit Klamotten, Designertaschen, Kurztrips und Urlaube. Sogar eine Waschmaschine für den nächsten Freund war leicht drin.
Irgendwann näherte sich das Examen, ein teures Repetitorium musste begonnen werden. Ich wurde auch älter, freitags und samstags arbeiten jeweils bis 8 Uhr morgens machte mich platt. Fit war ich erst dienstags wieder. Also bin ich kürzer getreten. Aber meinen Lebensstandard senken? Darüber dachte ich keine Sekunde nach. Passenderweise flatterte ein Infobrief über Studienkredite ins Haus: 650 € im Monat konnte man sich da auszahlen lassen. Super, wieder schnelles Geld!
Das Ende vom Lied: Examen in der Tasche und richtig Miese auf dem Konto. Aber Einsicht? Fehlanzeige.
Die Jobaussichten mit erstem Examen sind mehr als dürftig. Das Referendariat musste finanziert werden. Bei den Eltern weiterhin wohnen war allerdings keine Option mehr. Aber das Gehalt im Referendariat reicht gerade so fürs Leben, für die teuren Bücher, Kurse und für ein adäquates Sozialleben in München absolut nicht. Also wie finanzieren?
Ein kleiner Mitleid erregender Vortrag bei der Hausbank, ein bisschen schlechtes Argumentieren und da war er: der nächste Kredit. Immerhin kannte ich mich so gut, dass von der Kreditsumme monatlich nur ein Teilbetrag ausbezahlt wurde. Wer weiß, sonst wäre es am Ende nur noch mehr geworden.
Nach dem zweiten Examen holte mich die Realität ein. Da ich nicht zu den oberen zehn Prozent im Ranking gehöre, war das Jobangebot sehr begrenzt. Mein alter Chef bot mir an, auf selbstständiger Basis bei ihm einzusteigen. Es wäre ein Traumjob, aber für mich einfach nicht finanzierbar und außerdem wollte ich mich nicht an München binden – immerhin hatte ich noch nie längere Zeit woanders gelebt.
Auf meine Bewerbungen als Anwältin habe ich nicht mal Reaktionen erhalten. Ich fiel in ein Loch. Eine Menge Schulden und ich saß wieder bei meinen Eltern auf dem Dorf, hatte keinen Cent in der Tasche und die so nette, verständnisvolle Hausbank fing an Druck zu machen. Sie wollten tatsächlich ihr Geld zurückhaben.
Dann kam glücklicherweise ein Anstoß von außen und die erste Bewerbung nach Wien war ein Erfolg. Endlich ein Job, Hauptsache wieder raus bei den Eltern und Arbeit!
Nach langem Ringen konnte ich meinen Lebensstandard senken, aber es taten sich neue Schwierigkeiten auf. Denn zu viel geißeln mit dem Spardiktat sollte man sich auch wieder nicht – macht genauso unglücklich und erleichtert es nicht Anschluss in der neuen Stadt zu finden.
Die Schulden nehmen mir gerade meine Freiheit und werden mein Leben noch eine ganze Weile bestimmen. Die monatliche Rate ist so hoch, dass kaum Luft bleibt. Urlaub? Wohl kaum in nächster Zeit. Neue Business-Kleidung? Schwer zu finanzieren. Gerade zahle ich die Quittung für den jahrelangen überflüssigen Konsum, die Unterstützung für Menschen, die schon lange nicht mehr in meinem Leben sind und der Ärger über mich selbst, dass ich auf das schnelle Geld reingefallen bin.
Aber warum wird darüber eigentlich so wenig gesprochen? Ich bin nicht die Einzige da draußen, die nach dem Studium verschuldet ist. Ich bin nicht die Einzige, die jahrelang dem angeblich glückselig machenden Konsumversprechen hinterhergelaufen ist.
Es gibt genug Statistiken darüber, wie hoch junge Leute verschuldet sind und woran es liegt: allen voran die fehlende finanzielle Allgemeinbildung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, keinen Überblick über die eigenen Finanzen und übermäßiges Konsumverhalten. Das Konsumverhalten trifft auf mich zu, aber da ich jahrelang ein Haushaltsbuch geführt habe, weiß ich, wo das Geld hinfloß. Ich verstehe wirtschaftliche Zusammenhänge.
Mein Fehler war auf eine bessere, erfolgreiche Zukunft vertraut zu haben, die ich nach einem Hochschulabschluss erwartet habe. Mein Fehler war, den bequemen Weg gegangen zu sein um meinen hohen Lebensstandard erhalten zu können. Mein Fehler war, dazugehören zu wollen, mir Anerkennung verschaffen zu wollen, mit tollen Klamotten, beim Weggehen und Essengehen bedenkenlos konsumiert zu haben. Die Verschuldung hat nichts mit Unwissenheit zu tun, sondern mit meinem Versagen, mich von der Konsumgesellschaft ein Stück weit abgrenzen zu können und meinem Wunsch dazuzugehören.
Ein Hochschulabschluss ist nicht die Garantie dafür, später einen gut bezahlten Job zu finden. Das weiß ich jetzt.